der wilderer

"Et, eux, ils sont morts là-dessous parce qu'ils consentent à la mort. Moi, je vais chercher la lumière parce que je suis vivant."

Rastlos

Es gab eine Zeit des Heimwehs. "Lengi Ziiti", nach Heimat, nach den Welten der Kindheit, nach der Geborgenheit des schattigen Tals. Das Heimweh ging. Das Fernweh kam. Man sollte nicht zu weit weggehen vielleicht, denn es könnte sein, dass man nie mehr wirklich heim kommt. Da geht es uns Wissensnomaden wohl nicht anders als den Wilderern und Söldnern damals, als es noch richtige, echte Heimaten gab. Ein Stück Seele bleibt immer da draussen, und was einst warm und vertraut erschien, ist nur noch stickig und eng. Es sind die stürmischen Seelen, die bei Rán ruhen, unter kühlen Wellen, irgendwo in den Weiten des Nordmeers.

Ach - es wird ein langer Sommer heuer.

Bild: Blick auf die Berge Nordostgrønlands, aus dem Fenster einer Twin Otter, Sommer 2008.

IPY-Kurs

Nach einer kurzen Nacht und einem verdammt fruehen Start sind wir in Oslo angekommen. Nun geht die Reise weiter nach Island und dann nach Grønland. Bisherige Bilanz: Zwei Begegnungen mit einem ziemlich aggressiven Eisbæren, ein im Permafrost festgefrorener Bohrkopf, drei im Tiefkuehllaboratorium bei -15 zerlegte Bohrkerne, eine ganze Menge hoffentlich brauchbarer Samples und einige stilvoll geleerte Flaschen Single Malt. Bilder, Hintergrund und regelmæssige updates zu unserer Forschungsreise gibt es auf TSP Norway unter "IPY Course Blog".

Back in LYR

Seit Freitag bin ich wieder in Longyearbyen, Spitzbergen, hoch oben am 78. Breitengrad. Als ich LYR im Mai verlassen hatte, war die Insel noch eine weisse Märchenlandschaft. Sonne, Schnee, blauer Himmel und eisige Kälte. Nun ist der Sommer eingekehrt. Am Flughafen erwartet mich Nieselregen, Nebel verhüllt die Gipfel, die Berge sind braun. In Nybyen stehen die Snowscooter nutzlos herum, dazwischen alte Benzinkanister und Holzpaletten. Die Abwasserleitungen führen neben den Baracken dabei - hier im Permafrost müssen sie oberirdisch verlgegt werden.

"Der Sommer ist die härteste Zeit hier oben", meint ein Logistiker des Norwegischen Polarinstituts Abends beim Bier. Er kommt aus Deutschland, ist seit drei Jahren hier, auch an Weihnachten, wenn die "Evacuation Flights" den grössten Teil der Einwohner nach Süden verfrachten, und an Neujahr, wenn er mit alten Leuchtraketen der Armee das ganze Tal für ein paar Minuten hell erleuchtet. Das Schlafzimmerfenster hat er mit Brettern vernagelt - so schläft es sich besser im monatelangen Polartag.....

Als ich heute morgen aus dem Fenster blicke, leuchtet das Hjorthfellet hell weiss. Es hat geschneit in der "Nacht". Vom Dach der Barracke tropft Schmelzwasser. Sommer in Longyearbyen. Morgen soll es auf einen kleinen Trip hinaus in die Wildnis gehen. Wir haben alles. Proviant, Gewehre, Munition, Trip-Wires und Signalpatronen, ein Zelt das etwas aushält. An eines habe ich nicht gedacht: Spiritus, unverzichtbarer Brennstoff für meinen Kocher, ist in Longyearbyen kaum erhältlich. In der ehemaligen Grubenarbeitersiedlung darf der Industriealkohol nur an der einzigen Tankstelle verkauft werden. Und die öffnet erst morgen wieder. Bis dahin heisst es abwarten und aus dem Fenster kucken. Die beiden Bilder zeigen den Blick von meinem Schreibtisch.

Sommerschnee

Frühsommer in den Berner Alpen. Wolkenberge stauen sich an den Kalkmauern des Alpennordkamms, Nebel hängen in den waldigen Hängen. Oben auf den Gletschern liegt noch viel Schnee, taut im Nieselregen langsam vor sich hin. Wasser überall: Donnernd und schäumend wälzen sich die Bäche ins Tal, stürzen über mächtige Fälle, mahlen und wummern in den Kolken, Tonnen geschmolzenen Eises graben sich in den harten in Fels, überziehen Tannen und Farn mit feinen Perlen von Gischt.

Unser Pfad führt durch leuchtendes Grün; Moos, Bäume, Gras. Oberhalb des Tobels kommen wir auf eine Alp. Kühe weiden zwischen Wettertannen, es riecht nach Mist und Rauch. Feuergrubenwetter, doch wir müssen weiter hinauf. Der Weg windet sich durch Felsabbrüche und Lawinenrunsen, der Regen wird stärker, es ist nass und kalt. Die Rucksäcke beginnen zu drücken - wir sind mit dem Zelt unterwegs. Eigentlich hatten uns die sonnigen Gipfel des Wallis gelockt. Doch dort wüten heute arktische Schneestürme.


Oben angekommen, erwartet uns der erste Sommerschnee. Ein feuchter Flaum hat sich auf die blumendurchzogenen Alpweiden gelegt. Eisschollen schwimmen auf dem stillen Bergsee. Ein eigenartiges Licht wirkt durch den Nebel. Hinter uns ragen schwarze Felswände in den Himmel, vor uns schweift der Blick weit über das verregnete Land.


Eine unheimliche Verlorenheit liegt über dieser kargen Welt. Es ist beklemmend still. Felsen starren in den grauen Himmel, Nebel streichen langsam den regenschwarzen Wänden entlang, umspielen sie, flüchtig, langsam und doch schnell wie der Wind. Man hört das Murmeln von Wasser, und manchmal das kantige, sich überschlagende Geräusch eines fallenden Steins. Es klingt wie ein einsames, trostloses Lachen.


Am Morgen liegt frischer Tau auf den Zeltplanen. Im Nordosten färbt sich der Himmel feilchenblau. Noch sind die Kleider klamm, ein saurer Wind weht von Westen her über die kleine, grüne Stufe im Fels, auf der wir unser Lager aufgeschlagen haben. Er verheisst nichts gutes.


Wir sind gut eine Stunde unterwegs, als wir die Regenwand nahen sehen. Innert Minuten hat der Nebel die Gipfel dort eingepackt. Vor uns liegt eine Welt aus Schutt und Fels, vom Gletscher erst seit wenigen Jahrzehnten freigegeben. Geröllhalden, Schneefelder, Karst. Gebiet, in dem man sich im Nebel verlieren kann. Wir kehren um. Einmal mehr hat der Berg uns nicht gewollt.


Einige Stunden später sind wir wieder, wo wir hingehören. Unten im Tal, in der Kneipe. Die Wappen des Bauernadels prangen an den Holzwänden, füllige Ehepaare nutzen den Regentag für ein währschaftes Essen im Gasthaus. Berner Oberland. Ich bin zurück.

Kunst, die keine sein will

Kerguelen mit 1 Million Einwohner: Kartenprojekt von Kondrad Weber.

Wir sassen an einem Herbstabend in einer schönen alten Stadtwohnung, wir feierten gerade einen Geburtstag und irgendwie war das Gespräch auf eine abenteuerliche Exkursion durch die Sekundärwildnis Val Grande und deren exzentrischen Guide, den Kartographen und Chemiker Konrad Weber gekommen, als mein Tischnachbar plötztlich meinte: "Das ist typisch für Schweizer Kunst."

Kunst. Ich hatte eben von Webers Hobbyprojekten erzählt. Tunnel-Tramling zum Beispiel, einer "Sportart", bei der es darum geht, dem Verlauf von Eisenbahntunneln zu folgen - zu Fuss und möglichst auf den Meter genau, durch Vorgärten, Felswände und Schuttdeponien. Von seinem Projekt, sich möglichst günstig zu ernähren: Weber rechnete die Rappen/Kalorien-Verhältnisse aller möglichen Lebensmittel aus und endete mit einer Diät aus Sauerrahm und reinem Zucker. Oder von seinen fiktiven Städten, die er mit der Genauigkeit eines Ingenieurs an unmöglichste Orte hinzeichnet: Auf Alpengipfel etwa, unter abschmelzende Gletscher, oder - wie zuletzt - auf die Kergueleninsel, wo er gleich ein ganzes fiktives Land erschuf.

Mit Kunst hatte ich das bislang nicht in Verbindung gebracht. Aber verdammt, Johannes hatte recht! Das Tunneltrampling: Eine phantastische Kunstintervention, welche verborgene Strukturen in der vermeintlich ländlichen Landschaft für einen Moment sichtbar macht, eine Auseinandersetzung zwischen der konstruierten Abgeschiedenheit der "heilen Bergwelt" und der Realität des internationalen Güterverkehrs, den Venen der Globalisierung, welche diese verborgen durchziehen. Die Zucker-Diät: Eine Performance, welche die analytische Beschäftigung mit Ernährung und das Durchdringen aller Lebensbereiche durch die Denktechniken der Ökonomie am eigenen Leibe demonstriert - und dabei auch auf die weltweite Nahrungskrise aufmerksam macht. Die virtuellen Städte an Orten, wo zur Zeit das ewige Eis herrscht: Ein provozierender Einwurf zur Diskussion um den Klimawandel, der die Frage nach unserem Verhältnis zur "Natur" neu stellt. Ein bisschen postmodernes Wortgeklingel, etwas Message und ein paar kryptische Interviews, und frei wäre der Weg an die Art.

Bis dahin sind die faszinierenden Werke des Künstlers, der keine Kunst machen will, auf seiner völlig unprätentiösen Homepage zu bewundern. Genauer hinkucken lohnt sich: www.reliefs.ch.