Entfesselt


Wir sind zu Besuch hier. Wenige Minuten ennet der Grenze. Wo die Tankstellen sind und die Autobahnen und die Bankomaten. Und der Rhein in einem strengen Korsett fliesst, weil er Grenze sein muss. Grenze zwischen was? In der Raetia Prima? Wo man ein Alemannisch spricht, das das alte Latein mit jedem «a» verrät? 

Wir sind zu Besuch hier, bei einem alten Freund, dem ich nie die Hand geben konnte. Aber, wenn einer stirbt, stirbt dann alles?

Die Antwort im Dorf ob dem Rheintal ist ein kräftiges Nein. «Was mahent iir då? Aso, dr Vatter isch a då gsii! Bischd en Roota in dem Fall? S' ischd offeriart! Kum in's Öschtricherhuus!» Es ist ein warmes Willkommen, und wir gehen als letzte. 

Wochenlang haben sie gearbeitet an ihrem Funka. 22 Meter hoch ist er geworden, und er hat 36 Minuten lang gebrannt. Eine Fackel im Ländle, ein Feuer, das immer auflodert, wenn der Mond dem Winter zeigt, dass es Zeit ist, zu gehen, 40 Tage bevor er nach der der Tagundnachtgleiche voll wird. Sie bauen diesen Turm, weil sie da sind. Sie bauen ihn für die Kinder und die Grossväter  und all jene, die dabei waren und zu früh gegangen sind. Oder auch nur für die Maatla und für sich selbst, und das ist alles das gleiche, weil sie im Funka alle sind.  In dem Augenblick, wenn der Turm in sich zusammenfällt und der Himmel rot wird und die Sprangen in den Himmel stieben.

Sie sind verkatert von der Funkenwache, als die Zuschauer schauen und staunen, wie hoch auf der Leiter eine Fackel ins Holz greift – und die Männer die Kraft der Sonne entfesseln, die im Bergholz war, die heim will, in den Himmel stürmt, in die Kälte und ins Nichts. Zu den anderen Funken. Den Sternen. 



Original Soundtrack vor Ort (weil es der grösste Tag des Jahres war):

Alterativer Soundtrack (weil es auch ein Totenfeuer war):

Fotos Æ.W.

...und wenn der Schnee fallt.

«Ruhig liegt der einsame Hof im Berner Jura. Der Wind hat sich gelegt, die Schneewolken sind weitergezogen und nichts deutet auf das nächtliche, unheimliche Treiben, das hier stattgefunden hat……»
 Æ. W. 



Der Schnee war nass. Der Wind fröstelnd und doch nicht kalt. Der Widerwille gross. Das Gebet kühl und knapp. Keiner sah, wie si uf der Fieri siin, die Geister, tüüsend auf jeden Gufenchnopf, wie sie leise durch die Tannen strichen, als das Licht noch schien, lange nachdem die Sonne zu Rast und Gnaden gegangen war. Oder vielleicht nie mehr kommen würde. 

In dieser Nacht. In der sie dachten, es werde sein wie immer. Und man in der Küche handwerkte und in der Stube auch ein wenig sang, weil es doch ein Fest sein sollte. Bis eine dunkle Frau mit kalten Augen durch den Nebel starrte.

Es gibt kein Fest für die Verlorenen. Für jene, die immer weiter ziehen. Es gibt keine Freude für die armen Seelen. Ihre Ewigkeit in Eis und Sturm. Wo in leeren Herzen kein Feuer mehr brennt. Verloren sein, bis der letzte Winter kommt. Nach dem grossen Brand.

Und wir sind nichts als kleine schwitzende leidende Körper. Wir quälen uns durch den Schnee und durch die Nacht. Da ist kein Gott in uns, da ist keine Berserkerei. Da sind nur Beine, die nicht tragen mögen, Arme die brennen, Herzen, die zu bald zu schnell hämmern, Lungen, die in der kalten Luft verdorren. Da ist nur Widerwille, die Gewissheit, dass man das nicht will. Und die Pflicht. Die verdammte Pflicht. Die zur Melodie wird, und zur Magie. Nach langer, langer Zeit. Bis man nichts anderes mehr will. 


Ewigkeiten später wird die Hütte zum Palast. Durch einen langen Gang von Türen geht es Schritt für Schritt voran. Schlag für Schlag. Und die Hungrigen werden durstig, und den Kleinmütigen geht die Welt auf. Das Heer ist hier.


Und das Heer geht. Hinein in die Nacht. Verschwindet darin. Und findet zwischen Steinen den ewig langen Gleichklang. Zeit ist nicht mehr. Hass ist nicht mehr. Wut ist nicht mehr. Trauer löst sich auf. Ein unerfindlicher Gleichmut steigt aus dem Eisen in die Finger, in die Arme, ins Herz. Tannen stehen vor Weiss. Dieser Zug soll nie aufhören. Wir sind, verloren, daheim.

Zeichnungen: J.P.

Und wir kommen wieder. Durch Feuer und Rauch, durch Nebel. Und verschwinden in feuchten Ecken und Schatten, wenn Ihr in die Sonne geht.

 Im Ohr:
ENSLAVED

Nasse Erde



Der Winter, wenn er denn in das Keltenland kommt, schmilzt weg zur Wintersonnwende. Geht weg für zwölf Tage. Dann wird es plötzlich warm. Der Sturm bricht Bäume, der Fluss geht über. Und es ist Weihnacht.

Und das ganze Städtlein grüsst sich und wünscht. Eine schwarze Schar von Krähen zieht über die für einmal bewegten Gassen. Das Licht geht zu blau, die Glocken läuten. Es sind einsame Zeiten. Denn wer weiss schon, was nach dem Grüssen und Wünschen kommt. Wie es aussieht in den Wohnungen danach. 

Und die Birs nimmt alles mit. Freundschaften. Verwandtschaften.  Liebe. Glauben und Gewissheiten. Und macht mich frei. 


Sihlsonne


Und wieder, Bergschuhe, Hammer, Meissel. Nur sitze ich nun in der S-Bahn und fahre durch die Zürcher Stadtlandschaft. Der Sihl entlang ins Nagelfluhgebirge, wo es schattig ist und waldig und der finstere Trichter der Fallätsche die gesamte Erdgeschichte des Mittellandes aufreisst.

Industrieerbe, Sünden der Sechzigerjahre. Eine Autobahn, auf Pfeilern, mitten im Fluss. Enge, urbane Erinnerung an ärmere Zeiten.

Ich bin etwas verloren, mit meiner Gebirgsausrüstung, mitten in der Stadt. Es ist ein schöner Montag, die Banlieu schläft, Frauen spazieren mit ihren Hunden und Jogger markieren in engen Kleidern aus Plastik, dass sie zwar frei, Zwinglis Geist aber doch verinnerlicht haben.

Es ist schön hier. Der Fluss, die Sonne, der Wald. Hochhäuser im Auenland.

Ich suche Mergel. Abgelagert vor dreissig Millionen Jahren, als die Alpen eine unbedeutende Inselkette, das Mittelland ein flaches Meer und der Jura eine ferne Zukunft war. Am Äntliberg tritt er zutage, schön wie nirgendwo sonst.

Die Bergschuhe habe ich vergebens mitgenommen. Keine wilde Kletterei mitten in der Agglo, keine gefährlichen Rutschpartien am steilen Prallhang. Eine Wand aus Holz und Eisenträger schützt Jogger und Hunde, der weiche Stein ist längst von selbst abenandghiid und liegt als Handstück bereit.

Ich nehme meine Proben, staple sie in den Rucksack, schreite zurück zur Haltestelle. Eine alte Frau in Stützstrümpfen verteilt den  «Wachturm», eine Tafel macht aufmerksam darauf, dass hier Bienen leben.

Ich fahre hinaus. Hinaus aus dem kühlen Dorf am See, nach Westen, nach Burgund. Es war mein letzter Tag in Zürich. Meine steinerne Ernte werden andere dreschen. Mich ruft die Aare, und eine neue Zeit.

Juratage


Die goldenen Tage in den Bergen sind vorbei. Über Zürich ziehen sich die Nebel zusammen. Es wird enger da draussen. Ich bin in diesen Tagen viel im Jura unterwegs. Ziehe im Regen durch die Wälder, sitze im Nebel in einer der urchigen Bauernstuben hoch über dem Solothurner See. Der Geruch von Wald, die erste Kälte im Wind, dass nasse Laub. 

Mit Hammer und Meissel

Bilder Æ. W.
Die Tage im Feld sind immer gleich. Aufstehen, hinaus. Rauchend auf einem Felsen stehen, die Landschaft lesen, Moränen ansprechen. Den Angriff planen wie ein Feldherr. Dann kämpft man sich durch Alpenrosen und Heidelbeeren, füllt sich die Schuhe in verborgenen Gräben mit Wasser, stolpert über Geröll, und steht dann vor dem einen Block. 


Und hämmert und hämmert. Schlägt und schlägt, bis der Fels nicht mehr ganz so taub tönt. Oder fängt von vorne wieder an. Man haut und flucht, will es irgendwann aufgeben und fast verzweifeln, schlägt aber weiter und weiter, bis plötzlich feine Steinsplitter auf dem Fels zu tanzen beginnen und der Kamerad eine leise Vibration unter der Handfläche spürt. Nun hat der Meissel gegriffen.




Ein Schlag noch, und noch einer, es knirscht, noch einer – und dann fährt der Stahl zwischen Quartz und Feldspat, der Fels bricht, und wird unter deinen Händen weich. 


Silvan


Über mir rauscht es leise im Laub. Licht tropft von den Blättern. In ihrem Grün liegt jetzt ein Hauch von Gold und Korn. Doch das Korn ist eine halbe Meile unter uns. Gras kitzelt meine Haut. Heller Kalk bettet mich weich. 

Es ist diese Zeit des Jahres. Draussen, wo der Jura endet und man auf die Flüsse und Seen des Mittellands sieht und die Alpen bald in der Abendsonne gleissen werden, machen sie Hamme und Härdöpfelsalat bereit. Ich möchte hier liegen bleiben. Denn mein Kopf schmerzt und mein Körper trauert. 

Ich liege lange, spüre die laue Luft auf der Haut. Und höre ein Wispern, sehe ein Gesicht. Augen wie Seen, Haar wie Roggen in der Sonne. Komm zurück sagt es, komm zurück. 

Und es raschelt in den Büschen wie von Faunen. 

Uristier


Es riecht nach frischem Heu und alten Tannen. Die Nachmittagssonne scheint weichend ins Tal herein, man hört die Reuss, ab und zu knattert ein Motor. Die Bauern sind noch am Werchen, für uns geht ein langer Arbeitstag zu Ende. Wir spüren Salz auf der Haut, Schwere in den Händen, trockene Glut auf der Stirn.

Mitten im Grün wiegt sich ein Stierenhaupt langsam im Wind. Die Augen glühen tief im zotteligen Fell, die Hörner schimmern im Gold. Die zerrissene Fahne Uris blickt uns an wie ein Urtier aus jener anderen Welt. 

Der Uristier. Vor Jahrhunderten zogen die wilden Hirtenkrieger aus den Bergen zum Brüllen seines Horns in die Schlacht, als die Urner im Felde, die Schwyzer im Rate führten. Das Urtier, das in ille tempore als einziges die Kraft aufbrachte, Surenen vom schrecklichen Greiss zu befreien, den Kampf nicht aufgab bis es siegreich verendete, lebt auch heute noch fort in diesem Land. 

Kraft, Trotz, verwegene Widerspenstigkeit blicken uns aus dem Wald heraus entgegen, bewegen sich scheinbar gereizt auf dem goldenen Grund. 

In diesem Augenblick - ein Anruf. Eine Nachricht aus dem Alltag, aus dem Land der Bahnhöfe und des schnellen Internets. Eine gute Nachricht. Eine Türe, die aufgeht, ein Weg, der sich weist. Und nun regt sich das Stierenblut auch in uns, und wir heben die Gläser und tuen einen tiefen Zug: Auf die Wildheit, den Trotz und die Unbändigkeit.