août 01, 2014

Die Berge kennen uns nicht

Wir stehen still vor einem grenzenlosen Blau. Alles ist kalt, und auch leer. Ein schwarzer Gletscher zwängt sich durch das Urgestein, Wände weisen zu einer Sonne, die kein Licht mehr ist, nur noch ein Schimmer und ein Schein. Hier ist nichts als Schwere und Zeit.

Dann kommen Leute und singen den Schweizerpsalm. Von Heimat und Morgenrot und Sternenheer. Aber die Heimat der Schweizer liegt nicht hier. Sie liegt auf grünen Alpweiden, in den Weinbergen, die in der Sonne glühen, in den Bürgerstädten und all ihrem Geld, an den kühlen Seen und auf dem Kartoffelacker und in der Fabrik. Aber nicht hier. Diese Berge kennen uns nicht. Und sie werden sich nicht an uns erinnern.

Hier hat kein Mensch seine Heimat. Ausser vielleicht jene, die es nicht so mit den Leuten und der Heimat haben. Wilderer. Bergsteiger. Forscher. Fremde. Bôtzeni. 

juin 28, 2014

Sunnwendnacht


Du hast die ganze Nacht gewacht. Ohne Lager – ausser einem kleinen Strandfeuer, zuletzt nur einem glossenden Treibholzstrunk, war da nichts. Du warst schwimmen, am Abend, im letzten Licht, um Mitternacht, unter dem Sternenhimmel. Nun ist es kalt, und die Augen fallen zu. Doch du merkst, der Himmel ist schon heller geworden. Ein seidiges Blau zieht von Westen auf. Dann das Rot. Wie Wollust fällt es über den See, das Wasser ist warm, vor dir schweigen die waldigen Berge und verbergen die Sonne, die ganz im Nordosten schon über den Erdrand lugt. Langsam kommt sie, es wird hell, die Vögel die zwitschern, und die Nacht löst sich langsam in den Morgen auf. 

Dann ist die Sonne da, mit ihr der Tag, das Grün und Gelb des hohen Sommers. Bald ist die Wärme zurück, es ist wie kurz vor Mittag und doch noch früh. Während man in der Stadt den ersten Kaffee nimmt, sind wir schon auf dem Weg zurück. Dankbar, die kürzeste Nacht durchwacht und erlebt zu haben.

...und dann noch dies:

juin 16, 2014

Durch die Hintertür

Wie Diebe sind wir in die Alpen geschlichen. Durch die Hintertür. Aus dem Eriz, wo alles ist, wie es ist im Emmental, im inneren, oberen Mittelland: Chrächen in Hügeln aus Nagelfluh und Sandstein, stattliche Höfe mit breiten Dächern, Tannen und Vieh und ein Dialekt der ist wie Brot, wenn man es nur lange genug kaut. 

Hier spaziert man los, bergauf, und ist nach ein paar Stunden in einer völlig anderen Welt. Hinter der allerersten hartkalkigen Alpenkette, im Land der Moore, Bergwälder und Karrenfelder. Hier sind wir für ein paar Stunden unterwegs. Wir sind allein, treffen niemanden. Der Sommer ist gerade erst angekommen hier, noch stehen die Alphütten leer, die Türen vernagelt, die Dächer unterstellt. Nur Ankenbälli und Enzian erinnern daran, dass hier in wenigen Wochen die Glocken bimmeln, die Feuergruben rauchen und die Bergmilch im Kessi dampft. 
Ein Pfad führt über eine Fluh zurück ins Tal, und wieder sind wieder aus den Alpen ins Mittelland geschlüpft. Die Höfe, die Kühe, der weite Blick – es könnte auch im Schwarzwald sein. Die Sonne leuchtet aus Westen gegen die Kalktürme der Sieben Hengste. Da hinten waren wir, verstohlen, still, auf einen kleinen Besuch.

juin 03, 2014

Linde Zeit

Es ist diese Zeit im Jahr. Die linde Zeit. «Liþa» nannte man sie vor Hunderten von Jahren – die sanfte und schiffbare Zeit. Es sah damals nicht anders aus als heute hier. Der Fluss, die Felsen, der Wald. Nichts sonst. Höchstens ein verlorenes Häuschen, Kalksteinmauern in der Sonne, ein kleiner Garten, ein kühles Bier. 



Wir sind am Doubs, ganz im Westen der Schweiz. Alles trägt hier keltische Namen, der Fluss, der Wald. Doubs, dass hiess einst «der düstere, wilde». Im Winter ist er das wirklich, wenn kaum ein Sonnenstrahl in die Schlucht fällt, die sich tief in die rauhen Hochebenen der Freiberge eingegraben hat. Nun, zur linden Zeit, ist er das kaum. Alles ist grün, das Wasser frisch und kühl. Bei les Brenets steigen wir hinunter in den Canyon, und bleiben drei Tage darin. 


Drei Tage lang sehen wir nur Wald und Wasser, Grün in allen Schattierungen. Drei Tage lang hören wir nur den Fluss, rauschend und tosend, wenn er über die Felsen stürzt, leise gluckernd und plätschernd, wenn er langsam über die Kiesel rinnt. 

Wir schwitzen in der Sonne, sitzen abends zwischen Wolken vom Mücken am Ufer. Wir leben und lieben in der grossen Wärme, dem grossen Grün. Den Himmel sehen wir nur ab und zu, zwischen den Felsen, durch die Äste. Es ist, als wären wir ganz weit drinnen im Land, in seinem Schoss, ganz nahe bei seinem feuchten, steinernen Herzen. In einer Höhle ohne Dach, überwuchert und durchtränkt vom Licht.  
Dann liegst Du in der Hängematte, und der Mond verschwindet hinter den Tannen hoch oben, wo das Land in die Schlucht abbricht. Und das Wasser schmatzt und schluckt und lacht verschmitzt, über Dir schaukeln die Wipfel vor den Sternen, und es wiegt dich sanft und langsam in den Schlaf.


Am schönsten ist es aber doch im Wasser. Du sitzt auf einem moosigen Stein, die Strömung drückt gegen die Brust, den Bauch, umspült Dich, reisst an Dir und stösst Dich hin und her, lechzt um jedes Glied. Nur der Kopf ist immer in der Sonne, nur manchmal machst Du die Augen auf und siehst, wie das Wasser aus dem Wald auf Dich zuschiesst, frisch und kalt und fruchtbar, dahinter die Weiden und der Wald. 



Es ist diese Zeit im Jahr. Die linde Zeit. 


mai 13, 2014

Fyrsti summardagur


Der Fall war ein Meer. Seine Gischt eine Ewigkeit. Als der Winter kam, standen wir hier. Tranken auf die Ahnen. Auf die Freiheit. Auf dass wir immer einen Weg finden. Nun ist der Winter vorbei.


Sechs Monate später sind wir wieder hier. Der Fall ist wieder ein Meer, seine Gischt ein Ozean. Die Ahnen sind immer noch da, im Wald, im Berg, im Wasser. Die Freiheit ist wieder da. Und der Weg ist gefunden. Es wird Sommer jetzt. Wir werden es probieren. Und wir werden weit kommen damit.

Dann kommt der Schnee. Und wir stapfen durch den Nebel. So fängt der Sommer eben an, im Norden. 

Fotos: D' Aschega