der wilderer

"Et, eux, ils sont morts là-dessous parce qu'ils consentent à la mort. Moi, je vais chercher la lumière parce que je suis vivant."

An der Landstrasse


Irgendwo im Jura, am Rande der Landstrasse. Der Asphalt glänzt nass uns salzig, der Schnee ist faul und überfroren. Ein Generator brüllt. Daneben ein Festzelt, zwei Dutzend Einheimische, die meisten Männer. Schweinssteak und Bier, Witze hier und da ein derber Fluch. Man trägt Bergschuhe und Jagdstiefel. Ein paar junge Gesichter werkeln an Maschinen. «S Füur brennt äinewääg nooni», meinen sie. Sie sind Stäcklibuebe, müssen in diesem Jahr noch an die Musterung. Die Gemeinde hat ihnen einen riesigen Feuerstoss hingestellt, aus frisch geschlagenen Tannen, gefüllt mit noch mehr Ästen und Stämmen, Wind und Wetter haben es mit Schnee gefüllt, und nun es will nicht brennen.

Nebenan wärmt ein kleines Feuerchen, man schiesst Schiibli. Sie fliegen hoch, sie fliegen weit. Und wir sind fremd und doch willkommen. Plötzlich steht ein Knirps vor uns, mit einer Haselstange und einem fein gedrechselten Rädlein: «Willsch äu?» Ja, dürfen wir denn? «Hejoo! Jeeede döff! Jeede!»

Und dann bringen die Jungs vom Jahrgang 94 das Feuer doch noch in Brand. Nach Stunden. Und wohl nicht ganz ungefährlichen Aktionen mit allerlei brennbarem, flüssigem, dass im Steinmetzendorf eben so herumsteht.

Ich gehe ein paar Schritte aus der Wärme hinaus in die Winternacht. Der Weiberzungel steht schon am Himmel, leuchtet wie ein Silberhorn über dem Wald. Meine Leute haben sich gefunden mit den Leuten aus dem Dorf, man hört die Witze und Sprüche der einen, man sieht die anderen versunken ins Feuer starren, und das Glutlicht zaubert ihnen Liebe ins Gesicht. Ab und zu bricht ein Stamm, stürzt hinunter in die glimmernde Kohle, und dann stürmt ein Heer aus Funken in die Sterne hinein.

Der Generator brummt immer  noch. Und manche sind schon nach Hause gegangen. Es fehlte ihnen die Romantik. Das Benzin, das Steak, die Bergschuhe, die Männer mit den Bierflaschen. «Wie in Amerika», sagten sie.  Doch das hier ist Alemannenland. Und dieses Fest soll nichts mehr sein alls es ist: Ein paar Leute aus einem eigenwilligen Dorf, mit ihren Autos, an der Landstrasse, mit ihrem riesigen Feuer, dass in den Winter hinauslodert und vom Frühling kündet.

Ein Fasnachtstanz


Wir stehen in der Sonne auf einem unscheinbaren Hügel den kaum einer kennt, mitten in den Wäldern der Innerschweiz, blicken hinüber ins Eisgebirge des Haslitals und versinken fast im Schnee. Es ist still und ruhig, kaum jemand ist hier, trotz des Wetters, trotz des frischen Pulverschnees. Ganz still ist es aber nicht. Aus dem Tal herauf dröhnen wilde Paukenschläge – die Obwaldner haben Fasnacht und feiern sich in den Frühling. 






Eine Feier wird auch die Abfahrt. Der Schnee ist herrlich, man tanzt, man fliegt, Schneestaub im Gesicht, Sonne in den Augen. Wie die Fasnacht geht auch sie zu schnell vorbei. Augenblicke später stehen wir im Flachen, in Moor und Wald. Nichts ist zu hören. Auch nicht die Fasnacht. 

Hier bleiben. Ein paar Tage. Oder auch ein Jahr. Oder gleich ein Leben lang. Es bleibt ein Traum. Man träumt ihn an Orten wie diesem.   

At Miðjum Vetri


Es ist unser Brauch, die Mitte des Winters zu feiern. Die kälteste Zeit, wenn der Schnee meterhoch auf den Alpweiden liegt, und das Bauernland nichts ist als lebensfeindliche Wildnis. In diesem Jahr wollen wir ganz nahe am Winter sein. Und so machen wir uns, schwer beladen mit Zelt und Fleisch und Bier, auf in den Winterwald. Legen keuchend eine Spur durch die schneebeladenen Matten und Weiden, steigen und steigen, bis wir in der Kälte sind und uns Hunger und Wind zusetzen. Hier wollen wir die Nacht verbringen. Alleine mit dem Land und seinen Göttern. Alleine in der Mitte des Winters. 



Der Himmel reisst kurz auf, im Westen wallt der Nebel im Tal wie flüssige Glut. Es ist bitterkalt geworden. Der Schaum auf der Chuofa gefriert in Augenblicken. Wir stehen vor einem Harg aus Schnee und schauen hinaus ins Land, die Kälte schüttelt uns. Oder ist es mehr als das?



Ich singe in die Kälte hinaus, und sehe, das alles da ist. Rappen hirtischd, hietischd Welf – i Wind u Wetter, i Wilder Jag. Unter uns breiten sich die waldigen Täler aus. Wolfsgebiet, Jagdrevier. Dir Aachi schriitischd – Tirschten werrschd. Am Horizont glühen Altels und Rinderhorn, Berge der wilden Wasser und tobenden Gewitter. Louba Ching, en Aelwen Frind. In nur sechs Monden wird hier alles von unwirklichem Grün sein, Farn und Orchideen im Windfall, Kühe auf den Weiden, Milch in den Kesseln und Glockenbimmeln in der Luft. 

Die Ahnen schweigen hinter dem Grat in den Tälern, der Wind weht unsere Wünsche nach Osten, hinein in die Zeit, die kommen wird. 



Als die Nacht hereinbricht, sind wir in unserem Zelt, hocken gedrängt zusammen, bei einem altnordischen Festgericht, das vor tausend Jahren wohl nicht anders schmeckte als heute. Wärme, Lebensfreude, Freundschaft, Genuss. Dann tiefer Schlaf, während der Wind die Zeltplane knattern lässt. Am Morgen ein Julfrühstück aus Rösti, Eiern und Lachs, zubereitet in der Schneehöhle. Speisen und feiern wie Könige, unter einer dünnen Haut aus Nylon, mitten im grossen weiten Winter. 



Dann dreht der Wind auf Südwest, Wassertropfen bilden sich an den schneebepackten Tannzweigen. Zeit zu gehen. Durch klebrigen, zähen Schnee kämpfen wir uns zurück ins Tal. Hinter uns weht der Wind die Spuren unseres Lagers zu. Bald wird nichts mehr zu sehen sein, bald liegen die Hänge wieder unberührt und weiss. Bis um Ostern ein neues Licht aus Osten das Eis weglecken wird, und aus dem Boden unter dem Schnee die ersten Blumen in den Frühling stossen werden. 





Ein Mittwinterland


Nirgendwo kann es so Winter sein wie im Saanenland. Wo die Berge nicht hoch, aber überall sind. So als gäbe es keine anderen, als gäbe es überhaupt kein flaches Land, nirgends. Wo die Holzhäuser den Schnee auf ihren flachen Giebeldächern tragen wie Schmuck, wo steile, felslose Pyramiden über den Dörfern im Winterlicht leuchten, Pferdekutschen klingelnd auf den Strassen unterwegs sind, und sich in den Talkesseln, kurz bevor die Gletscherwelt anfängt, Wälder und Ried und Alpen ausbreiten, so weit das Auge reicht. Als lebte hier ein vergessener Heidenstamm, der keine Dörfer und keine Städte kennt, und keine Nachbarn ausser das Gezwergenvolk in Wald und Moor.





Dies ist nicht der Ort für Mut und Tollerei, alpine Abenteuer, frostbärtiges Heldentum. Dies ist ein Ort der Ruhe, der langen, gleichmässigen Schritte, der klaren Luft, des Lichtzaubers. Und doch sind sie nicht weit, die Paroisses, die grosse Vertikale. Die Felswelt ist nah, man kann sie sehen. 

Wie hinter einer unsichtbaren Wand, einer magischen Grenze, hinter die keiner je zurückkam. Fern wie ein Stern. 



Auf unserem Gipfel aber ist es flach und weit und weiss. Alphütten stehen verstreut im Schnee, ein verlorenes Dorf. Wetterverbrauchtes Holz, Plastik in den Fenstern, die Schindeln morsch. Und doch wie Königshallen, hier oben, in der Mitte der Welt. 







Dann leert sich das Bier, aus dem Welschland wälzt sich Nebel nach Saanen herein, und die Sonne rückt den Kalkzacken schon bedrohlich nahe. Abfahrt. Langsam, geniesserisch. Zeitlupenfreude. 

Unten kriecht bereits die Dämmerung aus dem Wald. Der Lauenensee ist zugefroren, und schüttere Tannen zeigen düster die kalte Luft. Das Wetter kommt.



Blanc du Jura


Weihnachtsfrühling über der Schweiz. Das Land ist weiss, noch vor kurzem tobten Schneestürme. Nun   ist es warm wie im Frühling, bis hoch hinauf in die Berge leckt die warme Luft am Schnee. Lässt die vom Wind geformten Eismonumente an den Flanken des Hochgebirges ins Rutschen geraten. Macht die Berge mühsam, und dort, wo sie es nicht sind, gefährlich. Wir lassen die Ski im Keller und nehmen die Schneeschuhe.


Ob dem Bielersee herrscht Freizeitstimmung. Zu Hunderten sind die Bewohner des Stadtlands unterwegs, um den Winter zu geniessen. Mit Schlitten, auf Langlaufskis, in Turnschuhen und mit Walkingstöcken, mit Hunden, mit Kindern, ein paar in voller Tourenausrüstung. Sie tummeln sich auf den Weiden zwischen den Einzelhöfen, immer in der Nähe der einen oder anderen Métairie. Westschweizer Leichtigkeit.


Wir gehen ein bisschen weiter. Auf den Gestler, wie er in unserer Sprache immer noch heisst. Vor einem Jahr waren wir hier, im wütenden Sturm, tranken aus Hörnern, tanzten Trolltänze, und fuhren Ski. Heute zeigt sich das Land von seiner anderen Seite. Gleissend hell und sonnig, der Alpenkamm am Horizont, der Mont Blanc, der Monarch, über allen. Dazwischen Nebelmeer, später am Abend die Seen im Silberlicht.







Als alle längst gegangen sind und die Sonne hinter den weiten des Juras zu Rast und Gnaden geht, sind wir immer noch auf dem Gipfel, liegen auf einem kleinen, ausgeaperten Flecken braunem Gras, als sei es Sommer. Es hat noch Weisswein vom Rhein, aus der grossen Ebene nicht weit nördlich von hier. Die Welten kommen zusammen, wir auch, und als wir nach einem atemberaubenden Abstieg im Dunkel des Dorfes sind und im Cheval Blanc die Lichtlein leuchten, sind unsere Wangen rot, von der Liebe zu uns und diesem Land.