janvier 20, 2007

þorrablót

Bild: Unbekannt

Wenn der nordische Winter am härtesten ist, es kaum Taglicht gibt, sich Regen und Schnee tagelang abwechseln und es noch Monate dauert, bis der Frühling kommt, feiern die Isländer ein besonderes Fest: þorrablót. Im fantastischen Universum der urban legends ist es längst zum Mythos geworden. Vergammeltes werde da gegessen, angefaulter Hai, Schafshoden und mit Dung geräuchertes Fleisch, von wüsten Saufgelagen ist da die Rede und von heidnischen Traditionen, die bis in heutige Tage überlebt hätten. Am þorrablót teilzunehmen, ist für Touristen und Austausschstudenten aus aller Welt längst zum skurillen Abenteuer geworden, und die Isländer, eigentlich eine der modernsten und urbansten Nationen der Welt, lassen sich die Gelegenheit nicht entgehen, sich vor den staunenden Ausländern als hartgesottene Naturburschen aus dem hohe Norden zu präsentieren, in dem sie mit dem grimmigen Lachen eines alten Wikingers den berüchtigten Gammelhai hinunterschlingen. So ist þorrablót mittlerweile zu einer veritablen Touristenattraktion geworden, und längst wird es nicht mehr nur in Island gefeiert.

Doch zunächst die Fakten:

Traditionellerweise begeht man þorrablót am Freitag zwischen dem 19. und dem 25. Januar. Heutzutage nimmt man es damit nicht überall so genau - mitunter wird þorrablót auch noch im Februar oder März begangen. Statt auf dem Bauernhof findet das Festmahl oft in Restaurants oder Firmenkantinen statt. Man trifft sich, tanzt, trinkt und feiert bis in die frühen Morgenstunden. Vor allem aber isst man, und das, was bei einem richtigen þorrablót so aufgetischt wird, ist der eigentliche Grund für die Berühmtheit des Festes.

„An was erinnert der Geschmack? Ich würde sagen: an reifen Käse, Romadur im Endstadium zum Beispiel, mit einem Schuss Pferdeurin.“
VINCENT KLINK. In: Geo-Special Island.

þorrablót, das ist zunächst einmal das letzte Reservat der traditionellen nordischen Küche, die im isländischen Alltag längst Pizza und Pasta Platz machen musste. An þorrablót kommt noch einmal auf den Tisch, was für die allzuoft vom Hunger bedrohten Isländischen Bauern eine Delikatesse war: Viel Fleisch und Fisch, auf alle nur erdenklichen Arten konserviert. Als Delikatessen gelten etwa Blóðmör, eine gesäuerte Blutwurst mit Roggenmehl, Hvalspik, eingelegter Walspeck, oder Magálar, geräucherte Schafsmägen. Für ausländische Feinschmecker eher ungewohnt sind Leckereien wie Hrútspungar, gepresste Schafshoden, oder Svið, ein Schafskopf, dem erst über offener Flamme das Fell abgesengt wird, ehe er gekocht und schliesslich mitsamt Augen gegessen wird. Der Star unter den berüchtigten þorrablót-Spezereien ist aber der Hákarl, der "Gammelhai", der Gerüchten zufolge ein halbes Jahr in der Erde faulen muss, bevor ihn die Isländer richtig gut finden.

Tatsächlich wird der Grönlandhai nach traditionellem Rezept einige Wochen bis Monate in Kies eingegraben, wo er "reifen" kann, bevor er einige Monate lang zum trocknen an die Luft gehängt wird. Frisch wäre der Grönlandhai gar nicht geniessbar. Er verfügt über keine Niere, so dass sich Harnstoffe im Organismus ablagern - sie sorgen für den typischen Ammoniakgeschmack des Hákarls, der Banausen an ein Pissoir und Kenner an überreifen französischen Edelschimmelkäse erinnert.

Anstatt von "faulen"sprechen Connoisseurs lieber von "Fermentation". Dass der Fisch wegen seines eigenwilligen Dufts oft nur in luftdicht verpassten Plastikbechern auf den Tisch kommt und schwächliche Ausländer nach dem ersten Bissen würgen oder gar in Ohnmacht fallen, kann echte Liebhaber nicht davon abhalten, im Hákarl eine Delikatesse zu sehen.

Doch selbst sie geniessen den glitschigen, intensiv riechenden Fisch nur ungern ohne Brennivín, den isländischen Kümmelschnaps, der es unter dem vielsagenden Namen "Schwarzer Tod" zu zweifelhaftem Ruhm gebracht hat.

"Im Lions Club von Isafördhur sitzen die Honoratioren zusammen. Eintritt haben nur Männer. Die Männer sitzen an langen Tafeln beieinander und erheben sich zu Trinksprüchen. Die meisten tragen Schlips und Anzug. Es werden Geschäfte gemacht; der Direktor der Fischfabrik ist anwesend, der Direktor der Fischflotte, und so weiter. Die meisten trinken zu schnell. Im Winter hat man nicht oft Gelegenheit, gemeinsam zu singen.“
VOLKER HANDLOIK. In: Geo-Special Nordmeer.

Was heute anmutet wie ein Wikingerfest aus altheidnischer Zeit, das die Kirche auf ihrem Kreuzzug gegen alles Heidnische auf der abgelegenen Vulkaninsel schlicht übersehen hat, ist gar nicht so alt. Erst seit den Fünfziger Jahren hat sich das þorrablót, wie man es heute kennt, auf dem Land verbreitet. Zuvor war es vor allem in Reykjavík gefeiert worden - nicht von wetterfesten Fjordbauern und Fischern, sondern von romantischen Städtern, die bei Hákarl und Brennivin ihre Träume vom echten Isländertum ausleben konnten. Das erste þorrablót hatten die Isländer 1873 gefeiert - in Kopenhagen, wo sich freiheitsbewegte isländische Studenten am 24. Januar versammelten, um den "uralten Brauch" gebührend zu feiern. Ein Jahr später fand in Akureyri das erste offizielle þorrablót auf isländischem Boden statt. Im Jahr 1880 wurde das Fest schliesslich zum ersten Mal in Reykjavík gefeiert. Als Island 1944 nach Jahrhunderten dänischer Fremdherrschaft die Unabhängigkeit erlangte, wurde das studentische "Bauernfest" schnell zu einem nationalen Symbol. Das Ehren der Tradition, der typisch isländischen Lebenweise der Vorfahren ist bis heute einer der wichtigsten Gründe, warum sich moderne, aufgeschlossene Städter einmal im Jahr über marinierte Hammelhoden und saure Blutwurst hermachen.

Ursprünglich hiess der mittwinterliche Brauch Fagna þorra. Am Bondadagur, dem ersten Freitag nach dem 19. Januar, ging der Bauer nach altem Brauch barfuss, halbnackt und mit nur einem Bein in den Hosen hinaus in die Kälte und hüpfte so um den ganzen Bauernhof. Darauf klopfte er an die Türe und wurde von der Hausfrau feierlich empfangen, worauf ein grosses Fest folgte. Ein Monat später, zu Beginn des Monats Góa, war es die Frau, welche leicht bekleidet das Anwesen umkreiste und festlich willkommen geheissen wurde. þorri und Góa waren ursprünglich mythische Figuren gewesen. In altnordischen Sagen taucht þorri als König der Saamen und Begründer Norwegens auf. Kinderverse und Volksbräuche aus Norwegen, Schweden und Dänemark erinnern daran, dass der Kult um die beiden ersten Monate des Jahrs früher über ganz Skandinavien verbreitet gewesen sein müssen.

Heute ist þorrablót längst keine rein isländische Angelegenheit mehr. Das Internet ist voll von Berichten von amüsierten bis schockierten Studenten, Touristen und Gastarbeitern, die von ihren isländischen Freunden in die Geheimnisse der vermeintlichen Wikingertradition einführen. In Amerika und anderswo treffen sich Islänger im Exil feierlich zum gemeinsamen Brennivín. Enthusiastische Neuheiden haben das Fest gar in ihren rituellen Kalender integriert. Und so hat es das Fest der nordischen Bauern und Fischer bis ins südliche Brasilien geschafft. Dort feiern ein paar Unentwegte am 24. Juli þorrablót, ihrer Meinung nach eine Asembleia dos Deuses Bendição do trabalho para todo o ano. Wie bekömmlich Hákarl und Brennivín bei tropischen Temperaturen sind, wird leider nicht berichtet...

Wer nach alledem Lust auf nordische Küchentraditionen hat, sehe ich sich auf diesen wunderbaren Seiten um. Mehr über König Torre gibt es hier.


Der Schwarze Tod.




3 commentaires:

T.M. a dit…

"Nimm die Schaufel und hol mal den Hai aus dem Garten."

Tschingelfälder a dit…

Da hed dr Att alben verzelld, das siin Aetti vor im Sumer, en ganze Chueziger heigi gchauft bim Senn im Oberbärg. Dän heigi si den nid terfen a Rauch tuen. Bis im Herbscht sigi den där grusiga worden und heigi all Farbe uberchon. Aeso, das mänen blos me heigi terfen gschouwen! Wemma nän den aber heigi aghouwen, de sigi där Ziger fiina gsin wie Anken und unerheert gued zum Aessen gsin! Leider han i sälben nie Glägenheit ghäben, z versuechen........

Fusillikopf a dit…

Das klingt wahrlich verführerisch.