janvier 10, 2006

Randständige Helden

Heckmair, Kurz, Harrer, Hinterstoisser, Rebitsch - die Namen der grossen deutschen Alpinisten der dreissiger Jahre sind längst Legende geworden. Unzählige Wände wurden von ihnen erstdurchstiegen, schier unvorstellbare Leistungen am Berg vollbracht. Doch hinter dem heute schier unvorstellbaren Heroismus jener jungen Wilden, die ihr Leben oft genug irgendwo in einer furchterregenden Nordwand aushauchten stand schiere Not. Das sagt der österreichische Alpinist und Sporthistoriker Rainer Amstädter in seinem 1996 erschienen Werk "Der Alpinismus.Kultur. Organisation.Politik."

"Heckmair, dem ein Jahr später die Erstbesteigung gelingt, erzählt in seinem Erinnerungsbuch 'mein Leben als Bergsteiger', dass er bis zum Sommer 1938 mehr als ein Jahrzehnt ohne festen Wohnsitz und Arbeit gelebt habe. Weltwirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit forcieren die Bildung von sozialen Aussenseitercliquen, die sich in der Rolle von Bergvagabunden und alpinen Landsknechten eine heroisierbare Gegenwelt aufbauen. Von dieser Zeit der politischen Frontstellungen, der lähmenden wirtschaftlichen Aussichtslosigkeit, der Anfälligkeit für totalitäre Heilsideologien und der Flucht in ein romantisiertes Bergzigeunerdasein berichten auch Hans Ertls 'Bergvagabunden', Walter Schmidkunz als Ghostwriter des Maduschka-Erinnerungsbuch 'Junger Mensch im Gebirg', der Roman 'Der Spangaletti' voon Kurt Maix und Fritz Kaspareks Autobiographie 'Vom Peilstein zur Eigernordwand'. Kasparek ist Mitglied einer Wiener Bergsteigerjugend,die aus der ständig wachsenden Menge von Arbeitslosen hervorgeht, die monatelange Bergsommer sich von der 'gelben Gefahr' Polenta ernährend auf Berghütten zubringt. (...)

Existenzielle Not - materielle und geistige, soziale und psychische - wird, gekleidet in die Tugend eines herben Bergvagabundentums, zur massgeblichen Voraussetzung für die Durchsteigung der drei letzten grossen Probleme der Alpen."

Quelle:Amstädter, Rainer (1996): Der Alpinismus. Kultur. Organisation. Politik. Wien.

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