février 05, 2006

Der alpine Krieger


Kriegertum und Söldnerei spielten in der Geschichte der Alpen eine bedeutende Rolle. Der Topos, dass Bergler gefürchtete Kämpfer seien, zieht sich von den antiken Schriftstellern bis in die politischen Mythen des Zwanzigsten Jahrhunderts. Bereits zu römischer Zeit ist die alpine Söldnerei bezeugt, und das "Reislaufen" bildete über Jahrhunderte hinweg einen wichtigen Teil des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens der Bergbevölkerung. Eine neue Publikation rollt nun dieses in letzter Zeit zusehends in Vergessenheit geratene Kapitel der Schweizer Geschichte neu auf. In ihrem im Verlag NZZ erschienen Werk "Schweizer in 'Fremden Diensten'. Verherrlicht und verurteilt" geben Hans Rudolf Fuhrer und Robert-Peter Eyer und zahlreiche andere Autoren einen Überblick über die Entwicklung der Schweizer Söldnerei von den Anfängen bis ins zwanzigste Jahrhundert.

Interessant sind dabei insbesondere ihre Ausführungen zu Ursprüngen und Beweggründen der Söldnerei. Diese sehen die Autoren vor allem in der archaischen Kultur und Lebensweise der viehbäuerlichen Bergbevölkerung zwischen Graubünden und dem Greyerzerland, welche von Kraftproben, privaten Fehden und der Blutrache geprägt gewesen sei. Wirtschaftliche Not habe gegenüber der "Feldsucht und Kriegslust" eine untergeordnete Rolle gespielt. Sie ziehen dabei den Vergleich zu ähnlichen für ihre kriegerische Lebensweise berüchtigten Gruppen wie den Wikingern, den Schotten oder den Katalanen.

"Die agonale, auf den Kampf, das Faustrecht, die Rache, die Selbsbestätigung und das Ehrgefühl ausgerichtete Lebensweise der Bergbevölkerung war der Nährboden für die Erfolge der alpinen Krieger auf den Schlachtfeldern Europas und im eigenen Land. Unbändiger Siegeswille, unstillbare Beutegier sowie ungestümes und ungeordnetes Vorwärtsdrängen waren Triebfedern des einzelnen Kriegers und des Heerhaufens."


Fuhrer und Eyer gehen dabei auch auf das Bild ein, welches die Schweizer Krieger im Ausland hinterliessen. Als Beispiel zitieren sie Thomas Morus, der sein Utopia von den "Zapoleten", einer Art idealtypischer Schweizer, bewacht haben wollte:

"Die Zapoleten seien ein zäher, kräftiger Menschenschlag, unempflindlich gegen Hitze, Kälte und Strapazen, unvertraut mit den Genüssen des Lebens, ohne besonderen Eifer für den Ackerbau und nur an der Viehzucht interessiert. Sie lebten hauptsächlich von Jagd und Raub. Nur zum Krieg geboren, suchten sie eifrig nach Gelegenheit dazu. Dieses Gewerbe verständen sie bestens, fristeten das Leben, indem sie den Tod suchten."
Ein Beitrag von Peter Mertens beschäftigt sich mit der mörderischen Rivalität von Schweizer Reisläufern und deutschen Landsknechten. Diese stammten vor allem aus oberdeutschen Gebieten und waren von Kaiser Maximilian nach dem Vorbild der Schweizer Truppen ausgerüstet und trainiert worden. Mertens führt die Rivalität nicht nur auf ökonomische Gründe (die Schweize erhielten meist mehr Sold), sondern auch auf Identitätsfragen zurück. Die Entstehung des Landsknechtswesens sei in die Zeit der Ablösung der Eidgenossenschaft vom Reich gefallen. Gerade bei zwei sehr ähnlichen, um knappe soziale, psychische und wirtschaftliche Ressourcen konkurrierenden Gruppen sei das Bedürfnis nach Identität und Distinktion besonders grosse. Mertens weist weiter darauf hin, dass das öffentliche Bild der Landsknechte in Deutschland eher negativ geprägt ist, währen die Reisläufer in der Schweiz eher positiv wahrgenommen werden.

Interessant sind auch die Einblicke in die Hochblüte und Niedergangszeit des Schweizer Söldnertums. Die archaische Strategie, mit extremer Härte und geballter Angriffswucht den Defensivschwerpunkt des Gegeners zu treffen und diesen in Angst und Schrecken zu versetzen, sei mit dem Aufkommen von Feuerwaffen zusehends wirkungslos geworden. Als Fanal für den Niedergang des Schweizer Kriegertums kann die Schlacht von Marignano gelten. Dennoch blieben die Fremden Dienste weiterhin von grosser Bedeutung für die Schweizer. Auch in den uniformierten und disziplinierten Heeren der Neuzeit dienten viele Schweizer. Allerdings sorgten das Pensionenwesen der Oberschicht, unlautere Anwerbemethoden und der Kasernendrill in den europäischen Armeen dazu, dass die Attraktivität und das Ansehen der Söldnerei in der Heimat stark sank.

In weiteren Kapiteln geht das Buch auf den Kulturtransfer durch den Solddienst ein, beschreibt einzelne Söldnerkarrieren und geht auf die Geschichte und Bedeutung der Schweizer Garde im Vatikan ein. Schliesslich werden auch die "Fremden Dienste" im spanischen Bürgerkrieg, in der deutschen Waffen SS und der französischen Fremdenlegion beleuchtet.




Fuhrer, Hans Rudolf; Eyer, Robert-Peter (2006): Schweizer in "Fremden Diensten. Verherrlicht und verurteilt. Zürich.

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