mai 22, 2006

Räubergeschichten



Die Räuber sind wieder auf dem Vormarsch. Im Oberwallis und dem östlichen Berner Oberland häufen sich Sichtungen von Wölfen, im Vorarlberg und im Allgäu streift der Bär wieder durch die Wälder. Was naturliebende Städter freut, sorgt auf dem Land für Argwohn. Was, wenn der Wolf im Sommer in die friedlich auf der Alp weidenden Schafherden einfällt? Wenn der Bär, wie er es schon getan hat, Ställe aufbricht und die liebevoll gepflegten Tiere zerfleischt? Schauermärchen, meinen Naturschützer, Wildbiologen und staatliche Stellen unisono. Nur "Problembären" wagen sich an unsere Nutztiere, und wo der Wolf im Blutrausch Dutzende von Schafen tötet, ist der Mensch Schuld, der diese eben nicht hätte alleine lassen sollen.

Auch ich freue mich über die Heimkehr der wilden Tiere. Luchs, Wolf und Bär gehören in unsere Landschaft, sind Teil unserer Natur und auch unserer Identität als Alpenland. Doch die Verlautbarungen der Experten machen mich doch skeptisch. Ist es wirklich so "unbärisch", wenn der Bär, dieser vollendete Opportunist, der in Kanada immer wieder in Dörfer und Städte vorwagt, um sich dort von Müll zu ernähren, der im Stande ist, in Vorratsräume von Blockhütten einzubrechen und sich dort an Konservendosen gütlich zu tun, der sich in der Nähe von Touristenstrassen regelrecht füttern lässt, wenn dieses ebenso schlaue wie faule Tier irgendwann auf die Idee kommt, dass es im Schafstall mehr leckeres Fleisch für weniger Anstrengung gibt als draussen im Wald?

Und ist es wirklich realistisch, dass Schafherden, die auf 3000 m Höhe den Sommer in in völliger Freiheit verbringen, von Herdenhunden, Mauleseln und Hirten bewacht werden können? Wer bezahlt den Hirten die Löhne, wer baut ihnen Schutzhütten? Was sollen die Herdenhunde fressen, wenn der Älper nur alle zehn Tage den langen Weg hochsteigt um den Schafen Salz zu streuen? Was wird schliesslich aus all den Alpen, die wegen Personal- und Geldmangel auf die gerade bei Naturfreunden so populäre Mutterkuhhaltung umsteigen? Wie gross ist der Schaden, wenn frustrierte "Schäfeler" ihr "Hobby" aufgeben und die Pflege der naturschützerisch so wertvollen inneralpinen Kulturlandschaft dem Staat überlassen?

In den Gebirgen Europas haben sich in den letzten zweihundert Jahren Nutzungsformen durchgesetzt, die mit dem Vorkommen von Grossraubtieren nicht so leicht zu vereinbaren sind. Mit schönen Worten und Versicherungen wird man die bevorstehenden Konflikte nicht abwenden können. Solange man dem freien, unbewachten Weidgang, wie er für die nordnorwegische Rentierzucht oder die alpine Schafhaltung typisch ist, das Existenzrecht nicht gänzlich absprechen will, ist ein echter, offener Dialog mit der lokalen Bevölkerung nötig. Ansonsten könnten Bär und Wolf im Alpenraum allzuschnell ins Fadenkreuz aufgebrachter Wilderer geraten. Und das wäre mehr als schade.

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