mai 16, 2006

Vom Mittelmeer zum Nordkapp...

Eine Reise vom Mittelmeer zum Nordkapp, von arkadischen Landschaften durch romantische Wälder bis hinauf in die strenge, klare Welt von Schnee und Eis - an den Südhängen der Berneralpen, hoch über dem Rhonetal, kann man sie in 24 Stunden erwandern. Am eindrücklichsten ist diese Reise durch die Klimazonen Europas im Frühling, wenn an den sonnenbeschienen Steilhängen bereits alles blüht, die Hochtäler aber noch Schneebedeckt sind. Dann bietet der endlos lange Weg von Hohtenn durch das Jolital hinauf auf das Wilerhorn nicht nur unvergessliche Landschaftserlebnisse, sondern fordert auch den ganzen Alpinisten: Nicht nur wiegen Zelt und Schlafsack für das Biwak schwer im Rucksack, auch Ski, Seil und Pickel müssen 1000 Höhenmeter hinaufgetragen werden.

Sonntagabend in Hohtenn: Wir laden auf.


Die Tour beginnt.


Noch führt der Weg über staubige Strassen und schlechten Asphalt


Blumen am Wegrand...

Im milden Abendlicht steigen wir durch die Südhänge unterhalb der Alp Tatz empor. Die Vegetation wirkt hier schon mediterran. Unzählige Holunderbüsche blühen und verbreiten einen betäubenden Duft. Am Wegrand wachsen prächtige Orchideen. Es ist ein herrlicher Sommerabend.

Die Walliser Landschaft im Abendlicht.

Hoch über dem Rhonetal liegen, wie an die mächtige Bergflanke angeklebt, die Alpen Laden und Tatz. Der Blick reicht über die weite Talebene, vom alten Walliser Hauptort Brig bis hinunter zum Illgraben. Ein prächtiges, wunderschönes Land. Wir stellen unser Zelt unweit einer alten Suone auf und schauen zu, wie das Taglicht langsam schwindet und die Lichter der unzähligen Dörfer und Weiler in der Dämmerung zu schimmern beginnen. Mit Mortadella und rotem Wein geniessen wir die südliche, sommerliche Stimmung. Am Morgen geht es früh los: Um drei Uhr wird der Wecker klingeln.

Es wird ein harter Start. Wir haben kaum geschlafen, spüren den Wein von gestern. Das Material spielt uns einen Streich, wir starten mit Verspätung. Im fahlen Mondlicht marschieren wir los. Der Pfad führt einer alten Wasserleitung entlang durch verzauberte Lärchenwälder. In der Dunkelheit wirken die Berge noch mächtiger als sonst, und das wilde Rauschen des Jolibachs, der tief unten in seiner mächtigen Schlucht tost, ist uns beinahe unheimlich. Es wird ein langer Weg.

Wir sind schon fast zwei Stunden unterwegs, als auf der anderen Talseite die höchsten Gipfel plötzlich hell aufleuchten. Irgendwo im Osten geht die Sonne auf, ein neuer Tag bricht an.

Morgenlicht

Oben auf den Gipfeln scheint längst die Sonne, als wir noch mit geschulterten Ski durch den Gärberuwald aufsteigen. Hier oben hat der Frühling gerade erst begonnen. Das Gras ist braun, immer wieder überqueren wir mächtige Lawinenkegel. Zerborstene Baumstämme, Felsbrocken und mitgerissene Erde liegt auf den Alpweiden. Wir kommen nur langsam vorwärts und verlieren Zeit. Als wir endlich die Ski montieren können, macht sich Erleichterung breit. Doch immer noch drücken die Rucksäcke, und der lange Aufstieg und die kurze Nacht stecken uns in den Knochen. Mit unserem Gipfel wird es heute nichts. Unter dem Joligletscher beschliessen wir, unser Ziel aufzugeben und umzukehren. Die Abfahrt durch den feinen Sulz geniessen wir dennoch. Und unten im Chiemattbodu trinken wir auf einem Stein unseren Weisswein, beobachten das Spiel der Murmeltiere und hören dem Gebirge zu, das in seiner einsamen Wildheit langsam aus einem endlos langen Winter erwacht.


Ski tragen durch den wilden Gärberuwald


Nach einem langen Winter liegt das Hochtal immer noch im Schnee


Schritt für Schritt geht es in die Einsamkeit der Berge


Einsam ziehen wir durch die weite Landschaft


Der Kampf gegen sich selbst, irgendwo im grossen Weiss




Wie ein flüchtiger Traum - die Abfahrt


Bergfreude


Langsam erwacht das einsame Hochtal


Blegerren auf einer warmen Platte

Und dann kommt der Abstieg. Über 1500 Höhenmeter geht es hinunter, aus dem Schnee in braune, von Schmelzwasser durchweichte Alpweiden, durch kahle, düstere Wälder, bis die ersten Lärchen wieder ihr frisches Grün tragen, und weiter, an braungebrannten Alphütten und saftigen Matten vorbei hinab und zurück in den Sommer. Unterhalb der Alp Tatz führt der schmale Weg durch mediterrane Landschaften mit blühenden Bäumen, würzig duftenden Kieferwäldern, Steineichen und Wachholdersträuchen. Man möchte sich hier hinlegen, die heissen Aufwinde auf der Haut spüren und im Schatten eines knorrigen Baumes vor sich hin träumen. Die weisse Monotonie der Schneefelder und das düstere Raunen der geheimnisvollen Lärchenwälder scheinen hier undendlich weit weg - es ist, als lauere irgendwo hinter dem nächsten Felsen der grosse Pan, um mit seinem heiligen Schrecken den unwirklichen Schlummer der Mittagshitze zu zerreissen. Doch wir sind in Skischuhen unterwegs, haben Seil und Pickel auf den Rucksack gebunden.

Überlebenskünstler im Fels


Auf dem Weg zurück ins Tal



Nordische Weite hoch über dem Rhonetal

Auf der Alp Tatz schmückt schon das erste Grün die Lärchen

In der Mittagshitze duftet das Harz der Kiefern


Arkadische Landschaften




Irgendwann sind wir in Hohtenn, schweissgebadet, mit ausgetrockneten Kehlen und schmerzenden Gliedern. Es war gross. Der Gipfel, den wir nicht erreicht haben, ist schon vergessen. Denn um den ging es uns nicht wirklich. Es ging um unseren Traum - um die inneren Bilder, die wir nach Hause nehmen, die uns niemand jemals nehmen wird. Das ist es, was uns der Adler von Caralina einst hat sagen wollen. Doch das ist eine andere Geschichte...

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