juin 16, 2006

Mittsommerskitour


Langsam senkt sich die Dunkelheit über das einsam gewordene Hochtal. Die Wandertouristen sind längst mit der letzten Gondel ins Tal gefahren, nur ein paar Verrückte sind jetzt noch hier, mit Schlafsack, Zelt - und Ski. Es ist vielleicht die letzte Gelegenheit in diesem Jahr, noch einmal auf Ski in die Berge zu gehen. Auch mich hat es nach Kandersteg gezogen, wo die schneeweissen Bergriesen Altels, Balm- und Rinderhorn zu letzten Abfahrten im seidenweich aufgesulzten Firn locken. Zwischen den Trümmern eines eiszeitlichen Bergsturzes habe ich mein Biwak eingerichtet. Die Ski lehnen an einem riesigen, mit Arven und Sträuchern überwachsenen Kalktrumm, auf einer flachen Felsscheibe liegt etwas Speck und Brot, daneben eine Flasche mit rauchigem Whisky, vor mir prasselt ein Feuer. Es wird eine laue, kurze Nacht, die gar nicht richtig hereinberechen will. Es ist Mittsommerzeit, und ich komme mir vor wie ein alter Trapper irgendwo in der Wildnis von British Columbia.

Als ich mich am morgen früh aus dem Schlafsack winde und durch den Arvenwald zu meiner kleinen Quelle stapfe, ist es immer noch nicht richtig kalt. Tautropfen besetzen das frische Gras unter meinen Füssen. Von Süden her scheint der Vollmond, eine riesige, gelb leuchtende Scheibe, über das Tal und lässt die kleinen Moorseen draussen wir unheimliche Irrlichter aufglänzen. Ich nehme die Ski auf die Schulter und marschiere los. Bis ich bei den ersten Schneefeldern bin, wird der Tag bereits angebrochen sein.


Abendstimmung am Schwarzgletscher


Erste Sonnenstrahlen

Der Rindergrat

Der Schnee ist hart, die Hänge steil. Weit unter mir grinsen mir riesige Felsblöcke entgegen, von Lawinen mitgerissen und im flachen Teil des Tales abgelagert. Ich mache meine Kickkehren vorsichtig und mit Bedacht. Wer hier umfällt, steht nie mehr auf. Im Rindersattel angekommen, fällt der Entscheid zur Umkehr schnell. Der Grat hinüber zum Gipfelaufschwung hat zuwenig Schnee, die mächtige Flanke, durch die eine Spur zu führen scheint, ist hart und eisig. Mit Ski geht es hier nicht weiter, und für eine veritable Firntour sind mir meine Leichtsteigeisen doch zu unsicher. Umkehr ist die einzige Lösung. Doch der Gedanke, in die hart gefrorenen Steilhänge einzufahren, gefällt mir nicht wirklich. Ich ziehe die Jacke fester um mich und beschliesse zu warten, bis die Sonne die schattige Flanke erreicht und die Schneedecke etwas aufgeweicht hat. Bei einem stärkenden Whisky sitze ich lange in dem windigen Sattel und beobachte, wie sich die Schatten Handbreit um Handbreit aus dem Berg zurückziehen. Aus den trollgleichen Felsen des kleinen Rinderhorns klingt schon das helle, an ein gespenstisches Lachen erinnernde Scheppern des Steinschlags, als ich mir ein Herz fasse und losfahre, die Knie gebeugt, den Oberkörper straff, im Ohr das schleifende Geräusch der Stahlkanten, die jetzt das einzige sind, was mich noch hält.


Gipfelstimmung im Rindersattel


In der endlosen Flanke der Altels

Trolle im Felsen


Auf den ersten Metern wage ich kaum, zu den ersten Kehren anzusetzen. Zu hart ist der Schnee noch, zu gefährlich die Flanke. Dann wird der Hang flacher, der Schnee weicher. Die Abfahrt wird zum Traum. Erst noch zaghaft, dann immer sicherer, ziehe ich meine Kurven durch den feinen Sommerschnee. Noch einmal geniesse ich das Gefühl, allein mit mir durch das grosse Weiss zu tanzen, hart und schnell zu Beginn, langsam, schwärmerisch und fast schon melancholisch in den letzten Schwüngen. Und dann bin ich unten, und alles was bleibt, ist der Blick zurück. An einem grünen Grasrücken steige ich aus den Bindungen und reisse mir die Jacke vom Leib. Es ist warm hier unten. Mit rostroten Flechten überwachsen ragt ein riesiger Felsblock wie mit Blut übergossen in den blauen Himmel, ein Kunstwerk der Natur, wie ein alter heidnischer Opferstein, an dem Steinzeitjäger den Geistern des Tals für ihr Jagdglück dankten. Mein restlicher Whisky bleibt hier, als Bluoz für all die guten Götter und Geister, die uns einen Winter lang beigestanden sind. Als ich wild in die Bergwelt hinausjauchze, trägt mir das Echo die eigene Stimme drei Mal zurück. Es war gut, herzukommen. Der Bergsommer kann beginnen.


Der Blick zurück

Ein Berner Oberländer Sieidi

Noch einmal: Das Rinderhorn


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