juin 29, 2006

Sacrum Imperium


Noch ein Schweizerkreuz? Weit gefehlt. In dem Staatswesen, das einst diese Fahne führte, wurde zwar auch Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch gesprochen. Doch es erstreckte sich nicht vom Rhein zur Rhone, sondern von der Nordsee bis ans Mittelmeer: Die Rede ist vom Sacrum Imperium, jenem Heiligen Reich, das erst im Zuge seiner Auflösung als ein deutsches bezeichnet werden sollte. Mit den Imperien der Antike und der Neuzeit hatte es wenig gemein: Mehr Idee als Staat, mit einer Verfassung, die es unfähig zum Angriffskrieg machte, einem Kaiser, der von den weltlichen Fürsten gewählt und vom Pontifex Maximus gekrönt werden musste, war es am ehesten das, wofür der erzkonservative Patrizier Gonzague de Reynold die Schweiz des Ancien Régime hielt: Ein res publica, organisé autour de Dieu. Zweck des Reiches war weder Expansion noch Festigung der kaiserlichen Herrschaft, sondern viel mehr Rechtsschutz und Wahrung des Friedens:

Das Reich sollte die Dynamik der Macht eindämmen, Untertanen vor der Willkür der Landesherren und kleinere Reichsstände vor der Arroganz der Macht der großen Stände und des Kaisers schützen. Es hatte die Aufgabe, für Ruhe und Stabilität und für die friedliche Lösung von Konflikten zu sorgen.
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Als die freien Reichsländer Uri und Schwyz 1291 ihren ewigen Bund schlossen, waren sie noch stolze Mitglieder des Imperiums. Friedrich II. von Hohenstaufen, eine der faszinierendsten Gestalten der europäischen Geschichte, Grossenkel des der Sage nach im Kyffhäuser schlafenden deutschen Heros Friedrich Barbarossa, aufgewachsen im von normannischen und arabischen Einflüssen geprägten Sizilien, Bewunderer des Islams und scharfer Gegner radikaler christlicher Sekten, Herausforderer des Papstes und überzeugter Anhänger der Idee des Sacrum Imperium, hatte ihnen die Reichsfreiheit gegeben - und damit das Recht, die Fahne des Reiches zu führen. So kam das Land Schwyz zum Schweizerkreuz, jenem Symbol des christlichen Rittertums, das bald auch von anderen Orten als gemeinsames Erkennungszeichen in die Schlachten geführt wurde. Dieses weisse Kreuz auf rotem Grund führten die Gewalthaufen mit sich, als sie 1499 die kaiserlichen Söldnerheere aufrieben und den Grundstein legten für die Ablösung vom Reich, das für Maximilian I. schon ein Heiliges Römisches Reich Teutscher Nation war.

Seit 1848 ist das Schweizerkreuz, dessen Arme nun nicht mehr bis zum Rand durchgezogen wurden, die offizielle Landesfahne der Schweiz. Längst ziert es heute T-Shirts, Badeschlappen, Socken und String-Tangas. Ich mag meinen patriotischen Landsleuten die neue Begeisterung am Schweizerkreuz von Herzen gönnen. Für mich persönlich aber bleibt es mehr als nur ein gutes Logo für die Marke Schweiz: Es ist ein stiller Zeuge einer verschlungenen, zutiefst europäischen Geschichte, die - hoffentlich - noch lange nicht zu Ende ist.

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