juillet 23, 2006

Auf alten Pfaden...

Eine einsame Hütte in den Giessbächen.

Weiss schäumend stürzt sich der Giessbach vom Schwarzhornmassiv in unzähligen Kaskaden in den grünblauen Brienzersee. Hinter der wildromantischen Szenerie, die einst Lord Byron zum träumen brachte, verbirgt sich eine eigene Welt. Hier gingen unsere Vorfahren z' Alp, trugen Holz und Käse über abschüssige Wege, trieben ihm Frühling ihr Vieh auf die Alpweiden und gingen im Herbst ihrer verbotenen Leidenschaft nach - der Wilderei. Heute sind die alten Pfade durch das Tal des Giessbachs überwuchert und vergessen. Auf den Alpen hat eine neue Zeit Einzug gehalten, Helikopter und Jeeps haben Räf und Gabelli abgelöst. Auf einer zweitägigen Wanderung sind wir den Spuren unserer Ahnen gefolgt - und haben die Landschaft, aus der wir kommen, einmal mehr neu erlebt.

Die Hütte im Tuuchler. Irgendwo dahinter beginnt das Niidgfundenland.

Der Weg hinauf zur Bättenalp führt durch Wälder mit geheimnisvollen Namen. Tuuchler, "Dunkelnder", heisst es hier, dahinter liegt das Niidgfundelland - das "nichts-gefunden-Land". Unter den Wurzeln der mächtigen Tannen verbergen sich hier bodenlose Schrunde, vom Wasser in jahrtausendelanger Arbeit in den Kalk gefressen und gefährlich überwachsen. Schon mancher ist hier im Nebel vom Weg abgekommen und durch die verwunschenen Karstlandschaften hoch über der jäh abstürzenden Falkenfluh geirrt. Wir haben Glück. Der Himmel ist blau, die Sonne scheint warm in den kräftigen Wald, es duftet würzig nach Nadeln und Harz. Nach einer guten Wegstunde lichtet sich der Wald plötzlich, nur noch vereinzelte Wettertannen stehen in der weiten Landschaft. In der Mittagshitze geht es hinauf in den Harzisboden, eine alte Iseltwaldner Alp. Hier herrscht Betrieb. Geländewagen stehen um die Hütten herum, der Viehdoktor ist da. Vor der Hütte trinken wir einen Krug frische Milch. Der Senn erzählt von den Sorgen der Älpler: Dem Kampf mit den Behörden, die Strassen und Neubauten nicht bewilligen wollen, der Arbeit mit dem Heuen, das heute vom Älper selbst erledigt werden muss, dem warmen Wetter, welches das Gras zu früh hat wachsen lassen. Nach einem kurzen Gespräch ziehen wir weiter über die Alpweiden. Die Bergflanken leuchten in einem saftigen Grün, überall blühen die Bergblumen, Glockengeläut erfüllt die Luft. Es ist Alpsommer.



Die Klamm des Giessbachs.


In hochsommerlicher Hitze geht es über die grünen Alpweiden.


Alpsommer an Bättenalp.

Eine Steinmauer erinnert an die Zeit, als es noch keine Elektrozäune gab.


Eine Kuh im Wollgras.

Arnika in der Mittagssonne.


Mächtige Wolkentürme haben sich über uns aufgebaut, als wir das Faulhorn erreichen. Vor uns öffnet sich der Blick hinunter nach Grindelwald. Über der Schlucht des unteren Grindelwaldgletschers liegt eine gelbbraune Staubwolke. An der Flanke des Eigers ist erneut Fels abgebrochen...

Wie eine Burg trotzt das 1830 erbauten Berggasthaus auf dem 2681 hohen Faulhorngipfel den Elementen. In einer Zeit, als es noch keine Bergbahnen und Skistationen gab, galt es als das höchstgelegene Haus Europas. Reiche Briten stiegen hier ab, um mit Kopfschmerzen und kurzem Atem das Spektakel des Sonnenaufgangs zu erleben. Heute ist die Zukunft des Hotels ungewiss: Der Firnfleck, der den Wirten als Wasserreservoir dient, wird von Jahr zu Jahr kleiner...


Uns erwartet auf dem Faulhorn ein besonderer Empfang: Meine Schwester Silvia verbringt hier den Sommer. Hoch über der alten Heimat feiern wir hier Geburtstag, trinken in der Abendsonne auf die Ahnen. Bis spät in die Nacht sitzen wir beim Wein. Es ist schön, wieder beisammen zu sein.


Arbeiten auf 2681 m. ü. M. : Silvia und Andi

Ein Bier auf dem Gipfel.

Zwei Wilderer vor dem legendären Faulhornadler

Silvia und Andi hoch über den alten Jagdgründen

Als am Abend die Sonne untergeht, legt sich eine merkwürdige Stimmung über das Land. Der Blick reicht weit von hier. Im Süden ragt die ungeheure Wand der Grindelwaldner Schneeberge tausend Meter aus der Gipfelflur empor. Im Norden öffnet sich die Voralpen vom Niesen im Westen bis in die Innerschweiz im Osten. Ein friedliches Grün liegt jetzt über diesen Bergen, von den Alpweiden unter dem Nordabbruch des Faulhorns dringt das Geläute des Viehs zu uns empor. Eine tiefe Ruhe liegt über dem Hirtenland. Acht Monate lang, vom späten Herbstmonat bis in den Brachet hinein, sind diese Berge eine einsame Wildnis. Doch jetzt ist etwas Liebliches, Vertrautes in die Landschaft eingekehrt. Ob draussen am Pilatus, an Hogant und Brienzergrat oder weit im Westen, wo die Blümlisalp in den Abendhimmel ragt - überall herrscht Leben in den Alphütten, wird gemolken, zu Abend gegessen, wiegt das Geläute der Kuhglocken Kinder in den Schlaf. Seit Jahrhunderten ist jeder Alpsommer mit diesem Zauber erfüllt, immer wieder. Ein paar Touristen aus Dänemark, Holland und England sitzen still auf dem Gipfel. Sie erleben die Schweiz.


Unzählige Erinnerungen begleiten uns, als wir am nächsten Morgen weiterziehen. Jeder Stein, jeder Hügel, jeder Bach hier hat einen Namen, eine Geschichte. Die Mittagwand, durch die mich mein Vater führte, als ich ein Bub war. Der Hagelsee, jenes von düsteren Sagen umrankte Gewässer, das für mich schon immer ein mystischer Ort war. Das Blatti, wo der Urgrossvater vor über achtzig Jahren eine Hütte baute, um seine Familie mit einer bescheidenen Alperei am Leben zu erhalten. Wo mein Grossvater 86 Alpsommer verbrachte. Wo mein Vater laufen lernte und ich als Kind mit grossen Augen den Erzählungen der Alten lauschte...

Wir nehmen uns Zeit für den Abstieg. Am Hagelsee nehme ich ein eiskaltes Bad. Im kristallklaren Wasser kann ich die Sonne sehen, von den Felswänden des Kars hallt mir das Echo entgegen, ich atme die dünne, frische Luft. Unten auf dem Blatti empfängt uns Uelli mit einem Bier. Wir sitzen am Holztisch vor der Hütte und doorffen. Als wir uns wieder auf den Weg machen, sind die Rucksäcke schwerer geworden. Wir haben Geisskäse und geräucherten Ziger dabei...

Am Schwarzeseeli

Der Windeggfall

Die Hütte auf dem Blatti

Der Weg hinunter in die Bottchen zeigt sich schwieriger als erwartet. Die alten Pfade, auf denen die Älpler früher schwer beladen die über tausend Meter vom Tal an Tschingelfeld zurückgelegt hatten, sind seit dem Bau der Alpstrassen längst vergessen und überwuchert. Die schweren Stürme der Neunziger Jahre, die ganze Waldstücke niedergerissen hatten, haben ihr übriges getan. Mühsam kämpfen wir uns durch das Gschletter und suchen letzte Wegspuren in der Wildnis. Wir finden sie. Und mit ihnen noch mehr alte Geschichten. Etwa jene vom Bärfad, einem schmalen, ausgesetzten Felsband, das wir nur mit äusserster Vorsicht begehen. Hier soll der Sage nach der letzte Bär der Gegend getötet worden sein: Die Älper hatten ihm frische Rinde in den Weg gelegt, so dass das Raubtier ausrutschte und über die Felsen in die Tiefe stürzte...


Ausgesetzt: Der Bärfad.

Suche nach Wegspuren

Ein schier undurchdringliches, grünes Dickicht mit Brennesseln und Brombeerranken wechselt mit gestandenem, intensiv duftendem Tannenwald ab. Dazwischen geben Lichtungen den Blick auf die wildromantische Landschaft des Schwarzhornmassivs frei. Aus der Tiefe dringt das Rauschen des Giessbachs empor. Langsam verdüstert sich der Himmel. Ein Gewitter braut sich zusammen. Angestrengt suchen wir unseren Weg.


Je weiter wir absteigen, desto seltener werden die Wegspuren. Halb verdeckt von Moos, Farn und umgestürzten Bäumen gähnen bodenlose Schrunde. Eine Geschichte erzählt von einem Jungen, der hier vor Jahren verloren ging. Bis heute fehlt jede Spur von ihm. Zwischen jähen Felsen, steilen Runsen und tiefen Karstlöchern hat hier die Wildnis wieder Fuss gefasst. Das Gewirr von Stämmen und Stauden lässt erahnen, mit welcher Furcht der Mensch einst den undurchdringlichen Urwäldern der Alpen begegnet sein muss...


Wir sind froh, als wir endlich in der Bottchen ankommen. Von hier führt ein gut ausgebauter Weg hinunter in die Giessbäche. In der Bramisegg gönnen wir uns ein Bier. Auch hier hängen die alten Geschichten in den Räumen. Unvergessen der achzigste Geburtstag meines Grossvaters, als hier bis in die frühen Morgenstunden gefeiert wurde. Unter dem Dach erinnert ein Hausspruch an jene Nacht, als der Sturm das alte Holzhaus zertrümmerte:

"Wettern zum Trotz sind wir hier. Wenn es Zeit ist, Herrgott, nimm uns zu dir."

Als wir uns am nächsten Tag auf den Heimweg machen, zeigt sich noch einmal, wie nahe beieinander Wildi und Zämi in den Bergen sind. Nach einem heftigen Gewitter ist die Strasse von Brienz nach Interlaken gesperrt. Der Regen hat die Bäche über dem Dorf anschwellen lassen und den Weg unpassierbar gemacht. Wilde Heimat...

Abschied vom Oberland: Gewitterstimmung über dem Brienzersee.

1 commentaire:

mgb a dit…

sehr schön. da packt mich gleich wieder dsas bergfieber.