juillet 08, 2006

Sápmi



Es gäbe noch viel zu reisen auf dieser Welt, viel zu sehen und viel zu erleben. Die grossen Städte, Jerusalem, das ewige Rom, New York, das romantische Sankt Petersburg. Die Länder des Südens, der Strand von Rio, die Inseln der Südsee, die gewaltigen Gebirge von Indien und Nepal. Oder vielleicht doch Afrika, oder Mexico, oder, für einmal, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, die USA? All das zu sehen wäre schön. Doch mich zieht es in andere Regionen. Mein Herz schlägt für die Länder des Nordens, für die kargen Hochebenen, die düsteren Wälder, das allgegenwärtige Meer. Norwegen etwa, in dem ich mich so merkwürdig zuhause fühle, als hätte ich immer schon dort gelebt. Oder Island, das mich mit seinen schwarzen Felsen, seinen unzähligen Wasserfallen und seinen grünen Schafbergen seltsam an verträumte Kindertage auf der heimatlichen Alp mahnt. In diesem Herbst wird es mich, so die Nornen es wollen, in ein anderes nordisches Land ziehen - eines, das auf den politischen Landkarten fehlt: Sápmi, das Land der Saami.

Ursprünglich hatte dieses kleine Volk grosse Teile Skandinaviens besiedelt, und manche Forscher vermuten gar, die Norweger und Schweden seien aus der Vermischung von Saamen und aus dem Süden stammenden Germanen entstanden. Den Wikingern waren diese "Waldfinnen" unheimlich. Ihr schamanistische Religion wirkte auf sie wie Zauberei, und die Fähigkeit der Saami, sich auf Skiern schnell und unbemerkt durch das winterliche Fjell zu bewegen, tat wohl ihr übriges. In späteren Jahrhunderten wurden die Saami wie so viele Völker zu Opfern des christlichen Abendlandes, das in der Gestalt der nordischen Königreiche ihre Kultur auszumerzen und ihre Lebensweise umzumodeln versuchte. Heute geniessen die Saamen wieder politische Rechte und haben sich eine gewisse kulturelle Autonmie erkämpft. Ob sie aber die Globalisierung der Märkte überleben werden, ist eine andere Frage.

Doch die Saamen haben schon manche Probe überstanden, und wer ganz weit hinunter in den Norden fährt, kann ihr Land, eines der schönsten Europas, auch heute noch erleben. Ungeheure Weiten, liebliche Grasheiden, auf denen Rentiere weiden, düstere und majestätische Bergmassive, klare Seen, aber auch endlose Wälder und Moore prägen die Regionen des äussersten Nordens. Am eindrücklichsten zeigt sich diese Landschaft wohl auf 68° Nord, wo die Nationalparks Rago, Padjelanta, Sarek und Stora Sjöfallet zusammen das grösste geschützte Wildnisgebiet Europas definieren (wobei auch diese Wildnis eigentlich nichts anderes ist als die Kulturlandschaft der halbnomadischen Rentierzüchter Sápmis). Einmal waren wir schon dort, im letzten Herbst, als wir von der norwegischen Küste ins Landesinnere zogen, durch eine abweisende Granitwelt zuerst, durch die weite, einladende Landschaft des Padjelanta zuletzt, sechs Tage, in denen wir keinem einzigen Menschen begegneten und ganz auf uns selbst gestellt waren. Nun zieht es uns wieder in die Gebiete der Lulesaamen. Dort, wo wir im tagelangen Dauerregen den Ausstieg beschlossen hatten, wartet das majestätische Massiv des Sarek. Es zu durchqueren wäre die Erfüllung eines alten Bubentraums. Hoffen wir also.


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