août 28, 2006

Bieszczady

Weit draussen im Osten Polens, umgeben von der Grenze zur Ukraine, liegen die Berge des Biesczcady-Nationalparks. Hier liegt die Waldgrenze bereits auf 1200 Metern. Das kontinentale Klima Russlands ist hier schon nahe, die Winter dauern lange, auf den rund 1300 Meter hohen Gipfeln der Ostbeskiden liegt der Schnee oft bis in den Juni hinein. Heute ist Biesczcady ein verlassenes Gebirge. Die ursprünglichen Einwohner, ukrainische Dialekte sprechende Ostslawen, waren nach dem zweiten Weltkrieg in der Akcja Wisła umgesiedelt, ihre Kirchen verbrannt und ihre Dörfer aufgegeben. Sechzig Jahre nach dem Völkermord übernimmt in Biesczcady langsam die Natur die Herrschaft. Rund hundert Wisente leben in dem Gebiete, zahlreiche Rothirsche, Rehe und Wildschweine haben in den weiten Wäldern eine Heimat. Auch Grossraubtiere haben sich im Nationalpark etabliert. Derzeit halten sich hier etwa dreissig Bären und fünf bis sechs Wolfsrudel auf.


Eine Besonderheit des Biesczcady sind die Połoniny, eine Art subalpiner Graslandschaften, die sich oberhalb der Waldgrenze ausbreiten. Früher wurden sie als Ochsenweiden genutzt, heute werden sie sich selbst überlassen. Wenn sich das Gras im Herbst zu verfärben beginnt, breitet sich im Bieszczady eine fast nordische Stimmung aus. Dunkle Nadelwälder, wie wir sie an den Hängen von Diablak und Tatra fanden, sucht man in den Ostbeskiden vergeblich. Hier bilden kleine, verkrüppelte Buchen die Waldgrenze, Überbleibsel einer Zeit, als das Klima deutlich wärmer war als heute und der stattliche Buchenurwald bis auf die Gipfel der Tarnica reichte...


Fünf Tage bleiben wir in Wołosate, einem Dorf, das 1939 noch über 1000 Einwohner hatte, in dem heute aber nur noch 30 Menschen ständig leben - vor allem Angehörige der Parkverwaltung und Grenzwächter. Unweit unserer Herberge liegt die alte griechisch-katholische Kirche, die bei der Vertreibung der Einheimischen niedergebrannt worden war. Es ist eine eigenartige Stimmung, die hier herrscht. Am Abend weht ein kühler Wind den Duft der brachliegenden Wiesen, der Buchenwälder und Moore zu uns, am klaren und dunklen Nachthimmel sind unzählige Sternschnuppen zu sehen, tausende von Grillen zirpen in die idyllische Spätsommerstimmung. Und doch ist da etwas Trauriges, als würde sich die Landschaft ihrer vertriebenen Bauern erinnern...

Wir verbringen unsere Abende bei Bier und Wodka in der einzigen Kneipe des Ortes. Hier treffen sich zu später Stunde die Beerensammler, verlorene Existenzen, wie man sie im Westen nur noch aus dem Romanen eines Emil Zola oder Friedrich Glauser kennt: Lange, hagere Gestalten in abgetragenen Kleidern, die den ganzen Tag über illegal Beeren pflücken, sie für ein bescheidenes Geld verkaufen und dieses am Abend versaufen und vertanzen...

Als wir nach fünf Tagen in unserem Bus über die löchrige Strasse nach Westen rollen, lassen wir einen der entlegensten und verlassensten Winkel des neuen Europas hinter uns. Nun geht es zurück in den Westen.

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