septembre 13, 2005

Durch den wilden Rago

Als ich am Morgen im Nachtzug nach Bodø erwache, greife ich als erstes nach dem Schuhwachs. Die Berge um uns sind Nebelverhangen, Wasser fliesst in kleinen Rinnsalen über die Zugfenster nach hinten. Viel schlechter könnte das Wetter nicht sein. Als wir in Fauske auf Felipe warten, der mit dem Bus aus Bodø kommt, sinkt die Stimmung ein erstes Mal. Es regnet Bindfäden. Und Aufhellungen sind nicht in sicht.

Irgendwo auf der gewundenen Strasse am Tørrfjorden spukt uns der Bus nach Narvik aus. Mitten in der dschungelartigen Vegetation gähnt ein dunkles Loch. Es ist der Strassentunnel, durch den der Weg nach Nordfjord führt - hinein in die Berge. Der breite Weg führt dem Wasser entlang in das Trogtal hinein. Hoch über uns zieht ein Seeadler seine Runden. Der Trek hat begonnen.

Ab Lakshola ist es mit den guten Wegen vorbei. Ein Einheimischer in Gummistiefeln und Anorak steigt in sein Auto und braust davon, talaus, Richtung E 6. Es ist der letzte Mensch, den wir für die nächsten sechs Tage sehen.

Auf steinigen Pfaden geht es nun hinein in den Rago, einen der unbekanntesten und am seltensten besuchten Nationalparks Skandinaviens. Hier zeigt sich das norwegische Küstengebirge in all seiner Wildheit. Von überall her kommt Wasser, ergiesst sich in unzähligen Fällen über mächtige Plattenschüsse hinunter in die Laksåga, die breit mäandrierend durch den Urwald im Tal zieht. Glatte Wände aus massivem Granit ragen hunderte von Metern empor und werfen das Tosen der Wildbäche ins Tal zurück. Der Weg führt über rutschige Platten, durch Moore, windet sich zwischen den Resten alter Bergstürze und entlang schäumender Wasserfälle empor. Der Regen nimmt kein Ende, manchmal marschieren wir bis zu den Knöcheln im Wasser, dass sich über den Mooren staut. So wunderschön die Landschaft hier ist, so ermüdend wird das Gehen im strömenden Regen. Der Norden bereitet uns einen rauhen Empfang.

Irgendwann stehen wir plötzlich vor einer kleinen Hütte mitten im Wald. Wir sind am Storskogvatnet. Die Aussicht auf ein knisterndes Feuer im alten Gusseisenofen lässt den gesunkenen Mut steigen. Wir sind im Norden, mitten in unserem Traum.

Eine alte Kote erinnert daran, dass wir uns auf Samenland befinden.

Immer wieder müssen wir uns neu orientieren.

Nichts als Steine, Wasser, Moos und Nebel.


Die gemütliche Ragohytta ist der letzte Aussenposten der Zivilisation.
Weiter östlich kommt nur noch Wildnis.

Tagelanger Regen hat unsere Schuhe völlig durchnässt.
In der Ragohytta können wir sie ein letztes Mal trocknen.

Zwanzig Kilo Tragegewicht, unwegsames Gelände und nichts als Regen:
Steffi ist erschöpft.

Vom wilden norwegischen Küstengebirge in die weiten Hochebenen Lapplands - dies ist das Ziel unseres Treks, der uns in dieser verlassenen Gegend wie eine Expedition anmutet. Der Weg von der Ragohytta nach Westen, über endlose Felsplatten und einen unbekannten Pass ins "Land dort oben", das Padjelanta, ist das eigentliche Herzstück unserer Unternehmung.

Rucksack schultern. Uns steht die Königsetappe bevor.

Die stille Schönheit des Rago.

Brücken gibt es hier oben längst keine mehr.
Doch das Bad im kalten Wasser tut unseren Füssen nur gut.


Zuhinterst im Rago gibt es nur noch Felsen. Stundenlang marschieren wir über Granitplatten. Bei schlechtem Wetter dürfte dieser Pass kaum noch passierbar sein - die rutschigen Flechten und der Nebel könnten zur gefährlichen Falle werden. Irgendwann sind wir oben auf der Passhöhe. Ein letzter Blick zurück, dann geht es weiter, hinein in das mythenumrankten westlichen Padjelanta - das "Land dort oben", wie das Wildnisgebiet in der Sprache der Saami heisst.

Vier Tage sind wir nun unterwegs, ohne einen Menschen gesehen zu haben. Wegspuren gibt es längst keine mehr. Nun führt uns unser Weg hinein ins Herz des westlichen Padjelanta: Zum Vastenjaure, einem mächtigen See auf 547 Meter Höhe. Heide, Sumpf und unzählige kleine Seen prägen das Bild.

Wollgras, Mücken, Moor - die Tundra Lapplands.

Am Vastenjaure.

Es ist einfach zu schön gewesen. Im gleissenden Sonnenschein sind wir in die kalten Fluten des Vastenjaure getaucht, haben unter Wasser die Sonnenstrahlen wie Gold im Spiegel der Wellen glitzern sehen, uns den schweisstreibenden Hang hinaus zum Báktegjesjávrasj gearbeitet und uns an einen schönen Tag in den Alpen erinnert gefühlt. Doch dann kommen aus Westen Wolken, und sie kommen schnell. Am Abend peitscht der Wind über die Klippen hoch über dem See. Dann kommt der Regen. Tagelang. Unterbrochen nur von schneidenden Windstössen, welche die Wolken für ein paar Minuten vom Himmel fegen. Es wird hart.


Blick über den Vastenjaure. Unter uns Kreischen die Möwen im stürmischen Wind.

Der Schein trügt. Bald kommt der Regen.

Unsere Team während einer minutenlangen Aufhellung.

In der Ferne die mächtige Ahkka.


Nach drei Tagen Regen und Sturm erreichen wir den ersten Vorposten der Zivilisation: Sállohávrre, ein Sommerlager der Samen. Es ist verlassen. Durch kniehohe Heiden gelangen wir auf einen Pfad - den ersten, seit wir den Rago verlassen haben. Eine gewaltige Hängebrücke führt uns über den Vuojatädno auf den Padjelantaleden. Die Wildnis liegt hinter uns. Doch noch immer begegnen wir keinem Menschen. Müde marschieren wir in Sállohávrre ein und hoffen auf ein Stück Rentierfleisch oder Trockenfisch. Doch das Lager ist verlassen.


Sállohávrre Sameviste.

Am Vuojatädno.

Auf einer Terrasse über dem Vuojatädno verbringen wir unsere letzte Nacht im Zelt. Wir sind uns einig, dass wir auf den Weiterweg in denSarek verzichten und in Richtung Ritsem aussteigen werden. Eine wehmütige Stimmung macht sich breit. Am anderen Tag führt der Weg über eiszeitliche Moränen hinaus nach Kisurisstugan. Sechs Tage nach unserem Abmarsch in Lakshola sehen wir auf dem Weg dorthin zum ersten Mal wieder andere Menschen. Zwei schwedische Wanderer, erschöpft und mit schweren Rucksäcken, schenken uns ein kurzes "Heihei" und ziehen weiter nach Südwesten.

Das neue Zelt bewährt sich in stürmischen Böen im windoffenen Gelände des Vuojatädnotals.

Abschiedsstimmung am Padjelantaleden.

In den Hütten von Kisuris folgt ein Gelage: Die restlichen Vorräte werden mit Kartoffelstock zu einem mächtigen Eintopf verkocht und verschlungen. Dann folgt der Weg nach Änonjalme, wo wir auf ein Boot hoffen. Am Fuss der verschneiten Ahkka entlang wandern wir durch Sümpfe, Heiden und schliesslich dichten Fjellbirkenwald.


Aufbruchstimmung vor der unbewarteten Kisurisstugan.

Als mächtiger Fluss strömt der Vuojatädno Rijtsemjávrre entgegen.

Eine gewaltige Hängebrücke bringt uns über den reissenden Fluss.

Eigentlich hätten wir es wissen müssen. Ein paar Finnen in der Kisurisstugan hatten am morgen etwas von "the last boat" gemurmelt. Wir haben ihnen nicht geglaubt. Auf dem Weg nach Änonjalme begegnen wir zwei Schweden. Sie hat einen wohl über 30 kg schweren Rucksack, aus dem sie einen ganzen Sack voll knackige Äpfel zaubert, und will mit ihrem Freund in den frisch verschneiten Sarek. "The last boat went yesterday", meint sie und beisst in ihren Apfel. Das sei aber kein Problem. "You have to go through the heart of Sarek", macht sie uns Mut. Das sind sieben Tagesetappen von hier, und unseren letzten Proviant haben wir gestern in einem Anfall von Leichtsinn verspiesen und die Reste in der Hütte deponiert. Krisenstimmung macht sich breit. Die skandinavische Technikbegeisterung rettet uns: Von einer Anhöhe aus können wir telefonieren und ein Boot organisieren. Erleichterung.

Es ist ein alter Same, der mit seinem kleinen Fischerboot aus Plastik über den riesigen Rijtsemjávrre zu uns nach Änonjalme tuckert und uns auflädt. Ein kleiner Mann mit einem listigen Lächeln, der ständig ins Wasser spuckt. Der Grund dafür liegt in dem schwarzen Teufelszeug, dass er grosszügig anbietet. Schwedischer Snus...




Wir sind drüben. Auf der anderen Seite. Zurück in der normalen Welt.

Unser Fährmann fährt wieder hinaus.

Ein Opfer des schwedischen Snus.

Auf der anderen Seite des Sees empfängt uns die Fjellstation Ritsem. Sie ist fast verlassen, nur wenige Wanderer teilen mit uns die Küche. Mit Waldbeercidre und Bier ertränken wir den Abschiedsschmerz. Am nächsten Morgen geht es in stundenlanger Busfahrt durch endlose Nadelwälder nach Gälivarre. Wir sind zurück in der modernen Welt. Dann geht alles sehr schnell. Felipe hat einen Anschlusszug nach Narvik, von wo er mit dem Bus zurück nach Bodø fahren will. Wir nehmen einen Nachtzug nach Stockholm. Im gemütlichen Speisewagen donnern wir bei Norrland Gull und Karbonader Richtung Süden - den Alpen entgegen!

ZentriertRitsem - ein trostloser Ort.

Mit dem Bus nach Gällivare.

Der Zug nach Narvik. Felipe muss nach Norden, wir zurück nach Mitteleuropa.

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