septembre 18, 2006

Sarek: Durch Europas letzte Wildnis

Es ist ein prächtiger Herbsttag, als wir in Kebnats das Boot nach Saltoluokta besteigen. Eine Handvoll Touristen hat sich um die kleine Anlegestelle versammelt, eine Finnin, Deutsche, eine Schwedin, welche in der STF-Station arbeitet. Die Hütten von Saltoluokta liegen verlassen in der Nachmittagssonne. Noch hat es in Lappland keine schweren Nachtfröste gegeben. Die Mücken kreisen um unsere Köpfe, als wir uns an der Holzbank vor der stattlichen Herberge ein letztes Bier gönnen. Dann schultern wir die Säcke und gehen los. Schritt für Schritt gewinnen wir an Höhe, der Blick weitet sich. Wir sind auf dem Kungsleden, einem der drei grossen markierten Wanderwege, welche die lappländische Wildnis am 68. Breitengrad durchqueren. Einige Stunden hinter Saltoluokta stellen wir die schweren Rucksäcke ab und schlagen ein erstes Mal unser Zelt auf, hoffend, dass uns der Indian Summer erhalten bleibt....


Am Morgen hat sich das Wetter verschlechtert. Graue Wolken haben den Himmel überzogen, ein frischer Wind weht von Süden her über die Weiten des Avtsusjvágge. Wir ziehen weiter auf dem Kungsleden, hinunter zum Sijddojávrre. Dort erwartet uns das letzte Mal eine Hütte des STF, ein gemütlicher Abend mit Kerzenlicht und ein trockenes Bett. Am nächsten Morgen erwartet uns Erik-Ivar Kallok, ein samischer Fischer und Elchjäger. Er führt uns mit seinem kleinen Boot über den langgezogenen See mit seinen zahlreichen Untiefen und Sandbänken, hinein in die wilde Bergwelt des Sarekmassivs. Am Ufer weidet eine Elchkuh mit ihrem Jungen. Als wir Rinim erreichen, bricht die Sonne kurz durch die Wolken und lässt das türkisblaue Wasser des Sees und die mit fluoreszierenden Felchten überzogenen schwarzen Amphibolitwände der Berge kurz aufleuchten. Kallok, der die ganze Fahrt über kaum ein Wort gesprochen hat, verabschiedet sich mit einem festen Händedruck und verschwindet über der weiten Fläche des Sees. Wir sind da.


Von Rinim führen uns Wegspuren nach Norden. Die Landschaft ist gebirgiger geworden. Links von uns ragen schwarze Felsen empor. Nebel streichen um die Zinnen und Kanten, überall rauschen weisse Bäche über die flechtenbewachsenen Steilhänge ins Tal. Vor uns öffnet sich ein schmales, enges Tal. Das Basstavágge. Unter einem mächtigen Wasserfall schlagen wir unser Zelt auf. Es beginnt zu regnen. Das schlechte Wetter hat uns wieder.


Als wir am nächsten Morgen in unseren Schlafsäcken erwachen, hat das feine Trommeln auf dem Zeltdach, das uns die ganze Nacht begleitet hatte, aufgehört. Nebelschwaden ziehen durch das Tal, die Gipfel sind wolkenverhangen. Der Pfad durch das steinige Hochtal verschwindet immer wieder, wir steigen über rutschige Blockhalden und müssen immer wieder Bäche überqueren. Brücken oder Wegmarkierungen gibt es hier keine. Wir sind im Sarek - dem grössten Wildnisgebiet Europas.


Auf rund 1000 m Höhe zeigt uns der Sarek erstmals sein alpines Gesicht. Die Vegetation wird spärlicher, riesige Moränenwälle zeugen von Zeiten, als der Gletscher Lulep Basstajegna wesentlich weiter ins Tal vorgestossen war als heute. Ein rauher Wind bläst durch das enge Hochtal, als wir den reissenden und eiskalten Gletscherfluss durchwaten. Dann lassen wir das Rauschen des Wildbachs hinter uns und durchschreiten eine stille, tote Wüstenlandschaft.

Jenseits der Passhöhe liegt der Alep Basstajegna mit seinem Gletscherfluss, dem Alep Basstajåhkå. Ein unheimlicher Hauch geht von der riesigen Gletscherzunge aus, die wie ein urzeitliches Ungeheuer zwischen den schwarzen Felsen hervorkriecht. Das Tosen des Gletscherflusses verschlingt jeden Laut, Nebel liegen über dem bläulich leuchtenden Eis. Für die heidnischen Samen war dieser Ort von Mystik und Magie umgeben. Das Basstavágge wurde von Rentierzüchtern und Jägern gemieden, nur die Schamanen begaben sich hierher, um hier ihre Zaubertrommeln zu schlagen. Der mächtige Basstavárásj, der wie ein riesiger Felsklotz über der Passhöhe wacht, galt als gigantischer Sieitie - so nannten die samischen Schamanen die heiligen Steine, an denen sie Opfer für Jagdglück und Wohlergehen der Herden brachten.


Als wir weiter unten im Tal einen flachen Boden finden, beschliessen wir, unser Zelt aufzustellen. Am Abend reissen die Wolken auf, für ein paar Stunden ist etwas blauer Himmel zu sehen. Als die Sonne untergeht, leuchten die verbliebenen Wolkenfetzen wie Feuer über den blauen Bergen auf. Dann beginnt es zu regnen. Die ganze Nacht über prasseln die Tropfen auf die dünne Nylonhaut unseres Zeltes. Ein stürmischer Wind rüttelt an den Aluminiumstangen. Als das Unwetter in den frühen Morgenstunden noch nicht nachgelassen hat, wird uns mulmig zu Mute. Was, wenn die Flüsse anschwellen und wir in dem engen Hochtal eingeschlossen werden? Als wir hoch über uns ein dumpfes Grollen hören, werden wir endgültig unruhig. Die schweren Niederschläge haben offenbar erste Rutsche ausgelöst.


Als wir im heftigen Regen Soabbejåhkå gelangen, bestätigen sich unsere dunken Vorahnungen. Der Fluss ist heftig angeschwollen. Die braunen Fluten überspülen viele der Kiesbänke, über die man normalerweise problemlos über das Wasser gelangen sollte. Für uns gibt es keine Alternative: Wir müssen über den Fluss. Angespannt steige ich in die trüben Fluten. Das Wasser ist reissend, eiskalt und trüb. Ab und zu schmettert die Strömung rollende Steine gegen unsere Füsse und Knöchel. Einen sicheren Weg durch die reissenden Wasser zu finden, ist schwierig. Immer wieder müssen wir zurück, uns neu orientieren, nach breiteren und flacheren Passagen Ausschau halten. Der Fluss brüllt, tost, dazu geht ununterbrochen weiterer Regen auf uns nieder. Für ängstliche Gedanken ist jetzt kein Platz mehr. Es gibt nur noch uns und das Wasser. Schritt für Schritt kämpfen wir uns durch die Flut, bis wir irgendwann mit gefühllosen Füssen am anderen Ufer stehen. Eine wilde Freude kommt in uns auf. Wir haben es geschafft.

Doch der Regen lässt und lässt nicht nach. Die wunderbare Seenlandschaft des Bierikjávrre vermag uns nicht mehr zu begeistern. Jedes Bächlein ist zum Bach geworden, die Moore sind überschwemmt, wir waten knöcheltief im Sumpf. Als wir schliesslich den Tjågnårisjågåsj erreichen, sinkt uns der Mut endgültig. Der berüchtigte Gletscherbach ist zu einem tobenden Wildwasser angeschwollen. Ihn zu durchwaten, wäre lebensgefährlich. Durchnässt beschliessen wir, unser Zelt an einer sicheren Stelle über dem Canyon des Flusses aufzustellen. Uns bleibt keine andere Wahl: Wir müssen warten, bis sich das Wetter beruhigt hat. Bis dahin gibt es kein Vorwärts und kein Zurück. Wir versuchen ruhig zu bleiben, geniessen ein heisses Chili, das Steffi für solche Fälle eingepackt hat. Doch so recht entspannen mag sich heute keiner von uns. Erst als ich am späten Abend sehe, dass der Pegel des Tjågnårisjågåsj leicht gesunken ist, macht sich Zuversicht breit. Wenn alles gut geht, erreichen wir morgen die Smailabrücke - und haben damit die gefährlichsten Flüsse hinter uns.

Tatsächlich lässt sich der Tjågnårisjågåsj am nächsten Morgen ohne grössere Schwierigkeiten überqueren. Um sicher zu gehen, steigen wir hinunter in das obere Ráhpadalen. Hier ist die Vegetation dichter als im steinigen Basstavágge. Undurchdringliches Dickicht aus Fjellbirken und Zwergweiden wechselt mit Mooren ab.

Wir kommen nur langsam voran. Am Ufer des Ráhpajåhkå finden wir einen Rastplatz. Der Blick schweift über das breite Bett des Flusses, der hier fast den gesamten Talboden einnimmt. So müssen die Alpenflüsse ausgesehen haben, bevor der Mensch korrigierend Eingriff und die wilden Gewässer in enge Betten aus Stein und Beton zwängte. Nicht zufällig gilt das Tal des Ráhpajåhkå als eines der schützenswertesten Naturdenkmäler Lapplands...

Am Nachmittag erreichen wir im herbstlichen Sonnenschein Skarja. Hier führt eine der wenigen Brücken, die es im Sarek gibt, über den brausenden Gletscherfluss Smáillájåhkå. Ihn zu Durchwaten, wäre bei Hochwasser ein lebensgefährliches Unterfangen. Mit ungeheurer Wucht stürzen sich die Wassermassen unter der Brücke in einen Canyon und schäumen hinunter in die Moorebene des Ráhpadalens.

Bei der Brücke findet sich die verschlossene Mihkastugan, ein Nottelefon und ein Toilettenhäuschen. Hier, am Smaillaträffan, kreuzen sich die Wege aus den grossen Tälern des Sarek. Wir nutzen die sonnigen Nachmittagsstunden, um unser Material zu trocknen und ein eiskaltes Bad in einem ungefährlichen Seitenarm des Smáillajåhkå zu nehmen. Wir sind kaum trocken, als im Nordwesten neue Wolken aufziehen. Der Wind hat gedreht. Eine frische Brise weht aus dem Ruohtesvágge und treibt Nebelfetzen durch das Tal. Bald schon regnet es wieder, und wir ziehen uns in unser Zelt zurück.

Der Regen hält den ganzen nächsten Tag an. Wir haben genug Zeit und Proviant und bleiben in unserem Namatj. Vielleicht wird das Wetter morgen besser, und wir können den Marsch durch das gebirgige Ruohtesvágge besser geniessen. Doch unsere Hoffnung wird enttäuchst. Auch am nächsten Morgen erwachen wir mit dem wohlvertrauten Geräusch des Regens, der unablässig auf das Zeltdach tropfelt. Es ist merklich kühler geworden. Die Flüsse führen trotz des Regens Niedrigwasser - ein Zeichen dafür, das oben in den Bergen bereits der erste Schnee gefallen ist.


Als wir den Smailaträffan verlassen, überfällt uns eine wehmütige Stimmung. Wir lassen das wilde Herz des Sarek, von dem wir so lange geträumt hatten, bereits wieder hinter uns. Nun führt uns der Weg wieder hinaus aus den Bergen und näher an die Zivilisation heran. Nebelschwaden treiben den Berghängen entlang, und trotz des Rauschens der Bäche, die von den hochgelegenen Gletscherzungen über steile Geröllfanken ins Tal herunterstürzen, herrscht eine fast feierliche Stille in dieser verlassenen Bergwelt.

Unterhalb der Oarjep Ruohtesjegna, einem der grössten Gletscher des Sarek, müssen wir ein letztes Mal einen der kalten Flüsse furten. Der Smáilájåhkå teilt sich hier in unzählige Arme auf, die leicht zu durchwaten sind. Eine gespenstische Stimmung liegt über dem riesigen schwarzen Sander, den das Gletscherwasser hier seit Jahrhunderten schafft - eine Landschaft, die von den Urkräften zeugt, die einst auch Mitteleuropa geprägt hatten.

Gegen Abend erreichen wir den Rand des Gebirges. Links und rechts bewachen die beiden mächtigen Gebirgsstöcke Gisuris und Niják die Öffnung des Ruohtesvágge, in der sich der Nijákjågåsj durch die Überreste riesiger Moränenwälle schlängelt. Ein kalter Wind weht aus den Bergen herab, wir verschwinden bald in unserem Zelt. Morgen verlassen wir den Sarek - ein Traum geht zu Ende.

Am nächsten Morgen bessert sich das Wetter. Die Wolken lockern sich auf und geben den Blick zurück auf die Ruohtesjegna frei. Auf den schwarzen Felsgraten liegt der erste Schnee. Vor uns leuchten die Gletscher der Ahkká im Morgenlicht auf. Die Landschaft weitet sich. An einer verfallenen Samenkote machen wir Rast, dann führen Wegspuren dem Sinjuvdisjåhkå entlang durch Moore, Zwergweiden und schliesslich durch lichten Fjellbirkenwald.

Es ist Herbst geworden. Wenn die Sonne durch die Wolken bricht, leuchtet das rote Laub wie Feuer in den grauen nordischen Himmel. Ab und zu zieht ein strenger Geruch durch das Gehölz und verrät die Anwesenheit von Elchen.

Am Abend erreichen wir die Hütten von Kisuristugan. Wir sind die einzigen, die hier noch übernachten. In einer Schublade in der Küche finden wir noch Polenta und norwegische Toro-Suppen - Reste, die wir hier im letzten Jahr für nach uns kommende Wanderer deponiert hatten. Daneben liegt eine Packung polnisches Borschtsch. Wir geniessen den Hüttenabend an der Wärme, trinken heissen Tee bei Kerzenlicht und schlafen schliesslich todmüde und glücklich in unseren Kojen ein.

Der letzte Tag im Fjell ist immer der Schwierigste. Der Abschied von der Wildnis fällt uns schwer, gleichzeitig sehnen wir uns nach der Ankunft in Ritsem, wo eine heisse Dusche, kühles Bier und getrocknetes Rentierfleisch auf uns warten. Der Weg durch den Birkenwald am Fuss der Ahkká ist gut ausgebaut und bietet keine Schwierigkeiten, zieht sich aber in die Länge. Immer wieder streift der Blick die schwarzen Felsen des mächtigen Bergmassivs, das uns schon im letzten Herbst in seinen Bann gezogen hatte.

Kurz bevor das letzte Boot über den Rijtsemjávrre fährt, erreichen wir die Anlegestation in Änonjalme. Wir sind fast alleine auf dem Schiff, nur ein paar betrunkene samische Jugendliche, die hier zum Fischen waren, und ein schwedisches Wandererpaar sind noch hier. Eine Stunde später stehen wir im Laden der Fjellstation und sprechen Deutsch. Unser Trek durch die lappländische Wildnis ist vorbei.



erschienen 2008 im Transa Handbuch

4 commentaires:

Marc-I a dit…

bombastische fotos!!!

glaube, dass ihr eure erlebnisse mal bei einem kalten bier erzählen solltet ;-)

gruss und hoffentlich bis bald
marc-i

stil a dit…

Wahnsinns-Fotos, du schaffst es immer wieder, bei mir Fernweh zu erzeugen. Der Sarek ... so lange schon ein großer Wunsch, da mal zu wandern.

Wichtelmeister a dit…

Dem Gesagten kann ich mich nur anschließen! Immer wieder höchst beeindruckend.

Der Wilderer a dit…

@marc-i: Machemmer. Wään sowiso Ziit fir nen UF-Pub-Aften ; )

@Stil: Wenn man kein Fernweh mehr hat, ist das ein sicheres Zeichen, dass man tot ist. Du weisst schon: "homme libre, toujours tu chériras..." ; )

@Wichtelmeister: Danke!