novembre 23, 2006

Erzählen


We seldom get together, and meet each other, on these poor borders, the luckless lands of the north
KALEVALA

20 000 Kilometer legte Elias Lönnrot zwischen 1828 und 1845 zurück. Zu Fuss. Im tiefsten finnischen Winter stapfte der Arzt von Hof zu Hof, um zuzuhören, wie alte Sänger Runo sangen. Das waren eintönige Lieder von alten Helden, dem weisen Zauberer Väinämöinen etwa, von der finsteren Hexe Louhi und vom Sampo, jenem Zauberding, das den Winter vertrieb und das Land fruchtbar machte. Zu den Klängen des Kantele sassen sich zwei Männer gegenüber, nahmen sich bei den Händen und sangen. Stundenlang, sich gegenseitig im Rythmus der Gedichte schaukelnd. Die anderen hörten zu. Immer wieder. Bis sie die endlosen Lieder verinnerlicht hatten. Lönnrot schuff aus seiner Sammlung ein Nationalepos, die Kalevala. Tausend Jahre früher war in Island auf die selbe Weise die Edda entstanden.

Was heute das Lesen ist, war einst das Zuhören. Ich erinnere mich an meinen Grossvater. Er hielt Bücher für unnütze Zeitverschwendung. Doch er war ein grosser Erzähler, kannte unzählige Geschichten und wusste mit Wort und Stimme umzugehen. Bei Kaffee und Schnaps konnten die Alten damals stundenlang zusammen sitzen und erzählen. Als Bub sass man einfach daneben, still, staunend, bis einem irgendwann ob all der Bilder im Kopf die Augen zufielen.

Heute ist das Erzählen am verschwinden. Die Jungen verstehen sich kaum mehr darauf, und die Älteren, die noch könnten, lassen es lieber sein: Denn zum Zellen gehört nicht nur ein guter Erzähler, sondern Zuhörer, die ihre Gespräche auf die Seite legen, die Geschichte auf sich wirken, im Raum zwischen ihnen schwingen lassen. Dieses Schweigen, in dem jedes gesprochene Wort vibrieren und seine Wirkung entfalten kann, fehlt heute.

Schweigen, das war schon immer die grosse Kunst der Ödlandbauern. Die einsamen Tage im Nebel draussen bei der Herde, die schwere Arbeit im Winter im Wald, das Melken im beruhigenden Lärm des Stalls, die weiten Wegstunden mit schweren Lasten auf dem Rücken - es war keine gesellige Welt, die sie umgab. Umso mehr genoss man die Stunden, wenn Menschen und Musse da waren für das Erzählen. "Spreche gut oder gar nicht", meinten die Isländer vor tausend Jahren. Unter Bergbauern hält man sich bis heute daran.

Der dienstleistende Mensch aber kann sich das Schweigen nicht mehr leisten. Er arbeitet im Team, ist für jeden Handgriff auf Andere angewiesen. Nicht gemocht zu werden, Mobbing zu erleiden, wird zur existentiellen Bedrohung. In dieser Welt hilft nur eines: ständiges Sprechen. Schweigen ist zu etwas Bedrückendem und Beleidigendem geworden. Wer schweigt, wird gemieden und vergessen. Er hört auf zu existieren. Darum spricht der urbane Mensch, wann immer er kann. Er quasselt um sein Leben.

Das soziale Rauschen ist weit vorgedrungen. Kein Gipfel zu hoch, keine Höhle zu tief, kein Wald zu finster um sich nicht über neue Produkte und günstige Angebote zu unterhalten. Doch wo alle sprechen, gibt es kein Erzählen mehr. Und so kommt es, dass Leute aus Grönland oder Kenia zurückkommen, von Reisen, für die Menschen auf der Suche nach Geschichten früher ihr Leben riskierten, und nichts darüber zu erzählen wissen - ausser, wie teuer oder billig alles gewesen sei...


Foto: Hans Anderson. Blidkå dig blåa ödemark.

8 commentaires:

Anonyme a dit…

"Wo alle sprechen, gibt es kein Erzählen mehr." - Eine Frage, die sich mir daraus konsequent stellt ist, ob das Paar "sprechen und Erzählen" hierbei eine Variable ist. Ich mach einmal ein Beispiel: "Wo alle schreiben, gibt es kein Lesen mehr".

Der Wilderer a dit…

...ich vermute stark, dass es mit dem "bloggen" genau das auf sich hat...

Anonyme a dit…

Ich wollt's nicht so direkt schreiben, aber ...

dr fluehchlän a dit…

Auch ich habe noch den Altvorderen gelauscht, wenn sie am Herdfeuer aus ihrem Leben erzählten, Heiteres und Tragisches. Was haben wir beim "Schwarznen" gelacht, ....ab und zu auch verstohlen eine Träne weggewischt! Und immer wussten wir, wo unsere Wurzeln waren, und wie Diejenigen vor uns dachten.
Doch, es gibt sie noch, die gewieften Erzähler und die echten Zuhörer. Aber auch Blogger, welche mit interessanten Berichten zu fesseln wissen. ...zum Glück!

Der Wilderer a dit…

Du hast recht, es gibt sie noch, auch wenn sie langsam selten werden. Manchmal muss man sie nur "anlassen"....

Wichtelmeister a dit…

Und nicht nur das ständige Quasseln der Mitläufer des "urban lifestyle" ist ein Problem, auch (und besonders) die LAUTSTÄRKE. Dieses permanente, belästigende Rumlärmen von Jungvolk und solchen, die es gerne noch wären, und dann wird dort auch noch mit einem Vokabular um sich geworfen... gestern in Bus und Bahn erst wieder erlebt. Multimedia/MP3 Handys sind ebenfalls nicht dazu geeignet, den Wert von einem Moment STILLE und Schweigen wieder mehr schätzen zu Lernen. "Die moderne Welt tanzt sich zu Tode." Sic! Ich vermisse die Stille an einem ruhigen schwedischen See in der Abenddämmerung...

Der Wilderer a dit…

....dass Du Beinteinsson zitierst, ist wohl kein Zufall. Er soll ja ein begnadeter Erzähler gewesen sein. Ein Vertreter der alten Generation, die Fluehchlän und ich noch erzählen hörten...

Rosa Vista a dit…

Ich habe die Kunst des Erzählens als Kind noch erlebt und später selber gelernt. Was mir heute auffällt ist, dass die Erwachsenen die Geduld zum Zuhören nicht mehr haben. Erzähle ich etwas, werde ich mehr als genug unterbrochen mit dem nervösen Satz:" Was willst du eigentlich sagen? Komm endlich zum Punkt!" Ich merke, dass ich meine Geschichten twittern müsste: Einfach alle Inhalte bis auf die Pointe kürzen, welche dann von den Zuhörern mit einem flüchtigen Kommentar quittiert und ebenso schnell wieder vergessen werden. Und das bringt mich auf die Frage: Was bringt den urbanen Mensch dazu, schnelles Reinziehen und Vergessen dem nachhaltig erinnerbarem Inhalt vorzuziehen? Wofür möchte sich der Mensch den Speicher freihalten?