novembre 20, 2006

Graue Himmel, blaue Wasser


Die Franches-montagnes, ganz im Westen der Schweiz und abgelegener als manches Alpental, sind eine eigene Welt. Eine ungewohnte Weite liegt über dem flachen Land. Mächtige Wettertannen geben der Landschaft ein ernstes Gepräge, das rauhe Wetter tut ein übriges. Hier, rund tausend Meter über dem Meer und ohne schützende Berge, welche sich dem Westwind in den Weg stellen könnten, herrscht ein Klima wie im Süden Skandinaviens. Die Winter sind kalt und schneereich, die Sommer oft regnerisch, und immer wieder rasen Stürme über die kalksteingemauerten Höfe hinweg.

Die Bauern, die hier leben, kamen vor bals siebenhundert Jahren hierher, angelockt von Freiheitsrechten und Steuererlassen, welche ihnen die Machthaber als Kolonisten im Ödland gewährten. Ein ausgeprägter Freiheitsinn ist den Franches-montagnes, den Freibergen, bis heute eigen. Bern ist weit weg, Paris noch viel weiter, und die Landesgrenze nicht viel mehr als ein Strich auf der Landkarte. Sie verläuft durch den Canyon des Doubs, der sich fünfhundert Meter tief in das Kalkplateau eingeschnitten hat. Tannenwälder und Felsabbrüche säumen den in der Tiefe mäandrierenden Fluss - Schmugglergelände.

Über halsbrecherische Pfade brachten die Franchesmontagnards den illegal gebrannten Absinth ins Ausland, schmuggelten Zucker, Tabak und Kaffee und wurden in finsteren Kriegszeiten zu Rettern: Für viele Juden bedeutete das anarchische Schmugglerland die letzte Hoffnung auf der Flucht vor den Deutschen. Denn im Gegensatz zu den oft mörderisch korrekten Deutschschweizern am Rhein interessierten sich die Jurassier wenig für die angeblichen Sachzwänge der damaligen Flüchtlingspolitik...

Es sind solche Geschichten, die im Innern mitschwingen, als wir in die Schlucht des Doubs absteigen und dort einen schroffen Felsgrat in Angriff nehmen. Das Wetter ist schlecht. Schon nach den ersten Kletterzügen klopfen Regentropfen auf den Helm. Der Wind wird stürmischer, im Südwesten legen sich graue Schleier über die schwarze Waldlandschaft. Als der Fels langsam nass wird und die Böen immer heftiger in die Bäume auf dem Grat greifen, beschliessen wir, abzubrechen. Ein guter Entscheid, wie sich oben auf den Ruinen der alten Burg Spiegelberg zeigt. Wie aus einer Düse trifft hier der Westwind auf den Grat, der mitten in den Canyon des Doubs hineinragt. Die Böen werfen mich beinahe aus dem Stand. Wir stehen auf der gesicherten Plattform und schauen hinaus ins weite Land, staunen ob dem Wüten des Sturms. Ehe wir völlig durchnässt sind, kehren wir zurück nach Le Noirmont.

In der gemütlichen Kneipe gibt es nach Bier und Cochonailles Gelegenheit, sich ausgiebig mit einer weiteren jurassischen Eigenart zu beschäftigen. Der Wirt bietet Absinthe aus dem nahen Val de Travers an. Ist es die abenteuerliche Tour im Sturmwind oder die Magie, die dem jurassischen Lebenselixier immer noch anhaftet? Die p'tetite bleue entfaltet ungeahnte Wirkungen. Doch das gehört nicht hierher...

5 commentaires:

thunderstorm a dit…

Wunderschön beschrieben! Ich sehe die Landschaft wahrlich und lebendig vor mir. Vor allem die Stille mochte ich immer sehr in dieser Gegend - und natürlich die riesigen Gewitter im Sommer.

Hach, da kommt man ins Schwärmen.

thunderstorm

Wichtelmeister a dit…

Ob deiner Beschreibungen kriege ich richtig Lust auf einen guten Absinth als Abendausklang, auch wenn ich mehr dem tschechischen als dem französischen oder schweizerischen zugeneigt bin - bin keine großer Anisfreund. Blauen hatte ich jedenfalls noch nicht.

Der Wilderer a dit…

@tunderstorm: Die Gewitter dort habe ich noch nicht erlebt. Die Stille aber schätze ich sehr wohl. Da ist es ruhiger als mancherorts im Engadin oder Wallis, wo überall Bahnen und Touristen sind...

@wichtelmeister: Im Travers sind die meisten blau, angeblich auch aus Gründen des jahrelangen Versteckspiels... Ich werd auf jeden Fall mal hinfahren und meine Hausbar mit den lokalen Spezialitäten aufstocken. Vom tschechischen hab ich bisher, alter Chauvi, ich weiss, gar nichts gewusst ; )

Dr Fluehchlän a dit…

......ja, wunderschöne Landschaftsbeschreibung! aber auch melanchonisch, sicherlich nicht immer lustig in dieser Abgeschiedenheit zu leben. Besonders im Winter! Da lässt man sich gerne ab und zu von der geheimnisvollen Fee etwas aufwärmen! .....schaden wird jedenfalls nicht!

Der Wilderer a dit…

...drum hat man in den abgelegenen Gebieten auch immer so eigene Trinkgewohnheiten ; )