novembre 29, 2006

Nacht und Nebel

Es ist dunkel, als wir uns am Poly-Haupteingang treffen. Über Zürich liegt schon der ganze Tag dieser hartnäckige Nebel. Manche Hochhäuser verschwinden mit ihren obersten Stöcken in den Wolken. Von den Bergen ist nichts zu sehen.

Man hat sich schon lange nicht mehr getroffen. Wir sind alte Kameraden, haben gemeinsam die Matur gemacht - die eidgenössische, im Fernstudium, der härteste Weg. Er hatte ein paar Monate vorher seinen Schwerpunkt Mathematik aufgegeben. Aus Langeweile. In drei Monaten hatte er vier Jahre Latein nachgeholt, nachts, mit Bier, Cäsar, Cicero, Ovid, und war am Ende knapp an der Höchstnote vorbeigeschlittert - ein Hohn für alle braven, fleissigen Gymnasiasten, die Jahre mit dem Stoff gerungen hatten.

Jetzt bezieht er IV. Physik an der ETH, Platzangst im Hörsaal, Arbeit im Gartenbau. Schizophrenie, 4 Monate Klinik. Fluanxol, Risperdal, Temesta - moderne Chiffren für eine eisig kalte Angst, eine endlose Verzweiflung, die blutige Narben hinterlässt und von der Psychiater und Experten so wenig verstehen, wie ein Nichtschwimmer von der Not eines Ertrinkenden weiss...

Wir fahren mit dem Tram hinaus in den Wald. Marschieren eine halbe Stunde durch den Nebel. Der Mond wirft ein mitwissend dunkles Licht in den schwarzen Zürcher Forst. Mitten drin packt er Bier, Thunfisch, Brot und Käse aus. Ein Znacht. Wir sitzen in der Kälte, lachen, haben es von Nietzsche und Hesse, vom Training und von den Frauen, vom Norden und vom Saufen. Der Wald tue ihm gut, lindere den Wahn, meint er. Als sich der Nebel lichtet, wird es bitter kalt. Auch das tut gut.

Ich hoffe, wir sehen uns dort bald wieder. Ich werde polnischen Wodka mitbringen.

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