décembre 27, 2006

Milchmahl

Bis vor wenigen Jahrzehnten feierte man bei uns zu Hause den Heiligen Abend noch etwas anders. Die bürgerliche Weihnachtsfeier mit Christbaum, Liedern und Geschenken war damals noch nicht in die abgelegenen Alpentäler vorgedrungen. Die Nacht vom 24. auf den 25. Dezember galt als die längste des Jahres und war von einem unheimlichen Zauber erfüllt. Man glaubte, dass in keiner Nacht so viele Geister uf der Fieri seien wie an dieser. Sagen erzählten, dass die Toten zwischen elf und zwölf Uhr Abends einen Umzug machten, und man ging davon aus, dass das Nachdvolch nun bis in die Häuser der Lebenden vordrang. Damit verbunden war der schlichte Brauch des Milchmahls. Am Abend sass die ganze Familie in stillem Ernst zusammen und ass Milch, Brot und gebratenen Käse. Nach dem Mahl wurden die Reste auf dem Tisch gelassen, und die Familie ging früh zu Bett. In der Nacht, so der Glaube, käme das Nachtvolk und geniesse seinen Teil der Speise.

Heute ist dieser einfache, aber schöne Brauch in Vergessenheit geraten. Wir haben seit einigen Jahren angefangen, wieder ein Milchmäälti zu halten. Nicht am 24. Dezember, dann feiern wir mit unserer Basler Familie, aber, und das passt zum alten Volksglauben vielleicht fast noch besser, in der längsten Nacht des Jahres. Der schwere Duft von geschmolzenem Alpläse zieht dann durch die Wohnung, es ist warm, und wir sitzen im Kerzenschein und löffeln die warme Milch mit dem eingebrockten Brot. Nach dem Essen bleibt Zeit für ein Ggaffee und ein paar alte Geschichten, bevor wir zufrieden ins Bett sinken. Und irgendwie sind sie an diesem besinnlichen und doch so gemütlichen Mahl tatsächlich bei uns, all jene, mit denen wir zusammen gelacht und erzählt haben, und auch jene, die Generationen vor uns bei Milch, Brot und Käse zusammensassen, in ihren rauchigen Holzhäusern, im tiefsten Winter weit hinten im Tal...

3 commentaires:

Anonyme a dit…

Sehr schöner, alter Brauch! Das macht mehr Sinn für diese Zeit in unseren Gefilden, als irgendwelche Geschichten (notabene auch Mythen) aus der Wüste am Mittelmeer. Dieser Brauch regt zum Nach- und Weiterdenken über die ursprüngliche Rituale in den geweihten Nächten an.
Herzlichst
Hagezusr

Der Wilderer a dit…

Finde zwar die Geschichten vom Mittelmeer auch ganz schön. Vor allem die Datteln ; )

Rosa Vista a dit…

Da sieht man wieder, wie wertvoll unsere Bergregionen sind. Denn anders als da besteht im Mittelland keine Verbindung zum Wissen der Ahnen mehr. Zu viele Generationen stehen zwischen der aktuellen und der ersten Generation der Industrialisierung, welch in blindem Fortschrittsglauben alles Althergebrachte als alte Zöpfe abtat und zum Verschwinden brachte. Danke für den schönen Beitrag. Was vor wenigen Jahrzehnten noch als Hinterstube der modernen Schweiz galt, ist heute vorgerückt als identitätsdtiftender Rückgrat.