février 26, 2007

Feuerzauber

Als Reisende vom Mittelmeer vor Jahrhunderten in die Gebiete nördlich der Alpen vorstiessen, brachten sie beeindruckende Geschichten von den wilden Feuerkulten der Barbaren mit. Die Germanen verehrten neben Sonne und Mond das Feuer, wusste Caesar seinen schockierten Zeitgenossen zu berichten, und die Gallier zündeten gar riesige Feuertürme an, in denen sie ihren heidnischen Göttern zu Ehren arme Gefangene lebendig verbrannten. Auch wenn sie solch rauhe Sitten längst aufgegeben haben - die Faszination für Flammen, Rauch und Funken ist den Menschen zwischen Alpen, Schwarzwald und Vogesen geblieben. Am ersten Sonntag nach der katholischen Fasnacht lodern überall auf den Höhen mächtige Feuer auf. Die Alemannen begrüssen den Frühling.

Zum Beispiel auf der Burgholle. Der Feuerplatz liegt auf einem Felskopf, zweihundert Meter über einem kleinen Bauerndorf zuhinterst im Schwarzbubenland. Stürmische Windböen fegen über die waldige Kuppe und lassen die Funken aus dem zusammengefallenen Feuerstoss stieben. Jung und alt stehen zusammen, trinken und schwatzen, unbeeindruckt von Regen, Wind und Rauch. Auf den Felsen sitzen die jungen Mädchen und schauen dem Schyblischiesse zu. Kleine, viereckige Holzscheiben werden an lange Stecken ins Feuer gehalten, bis sie rundum glühen. Über eine einfache Rampe werden sie dann hinaus in die Luft geschleudert. Manche landen im nahen Geäst, andere werden vom Wind weit hinaus übers Dorf getragen. Noch lange nach Mitternacht sieht man die leuchtenden Scheiben aufsteigen und irgendwo hoch über dem Wald verlöschen...


Nicht überall ist die Stimmung so friedlich und gelöst wie in dem kleinen Juradorf. Am Chienbäse in Liestal herrscht schon eine Stunde vor dem Umzug eine explosive Atmosphäre. Tausende von Touristen sind angereist, am Bahnhof verhaftet die Polizei jugendliche Randalierer. Doch als nach Sieben Uhr in der mittelalterlichen Altstadt die Lichter ausgehen und der Jubel durch die Gassen brandet, kann sich kaum jemand der Faszination des heidnischen Flammenzaubers entziehen. In kleinen Gruppen jagen die Feuerträger mit ihren schweren, brennenden Kienbesen durch die Strasse - unter ihnen viele junge Frauen. Die Besen, die zuvor in mühseliger Arbeit aus feinen Holzscheiten gebunden worden sind, wiegen bis zu 70 Kilogramm.

Das Tragen ist eine Tortur. Manche scheinen unter dem Gewicht der lodernden Last fast zusammenzubrechen, Hitze und Rauch tun ein übriges. Feuerwehrmänner spritzen die schweren Filzmäntel mit Wasser ab und reden den Erschöpften gut zu. Die russigen Gesichter zeugen vom Schmerz und der Anstrengung - aber auch von Stolz und unbändiger Lebensfreude.


Dann kommen die Wagen. Auf eisernen Rädern werden sie durch die Menschengasse gezogen. Bis zu 2.5 Tonnen wiegen die flammenden Ungetüme, die mit halsbrecherischem Tempo durch die Menge rasen. In ihrem Innern herrschen Temperaturen von rund 800 Grad. Wenn die Männer die Wagen abbremsen, um kurz zu verschnaufen, schlägt den Besuchern die Hitze mit aller Wucht ins Gesicht. Die Luft scheint zu glühen, und der Schmerz zwingt die Zuschauer dazu, sich abzuwenden und niederzukauern. Dann packen die Männer wieder an und reissen den Wagen unter Gejohle weiter die Strasse hinunter. Im sonst so beschaulichen Städtchen ist die Hölle los.

Beängstigend: Ein Feuerwagen rollt an


Haushohe Flammen lodern mitten in der Altstadt

Gut eine Stunde dauert das Inferno. Zurück bleibt eine gespenstische Atmosphäre. Über den Dächern ist noch das unheimliche Flackern der Feuerwagen zu sehen, die weiter unten von der Feuerwehr gelöscht werden. Die Luft ist erfüllt vom Rauch, der Boden übersät mit glühenden Kohlen. Feiner Russ klebt in den Wimpern und kratzt in der Lunge. Zeit für ein Glas Weisswein. Während man sich im nahen Basel auf den Mòòrgestraich vorbereitet und die Touristen auf die Sonderzüge eilen, feiern die Baselbieter ihre Helden.

Bis zu 70 kg sind die brennenden Kienbesen, welche die Liestaler durch die Stadt tragen.

Unter Gejohle rasen die Feuerwagen durch die Menge.

Die Hitze der Wagen ist kaum auszuhalten.

Auch im nächsten Jahr wieder: Feuerzauber am Chienbäse

10 commentaires:

T.M. a dit…

Gefällt mir, die neue Vorlage.

Hagezusr a dit…

Immer wieder imposant. In Sirnach vor einem Jahr waren sie nicht so schnell unterwegs...

Der Wilderer a dit…

@t.m.: Danke : )

@hp: In Sirnach gibt es auch Feuerwagen? Wäre an Bildern und Infos interessiert!

kopffuessler a dit…

Das schürt die Heimatverbundenheit - Danke für die wärmenden Eindrücke!

Hab ich Dich verärgert? Ich kann hier nur mühsamst kommentieren, grmpf.

Der Wilderer a dit…

Verärgert? Warum auch? Liegt wohl am neuen Blogger... Freut mich aber, wenn ich Dir ein bisschen Nestwärme hab rüberschicken können ; )

Chinaski a dit…

Sehr schön. Ich glaube nur nicht dass ihr auch im entferntesten damit rechnen würdet dass das ganze bis heute noch von den Persern gefeiert wird. Bald feiern wir den Frühlingsbeginn in dem wir den letzten Mittwochabend vor Frühlinganfang zusammenkommen, grosse Lagerfeuer machen, drüber springen und wünschen uns was dabei. Damit bereinigen wir die Seele und hoffen das Jahr gut und Rein zu beginnen. Das itt ein altarisches Ritual und es stammt nicht von den Völkern südlich der Alpen sondern kommt aus em zarathustirschen Persien. Dadurch aber dass die In der heutigen Schweiz, Österreich und Tirol, Kroatien, Serbien und Tschechien lebten arische Stämme die direkt mit den Persern verwandt waren und sie haben es ziemlich ähnlich gehandhabt. Auch die Germanen die übrigens auch mit uns Persern verwandt sind liebten Feuer und bei den Wikingern war es nicht viel anders.

Der Wilderer a dit…

...genau darum feiern die Kurden in Basel Ende März Newroz auf dem Marktplatz, mit Sprung übers Feuer und allem drum und dran. Tolle Sache.

Jaja, Brauchtum verbindet : )

Chinaski a dit…

Brauchtum verbindet, richtig... und übrigens ich hab dich ohne zu fragen auf meine Blogliste gesetzt, allein wegen diesen einen Eintrag ist diese Seite es wert verlinkt zu werden. Wenn es dir aber -warum auch immer- nicht recht seien sollte, sag bescheid, dann nehm ich dich auch gerne wieder raus.

Der Wilderer a dit…

Nein, nein. Ist mir eine Ehre , )

Der Wilderer a dit…

Zu Newroz in Basel gibts noch ein schönes Podcast:

http://pod.drs.ch/mp3/siesta/siesta_20070322.mp3