mai 06, 2007

Bergen

Bergen gilt als die verregnetste Stadt Europas. An durchschnittlich 235 Tagen im Jahr ist es hier nass. Auch im Winter, wenn Städte wie Stockholm oder Helsinki sich mit weihnachtlichem Weiss und zugefrorenen Meeresbuchten schmücken, ist es hier einfach nur grau und regnerisch. Doch scheint einmal die Sonne, ist Bergen die vielleicht schönste Stadt der Welt. Umgeben von sieben Hügeln, vom offenen Meer durch einen Kranz von felsigen Inseln abgeschirmt, liegt der uralte Handelsplatz wie eine schillernde Perle inmitten einer nordischen Urlandschaft. Jahrhunderte lang liefen hier alle Handelsfäden aus dem Norden zusammen. Stockfisch aus den norwegischen Fjorden wurde nach Mitteleuropa verladen, Fertigprodukte aus Deutschland fanden von hier aus den Weg in die abgelegenen Fjorde zwischen Hordaland und Trøndelag. Heute versprühen die ehemaligen Kontore der Hansa den kühlen Charme nordischer Urbanität: Modeateliers, Werbebüros und teure Clubs haben sich in den Holzhäusern von Brygge niedergelassen.


Auf dem Platz davor, fast direkt am Meer, lässt sich an den seltenen Schönwettertagen wunderbar ein Utepils geniessen. Überhaupt ist Bergen eine Stadt für Geniesser: Das kleine Zentrum lädt zum flanieren ein, sämtliche Sehenswürdigkeiten lassen sich zu Fuss erreichen. Die Schönste liegt nur ein paar Gehminuten von Brygge entfernt: Das Torget mit seinem Fischmarkt direkt am Meer. Wer norwegische Lebensmittelpreise nur knapp verkraftet, aber dennoch nicht auf Gutes verzichten will, kauft hier Lachs. Besser und günstiger soll er nirgendwo zu kriegen sein....


Und dann ist da noch das Umland. Per Bahn fährt der Bergenser abends auf einen der umliegenden Gipfel. Der höchste davon ist der Ulriken. Mit seinen 642 m ist er weniger hoch als der Zürcher Üetliberg. Doch oben, nur wenige Minuten über der Stadt, erwartet den Besucher eine andere Welt: Eine weite Fjellandschaft mit Bergseen, Mooren und Zwergstrauchheiden erstreckt sich schier bis zum Horizont, Berghütten versprechen urige Gemütlichkeit bei schlechtem Wetter - was hier nicht selten ist. Im Winter sind die Berge über der Stadt das Reich der Skiläufer. Nur einen Kilometer vom Stadtrand entfernt lässt es sich hier schier endlos durch das winterliche Fjell ziehen...

Während der Schnee im gebirgigen Hinterland Bergens monatelang liegen bleibt, wird es auf den Inseln draussen im Meer kaum je richtig Winter. Der warme Golfstrom lässt hier die Jahreszeiten verschwinden: Der Juli ist hier nur knapp zehn Grad wärmer als der Januar. Die unzähligen Inseln, die die Hafenstadt wie Wellenbrecher von den Stürmen der Nordsee abschirmen, sind erst seit wenigen Jahrzehnten mit Strassen erschlossen. Vorher war jedes Eiland eine Welt für sich. Auf ihren Einzelhöfen lebten die Fischer und Bauern ein karges Leben. Man war streng protestantisch, nach Bergen reiste man nur, wenn man musste - für die Hin- und Rückfahrt brauchte man mindestens zwei Tage.

Auf ihren Höfen betrieben die Inselbauern etwas Viehzucht, man hatte ein paar Kühe und Schafe, die auf den sumpfigen Wiesen grasten. In kleinen Gärten um das Haus pflanzte man Kartoffeln. Die eigentliche Lebensgrundlage war aber das Meer. Während die Frauen sich um das Vieh und den Garten kümmerten, fuhren die Männer hinaus. Stockfisch von den Inseln wurde in Bergen verkauft und brachte etwas Bargeld. Zu Hause kam der Fang nicht nur auf den Teller, sondern auch in die Futterkrippen der Tiere: Wenn das Heu knapp wurde, mischten die Bauern gekochten Fisch mit getrocknetem Heidekraut und brachten die wenigen Kühe so durch den Winter.


Heute sind die Inseln gut erreichbar und ein beliebtes Naherholungsgebiet der Bergenser. Die zahlreichen natürlichen Kanäle, welche die Inseln durchziehen, sind ein Traumrevier für Kanufahrer, die felsigen Buchten bieten herrliche Möglichkeiten zum Schwimmen und Cliffdiven. Die traditionelle Landwirtschaft dagegen ist auf dem Rückzug: Die Flächen hier draussen sind zu klein, um billig genug produzieren zu können, und die Überfischung macht den kleinen Fischereibetrieben zu schaffen. Dennoch ist das Erbe der Fischer-Bauern noch nicht ganz verschwunden. Noch immer fahren einige Fischer regelmässig hinaus, und auf den sumpfigen Matten über den Klippen grasen noch immer die gehörnten langhaarigen Schafe, die hier seit tausend Jahren allen Wettern trotzen.


3 commentaires:

Marc-I a dit…

Bombastische Bilder von Brygge, du hast die Stimmung hammermässig eingefangen! Bist wohl einer der wenigen, der die Häuserzeile in solchem Licht erleben durfte ;-)
Da wird gerade die unbändige Lust frei, loszureisen... Gift für einen in der Biblio büffelnden Studenten...
so long
Marc-I

Der Wilderer a dit…

Jaja, ich hock hier jetzt auch wieder im Alltag fest.
Aber bei Dir dauert es ja nicht mehr soo lange, bis Du auch wieder das unbeschreibliche Gefühl geniessen kannst, an einem kühlen Abend am Meer ein 15 Franken teures Bier zu trinken ; )

meteo a dit…

Sehr schöne Bilder - Bergen (Voss?) fasziniert mich immer wieder. Insbeondere im Winter sind die Schneemassen dort unglaublich. Ich gucke auch immer mal wieder bei Svein vorbei: http://home.online.no/~sulvund/Voss_Now/

Grüsse zu Dir

meteo