juin 06, 2007

Bottchen

Eine gespenstische Stimmung liegt über dem Giessbach. Das Wasser kommt gross, unten in der Schlucht schäumt und braust es, die Wälder um uns schweigen geheimnisvoll. Die Berge sind Nebelverhangen, die Tannen noch feucht vom Regen der letzten Tage. Wir sind wohl die ersten, die diesen Weg in diesem Jahr gehen. Umgeknickte Bäume liegen auf dem alten Viehweg, den seit Jahrzehnten nur noch Wanderer begehen. Oben, nahe beim Niidgfundenland, verlieren sich die Wegspuren im frischen Schnee. Es wird kühl, und in all dem Grau sehnt man sich nach etwas Wärme und Gemütlichkeit. Für's erste muss ein Stück Schokolade genügen. Noch haben wir den schwersten Teil unserer Wanderung vor uns.

Oben bei den Alphütten herrscht noch Winter. Die Fenster sind mit Brettern vernagelt, Schmelzwasser tropft von den rostigen Wellblechdächern. Wo im Sommer hundert Glocken bimmeln und die Blumen blühen, ist heute grau und trist. Ein paar Enziane lugen aus aus dem Schnee, Spuren verraten die Anwesenheit von Füchsen, Schneehasen und Murmeltieren. Wir stapfen knietief im nassen Schnee, sinken immer wieder ein und suchen uns unseren Weg. Dem Bach entlang hinunter in die Schärmtanni, einen verzauberten Wald, in dessen riesigen Felsblöcken, Wurzelstöcken und vermodernden Baumstämmen es fast kein Fortkommen gibt. Endlich finden wir unseren Lagerplatz.



Wie ein gigantisches Amphitheater umgeben die Felsen den flachen Boden. Der Wasserfall stäubt und tost, Kristina erzählt mir eines ihrer verrückten Märchen, ich ihr die alten Geschichten. Die ersten Schatten fallen über das Tal, als wir uns über ein nordisches Gericht hermachen. Real Turmat, mit Fisch und Reker aus Norwegen. Danach schottischer Whiskey.

Am Morgen ist die Welt eine andere. Die Sonne scheint mitten ins Zelt hinein, die verschneiten Gipfel scheinen hell im Morgenlicht. Wir lassen die Pläne Pläne sein, liegen am eiskalten Bach, geniessen den Bergfrühling und vergessen fast, dass wir weiter müssen. Doch unten im Tal warten zwei Leben, die weitergeführt werden wollen. Und so sitzen wir irgendwann wieder in einem hochmodernen Zug und donnern mit Hochgeschwindigkeit nach Norden. Zurück bleibt die Sehnsucht nach der Freiheit und der Wildnis, die mir Heimat ist.


2 commentaires:

Hatebreeder a dit…

Also nach dem Du nun schon quasi den Urlaub für den Wichtelmeister geplant hast und ich mal wieder fernweh/heimweh habe, nach dem ich diesen Eintrag gelesen habe, frage ich mich doch glatt, ob du mir nicht einen Job bei euch vermitteln kannst. Dann könnten endlch Sehnsüchte nach den Bergen befriedigt werden. Obwohl ich doch glaube, dass mir das Meer zu sehr fehlen würde. 2-2 1/2 Stunden mit dem Rad zum Meer sind nunmal nicht weit. Das Meer hat einen anderen Charakter als die Berge...

Der Wilderer a dit…

Ja, bis zum Meer ist's dann halt schon ganz schön weit. Gut, in ein paar Stunden ist man Mittelmeer, aber das ist halt nicht dasselbe... Ansonsten würden wir Dich hier natürlich gern willkommen heissen ; )