juillet 02, 2007

Im Uri

Es ist ein grauer und nebliger Tag, als wir mit dem Postauto dem Urnersee entlang nach Isenthal fahren. Hier, in einem der abgelegensten Tälern der Urschweiz, wurde vor ein paar Jahrzehnten der letzte wilde Bär geschossen, seither hat sich nicht viel geändert. Auf den kleinen Matten zwischen Steilhängen und Wildbächen wächst das Gras für den Winter, oben auf den weitläufigen Alpen weidet das Vieh - kleine, kräftige Tiere mit graubraun glänzendem Fell, wie man sie im Sommer überall auf den Hochweiden zwischen Wetterhorn und Vrenelisgärtli antrifft. Die mächtigen Wälder an den Talflanken sind Nebelverhangen, oben auf der Biwaldalp herrscht Regenstimmung. Die Infangers sitzen in ihrem Stubeli, es riecht nach Kaffee, Vieh und Rauch.

Oben in der Gitschähirälihittä ist es einsam. Der Nebel verhüllt die karge Felslandschaft, ein kühles Lüftchen kriecht unter die verschwitzten Hemden. Um uns ist nichts zu sehen als Felsen, Schutt und Sand. Noch vor hundertfünfzig Jahren wälzte hier der Bliemlisalpfirn seine Eismassen über eine breite Abbruchkante hinunter ins Tal - der Sage nach soll er eine einst blühende Alp überfahren haben, nachdem der Senn mit den heiligen Traditionen gebrochen hatte. Heute ist das Eis auf dem Rückzug. Doch noch ist er da, der Gletscher. Eine kurze Wanderung führt uns mitten hinein in die unheimliche Welt aus Wasser, Eis und Nebel...

Der Bliemlisalpfirn... der Sage nach einst eine blühende Alp

Schmelzwasser auf dem Eis...

Am nächsten Morgen ist das Grau verschwunden. Unten im Tal wabert das Nebelmeer, über uns verspricht ein tief blauer Himmel einen glänzenden Tag. Es hält uns nicht lange in der Hütte, wir wollen hinauf, an die Sonne, auf den Gipfel.


Mittsommermorgen über Isenthal

Im Aufstieg über die Moräne von 1850

Ein zarter Hauch von Sommer hat auf den Schuttfeldern oberhalb des Firns Einzug gehalten. Zwischen dem lockeren Geröll leuchtet frisches Grün und die bunten Tupfer der Alpenblumen hervor. Der Blick geht weit, von den Eisriesen der Berner Alpen bis zu den aus dem Dunst ragenden Gipfeln der Ostschweiz. Unter uns liegt der Urnersee, über uns steigt die Sonne höher und höher. Im Windschatten kann man sich an die aufgewärmten Felsen lehnen und die Hilbi geniessen - an einem Ort, an dem das meiste Jahr über Schnee und Eis regieren. Es ist Mittsommer...


Frühsommer auf 2800 Meter über Meer

Auf dem Abstieg ist nichts mehr zu merken und von der Düsterkeit, die am Vortag über der Landschaft hing. Die Alpen um uns herum leuchten im frischen Grün des jungen Sommers, Kuhglocken bimmeln friedlich aus dem Tal herauf, die stotzigen Matten sind mit Blumen übersät. Unten im Tal schäumen die Wildbäche vom Schmelzwasser, und die Isenthaler Bauern sind in Nachmittagshitze am heuen.

Vom Gletscher freigegeben: Das Vorfeld des Bliemlisalpfirns

2 commentaires:

Alex a dit…

Ich bin ja eigentlich überhaupt kein "Alpen-Fan", aber die Bilder sind einfach wunderschön. Genau der richtige Farbtupfer für so einen grauen Morgen wie diesen

Der Wilderer a dit…

Vielen Dank, Alex. Als Alpen-Fan würd ich mich ja auch nicht bezeichnen. Ist halt einfach meine Heimat. Wobei die Berge für mich immer auch etwas Fremdes haben. Ich versuche, sie gewissermassen mit norwegischen Augen zu sehen. Mehr Nebel als Blume, Kühe und Lederhosen ; )