août 08, 2007

In den Westfjorden

Sie ist eine der rauhesten und abgelegensten Gegenden Islands: Die Halbinsel Hornstrandir ganz im Nordwesten des Landes. Nur 250 Kilometer vor der grönländischen Küste, herrschen hier oft extreme Wetterbedingungen: Die Sommer sind kühl und neblig, der Winter wegen seiner Stürme gefürchtet. Immer wieder wurden die Buchten in der Vergangenheit von Treibeis blockiert, welches mit dem kalten Ostgrönlandstrom nach Süden driftete. Mit dem Eis kam eine weitere Gefahr - Eisbären. Tagelang trieben die Tiere auf Eisschollen über das offene Meer, bevor sie an die Küste getrieben wurden und Mensch und Vieh attackierten. Fast tausend Jahre lang war diese unwirtliche Gegend die Heimat von Fischerbauern, die in den Buchten und Fjorden auf ihren kargen Höfen lebten. Schon zur Zeit der Landnahme waren die ersten Siedler hierher gezogen.

Das rauhe Land bot den Fjordbauern aus Westnorwegen alles, was sie brauchten: In den flachen Talböden am Meer wuchs genug Gras für das Vieh, die Fjellgebiete im Hinterland liessen sich als Sommerweiden nutzen. Der wahre Reichtum der Westfjorde ist aber das Meer: In den kalten Gewässern vor der Küste finden sich reiche Fischgründe, aus den Vogelklippen konnten in gefahrvoller Kletterei Eier geborgen werden, und der Ostgrönlandstrom trieb regelmässig mächtige Baumstämme aus den sibirischen Strömen an den Strand - in einem Land, in dem selbst damals nur Birken wuchsen, ein unsschätzbarer Wert. Heute sind die Buchten und Fjorde von Hornstrandir menschenleer. Die Moderne hat die Nachkommen der Fischerbauern in die Städte gelockt. Nur noch einige Sommerhäuser erinnern daran, dass diese Wildnis noch vor wenigen Jahrzehnten Bauernland war...

Unsere Reise durch die verlassene Welt Hornstrandirs beginnt in Ísafjörður, dem Zentrum der Westfjorde - eine kleine, moderne Stadt, die nach wie vor vom Fisch lebt. Gut eine Stunde dauert der Flug von Reykjavík hierher. Vor dem Büro des lokalen Reiseunternehmens Westtours herrscht Sommerstimmung. Die Luft ist klar, an den Tischen hocken deutsche Touristen beim Bier und rühmen ihre Heldentaten. Hinter den Hafengebäuden Geröllhalden, Moos und schwarzer Fels - der Fjord liegt mitten im Hochgebirge.


Am späten Nachmittag ist es soweit. Ein Boot bringt uns über den Ísafjarðardjúp nach Hesteyri - eine kleine Sommersiedlung in den Jökulfirðir. Engelwurz überzieht die ehemaligen Hofweiden, das Meer riecht nach Tang und Fisch. Oben in den Bergen liegen noch Schneefelder, das Tosen der Wasserfälle hallt über den Fjord. Ein paar Gehminuten von den Sommerhäusern stellen wir unser Zeit auf und trinken ein letztes Rotbier. Die nächsten zehn Tage sind wir auf uns gestellt.


Am nächsten Morgen ist uns jedes Zeitgefühl abhanden gekommen. Es ist Mitte Juni, und hier, nahe am Polarkreis, wird es um diese Jahreszeit nicht mehr dunkel. Über Schneefelder, Geröll und eisige Bäche geht es hinauf in die über 400 m hohe Kjaransvíkurskarð. Ein rauher Wind bläst hier oben, dichter Nebel versperrt die Sicht auf die Berge um uns herum. Wir sind froh, als es endlich abwärts geht. Noch sind die Rucksäcke schwer: Wir haben Proviant für zehn Tage dabei - Polenta, Hafer und Harðfiskur - getrockneter Dorsch, der in Island sei jeher als Wegzehrung im Fjell dient.

Eine Stunde später schlagen wir unser Zelt am Fuss des Álfsfells auf. Der Nebel hat sich gelichtet und gibt den Blick auf das Meer frei - es wird in den nächsten Tagen unser ständiger Begleiter sein. Unablässig branden hier die Wellen an den dunkleln Stränden. Mächtige, weiss gebleichte Holzstämme zeugen von der ungeheuren Kraft, mit der hier der Atlantik während der Winterstürme am Land nagt - oft liegen sie meterweit von der Küste entfernt. Vor Jahrzehnten waren sie von den mächtigen sibirischen Strömen aus der Taiga ins Nordmeer geschwemmt worden, von wo sie, eingefroren im Packeis, bis in in den Nordatlantik drifteten. Zwischen den toten Baumriesen liegen die Zeugnisse der modernen Fischerei: Netze, Plastikbojen, Gummistiefel, zum Teil sogar rostige Schiffsteile.




Als das Wetter wieder schlechter wird, beschliessen wir, in der nahen Hlöðuvík unser Lager aufzuschlagen. Bei der Notschutzhütte steht ein Sommerhaus, in dem ein Guide Bergsteiger aus Reykjavík bewirtet. Auch hier stand früher ein Bauernhof - nur wenige hundert Meter unter der Vegetationsgrenze. Von den Jökladir weht ein frostiger Wind. Man kann sich wohl kaum vorstellen, wie das Leben hier im Winter war, wenn sich über Wochen tiefe Finsternis über Berge und Meer senkte...


Als es in der Nacht aufklart, brechen wir unser Lager kurzentschlossen ab. Den steilen Weg über die Hochgebirgspässe hinüber in die Hornvík möchten wir nicht bei Regen und Sturm bewältigen müssen. Die Wegspuren führen steil bergan, und schon bald erreichen wir die Scharte oberhalb des schattigen Kars Skál. Tief unter uns breitet sich die Hælavík aus, wir geniessen bei etwas Schokolade die Gipfelrast mit Blick aufs Meer.

Über Schneefelder und Geröll geht es weiter in die Atlaskarð. Ein riesiger Steinhaufen erinnert dort an den Ausgestossenen Atli, der hier im Gebirge zu überleben versuchte. Wie es die Tradition verlangt, legen wir drei Steine auf das einfache Mahnmahl. Dann geht es hinunter nach Rekavík. Der Hof, der hier stand, war im Winter nur mit dem Boot erreichbar: Auf beiden Seiten versperren steile Bergflanken den Weg. Nach Hornvík gelangt man nur durch dan abschüssigen Tröllakambur.

Der Übergang ist abenteuerlich: Der einfache Trampelpfad ist zum Teil von kleinen Erdrutschen weggerissen worden. Unter uns fallen die Klippen mehrere Meter direkt ins Meer, von oben droht aus den lockeren Felsflanken Steinschlag. Wir sind froh, als wir das Kliff passiert haben und die Notschutzhütte von Hornvík vor uns auftaucht. In der Nähe stehen mehrere Zelte: Auch hier sind es lokale Guides, die in den Sommerferien Bergsteiger aus der Hauptstadt durch die Wildnis führen. Es ist eine seltsame Nacht: Während wir in unserem Zelt die immer gleiche Polenta essen, sind die Isländer draussen am feiern. In einer Grube im Sand wird Fisch und Fleisch geschmort, der mit dem Schiff herangeschaffte Alkohol scheint in Strömen zu fliessen, gegen Mitternacht lodert am Strand ein Feuer aus Treibholz...


Am nächsten Tag geht es durch den Sand. Die steten Winde haben die breite Bucht in eine bizarre Dünenlandschaft verwandelt. Nur an einer Stelle durchbricht das Wasser der Bergbäche denn natürlichen Damm aus Sand: Hier ist der Hafnarós fast zweihundert Meter breit, und Treibsand macht eine Überquerung zu einem gefährlichen Abenteuer. Ein paar Spuren im Sand zeigen uns den Weg zu einer geeigneten Watstelle.



Ohne schweren Rucksack machen wir uns am Nachmittag auf zu den Klippen von Hornbjarg. Mehrere hundert Meter stüzen die Felswände hier direkt hinunter in den Atlantik. Über den Kliffs schwebt ein intensiver Gestank von Guano, die Luft ist erfüllt vom ohrenbetäubenden Kreischen der Vögel. Über 400 000 Brutpaare leben in den Felsen, unten am Wasser die Möven, weiter oben die Lummen. Nebel hängen in den schwarzen Felswänden. Der Weg führt über steile, grasige Hänge - währe nicht das Geschrei der Möven, könnte man sich irgendwo in den Voralpen wähnen...



Eine Millionenstadt - die Vogelfelsen von Hornbjarg


Zehntausende von Lummen ziehen hier ihren Nachwuchs auf

Die nächsten Tage zeigt sich Island von seiner grauen Seite - Nebel und Nieselregen begleiten uns auf dem Weg nach Süden. Steinmänner und Pfadspuren entlang geht es durch die Allmenningar, wo die Bauern früher ihre Sommerweiden hatten. Die Landschaft wird ruhiger, grasbewachsene Flanken treten an Stelle der steinigen Hochgebirgspässe der letzten Tage. Beim Leuchtturm von Látravík erwartet uns eine Überraschung: Ein Ehepaar, das hier den Sommer über vom Fischfang lebt, bietet in einem einfachen Aufenthaltsraum Kaffee und Kuchen an. Lange bleiben wir in der kleinen Stube sitzen und schenken uns immer noch einmal nach. Dann geht es wieder hinaus in den Nebel.

Auf der kleinen Landzunge von Biarnanes finden wir einen Lagerplatz direkt am Meer. Es ist Ebbe, auf den schwarzen Felsen trocknet der Tang, in kleinen brackigen Tümpeln wimmelt es von kleinen Schnecken. Stundenlang sitze ich in dieser Nacht auf einem Stein am Meer und schaue in die Brandung. Wenn das eisige Wasser über die das schwarze Vulkangesteine schiesst, wähnt man sich in einer fernen Urzeit - irgendwie so muss es ausgesehen haben, als vor Jahrmilliarden die ersten Vulkaninseln aus dem uferlosen Urozean auftauchten...


Als wir die Almenningar - laut Statistik Islands nebelreichste Gegend überhaupt - hinter uns lassen, ändert die Landschaft erneut. Zwischen Bolungarvík und Furuförður steigen schwarze Lavaschlote senkrecht aus dem Meer auf. Der Weg durch diese Ófæra ist nur bei Ebbe begehbar und führt über weite Strecken durch glitschiges, algenüberwachsenes Geröll. Am Eingang wacht der mächtige Drangur - der Sage nach ein versteinerter Troll.


Er scheint es gut mit uns zu meinen: Die Sonne scheint, der Ozean schimmert in einem gleissenden Licht. Wir kämpfen uns durch die schwarzen Felsen, immer wieder fällt der Blick in das klare Wasser - wir kommen uns vor wie auf einer verwunschenen Pirateninsel. Die engste Stelle ist nur wenige Meter breit und bei Flut unpassierbar: Dann brandet hier das Wasser schäumend gegen die Felsen und kann schnell zur tödlichen Falle werden...

Über glitschiges Geröll: In der Ófæra.

Engpass: Bei Flut ist hier kein Durchkommen

Gestrandet: Im Winter bringt der Sturm Treibholz aus Sibirien

Ein weisses Kreuz erinnert an tausend Jahre Leben á Ströndum

Furufjörður war einst die grösste Siedlung in Hornstrandir. Noch in den dreissiger Jahren wurde hier im flachen Talboden Heu gemäht. Eine kleine Kirche erinnert an die Zeit, als in jeder Bucht ein Hof stand und die Menschen stundenlang unterwegs waren, um zu Hochzeiten und Beerdigungen in der Nachbarschaft zu gehen. Gebaut wurde sie erst zu Beginn des Jahrhunderts - eine Generation später war das Land komplett verlassen. Engelwurz überwuchert die wenigen Gräber neben dem Gebetshaus. Die Nachkommen dieser Toten leben heute in Isafjörður oder Reykavík - in kaum einem Land Europas war die Landflucht so extrem, die Verstädterung so total wie im vermeintlich so ursprünlichen Island...


Das Treibholz war auch hier einer der grossen Schätze der Fjordbauern. Von Furufjörður aus wurde der wertvolle Rohstoff mit Pferden in die von offenen Meer abgeschirmten Fjörde im Westen transportiert - nicht selten über die mächtige Eiskappe des Drangajökulls. Dieser rückt in Sichtweite, als wir die über 400 Meter hohe Svartaskarð erreichen.


Das friedliche Wetter hat uns schneller vorrücken lassen, als erwartet - nur noch eine Tagesetappe trennt uns von unserem Zielort Reykjafjörður. Es hätte auch anders kommen können. Sturm, Schnee oder tagelanger Regen, der die Flüsse anschwellen lässt, können einen Wanderer hier leicht für ein paar Tage blockieren. Für einmal scheinen uns die Wettergötter aber hold zu sein, und so geniessen wir im schönsten Sonnenschein das Friluftsliv, auf halbem Weg zwischen Gletscher und Meer...


Südlich der Svartaskarð wird die Landschaft rauher - die Nähe des Gletschers macht sich bemerkbar: Im Gegensatz zu den seichten Bächen der Allmenningar ist der Þaralátursós tief, reissend und braun vom Gletscherschluff. Die Furt bereitet uns dennoch keine Probleme, und wenige Stunden später erreichen wir Reykjafjörður. Ein paar Sommerhäuser stehen hier in der Bucht, in der Luft kreischen aggressive Seeschwalben. Mitten drin liegt ein kleiner, dampfender Pool - er wird von einer heissen Quelle gespeist. Wir stellen unser Zelt auf dem kleinen Campingplatz auf, geniessen eine heisse Dusche und nutzen die Gelegenheit, zu telephonieren: Wir sind zwei Tage zu früh. Im etwas trostlosen Reykjafjörður zu bleiben, wirkt auf uns nicht besonders verlockend. Wir planen um: In zwei Tagen wird uns ein Boot von Westtours abholen - in Hrafnfjörður.



Der Weg dorthin führt einmal mehr über einen Hochgebirgspass. Nach dem ersten richtigen Regen seit Wochen zeigt die Svartaskarð ein rauheres Gesicht: Wo wir ein paar Tage vorher in der Sonne lagen und die Aussicht genossen, schlottern wir nun in Nebel, Regen und Wind. Weglos geht es weiter über Geröllfelder und moosüberwachsene Schneetälchen. Am Skoravatn rücken die Felsen enger zusammen, die nassen, schwarzen Felsen des Hattarfjölls ragen bedrohlich in den Himmel.


Dann lassen wir die Welt der Strandir endgütlig hinter uns. Der Pfad führt steil zwischen Felswänden und tosenden Wasserfällen hinunter in den Fjord. Plötzlich stehen wir am Wasser. Eine kleine Schutzhütte am Fjord markiert den Endpunkt unseres Treks. Als wir das Zelt zum letzten Mal aufschlagen, hallt das Ruf eines Rabens durch das ewige Rauschen der Urlandschaft...

Zuverlässig holt uns das Boot am anderen Morgen ab. Verwildert stehen wir am Heck und schauen zurück in den Fjord. Wieder einmal ist ein langgehegter Traum in Erfüllung gegangen. Noch am selben Abend sind wir in Reykjavík - und ich gönne mir nach der eintönigen Kost der letzten zehn Tage ein kleines Festmahl: Svið und Bjór.


3 commentaires:

Wichtelmeister a dit…

Mmmh, sieht lecker aus... Das Bier meine ich. ;-)
Im Ernst, mal wieder umwerfende Bilder und stimmungsvoller Bericht. Hab auch schon enttäuschte Stimmen über Hornstrandir gehört/gelesen, euch ging es anscheinend nicht so?

Der Wilderer a dit…

Nein, muss sagen, ich fand's grossartig. Was allerdings etwas übetrieben wird, ist der Wilderness-Charakter der Region. Erstmal ist es halt nach wie vor eine Kulturlandschaft (was mich allerdings besonders reizt), zum andern gibt es da offenbar viel mehr Tourismus als vor 10 Jahren. Viele Sommerhäuser wurden wieder aufgebaut, es gibt geführte Kurtrips mit dem Boot, einige Wegstellen wurden sogar markiert und gesichert. Dazu kommt dann halt der typische isländische Umgang mit der Natur: Für die ist das vor allem eine klasse Kulisse für Freiluft-Barbecue.

Würde sagen, dass Regionen wie der Sarek oder der Rago wesentlich mehr Wilderness-Charakter haben. Allerdings denke ich, dass HS bei richtig miesem Wetter durchaus nicht zu unterschätzen ist... Was hast Du denn Negatives gehört?

Wichtelmeister a dit…

Dass Landschaft und Strecken etwas sehr eintönig seien auf Dauer und eben, dass der Wildnischarakter etwas übertrieben werde. Nur rauf, runter, Bucht/Fjord, und wieder das gleiche von vorn. Ist aber wahrscheinlich Ansichtssache.