septembre 27, 2007

Herbst

Einige Zeit ist vergangen, seit ich in der Heimat war. Für einmal ist es die Familie, die mich nach Hause führt - meine Grossmutter feiert in diesem Herbst ihren achtzigsten Geburtstag. Acht Jahrzehnte hat sie hier gelebt, im alten Reichsland Hasli, das einem ihrer Urahnen vor über vierhundert Jahren das Bürgerrecht gewährte. Jahrzehnte, in denen sich viel verändert hat: Aus den Bergbauern von einst sind Unternehmer, Arbeiter und Bergführer geworden. Riesige Kraftwerksbauten und teure Passtrassen haben das Tal im Herzen der Schweiz mit der Welt verbunden. Von den sieben Grosskindern lebt kein einziges mehr in der Heimat. Die Wege haben sich getrennt: Bei der üppigen Rösti treffen sich Verwandte aus Bern, Basel und Luzern. Wir alle leben in verschiedenen Welten, die eine arbeitet im Verkauf, die andere in einem Architekturbüro. Mitten drin das Grosi, das als Letzte das Heimetli im Gadmertal hütet. Auf dessen Matten, die vor dreissig Jahren die wenigen Kühe des Grossvaters ernährten, weiden nur noch Schafe und Ziegen, und der Wald rückt jedes Jahr weiter vor und macht die Arbeit von Generationen von Bauern langsam ungeschehen.


Es ist ein strahlender Sonntag, es könnte nicht schöner sein. Die Wolken haben sich schon bald verzogen, und die goldene Herbstsonne lässt das Gental in all seiner herbstlichen Pracht aufleuchten. Das Laub der Ebereschen ist schon rot, das Gras wird älws, die Luft ist klar und trotz der Wärme frisch. Vor den Alphütten im Gental feiern sie das Ende des Alpsommers. Käse und Alpanken werden verkauft, die legendären Hessbuben spielen zum Tanz auf. Kräftige Männer in Edelweisshemden schreiten über den Vorplatz, ein junges Mädchen bringt Bier und Wein an die Tische - die Rechnung stellt sie in schönstem Haslitaler Dialekt.

Heile Welt, für eine Weile, auch oben am Engstlensee. Verliebte schlendern über die Alpweiden, Fischer rudern über das eisig klare Wasser. Nur hoch oben am Titlis erinnern die Masten der Seilbahn daran, dass die moderne Welt längst auch in die Urschweiz eingebrochen ist....

Es ist ein schönes Wiedersehen, manche Cousinen und Tanten habe ich seit Jahren kaum mehr gesehen. Es ist ein bisschen wie an einem internationalen Klassentreffen. Man tauscht Adressen aus, verspricht sich in Kontakt zu bleiben. Der Tag geht schnell vorbei. Noch ein Stück Kuchen in der Küche des vierhundertjährigen Holzhauses, noch ein Kaffee und eine Zigarette hinter dem Haus, wo Grossmutters Garten farbenprächtig der Wildnis wiedersteht, die langsam von den Hängen in die Täler vorstösst. Dann heisst es, einmal mehr, Leb wohl.

Als wir zurückfahren, steht der Mond gross über den mächtigen Felswanden, und in den Häusern im Tal ist das Licht angegangen. Im Radio singt Andreas Ritter vom Werden und Vergehen, und mir wird klar, dass eine wichtige Zeit in meinem Leben bald zu Ende geht. Vielleicht werde ich mein Tal schon bald nur noch selten sehen. Durch das offene Fenster riecht es nach Herbst. Zeit, loszulassen und zu gehen....

4 commentaires:

Markus A. a dit…
Ce commentaire a été supprimé par l'auteur.
meteo a dit…

Wunderbar schön geschrieben !

Gratulation.

meteo

....usireitenwienenaar! a dit…

So hast Du also in Deinem Beitrag meine Gefühle in Worte gefasst und mich mit meiner Geschichte versöhnt! Ein Stück weit, jedenfalls....

Und schon dammert da die Ahnung eines weiteren Abschieds herauf...

...am liebsten würde ich mitkommen!

Der Wilderer a dit…

üüsi reiten wien en aar - es chennen nid all, nummen die waas waagen. Und eigetli ischd jeda Aaben schon en Abschid fir alls. Es gid ra, die chennes. Awwäg mir. Dü weischd ja:

I strüüber Ziit
Uf rüüchen Baanen
Wäg z finden
Liid iis im Blüod

En Adler steid uf iiser Faanen
Mer gään im naa, är fierd is güod
Es rüüschen d Fäcken
Mer gseen na schwäben
I Liften en Aar - heissd fir iis Läben