novembre 01, 2007

Iwwintren

Früher haben sie an der Fiirgüoben dies erzählt: Hoch oben auf der Windegg, wo heute nichts ist ausser Fels, ein paar traurigen Lärchen und Moor, sei einst eine Stadt gestanden. Mit stattlichen Bauernhäusern, einem grossen Brunnen und grünen Weiden, wo damals - um 1850 mag es gewesen sein - der Triftgletscher seine feuchtkalte Zunge bis in den Wald hinunter gestreckt hatte. Eines Morgens sei ein Mädchen an den Brunnen gegangen, um Wasser zu holen. Doch über dem Wasser sei etwas gewesen wie Glas. Da habe sie den Ältesten in der Stadt Windegg gefragt, was das wohl sein könne. Der gab keine Antwort. Rief aber alle Männer zu sich und erklärte: Nun müsse man hinunter gehen, die kalte Zeit sei gekommen. Woher er da wusste, weiss niemand. Vielleicht von jenem grauen, bärtigen Wanderer, der im Tal immer wieder gesehen wurde. In Mantel und Schlapphut gehüllt, soll er den Bauern erzählt haben, dass hier früher nichts gewesen sei als Schnee und Eis. Später habe er blühende Wälder und Weingärten gesehen. Nun nur noch Tannen und Raben - und das nächste Mal reiche der Aargletscher bis in den Brienzersee. Angeblich war es der ebenso gefürchtete wie verehrte ewige Jude, der seit Jahrtausenden die Welt durchwandert und alles Werden und Vergehen gesehen haben soll.

Nun ist es anders. Der Triftgletscher schmilzt wie kein anderer. Als ich ihn - als Kind noch - kennenlernte, war er eine Majestät. Der sich mit 800 m/a über einen viele hundert Meter hohen Felsabbruch ergoss und sich am gigantischen Gneissrigel der Windegg staute. Seit damals hat er sich fast einen Kilometer zurückgezogen. Ein See ist entstanden. Und dort, wo vor 150 Jahren die hochaufgewölbte Eisstirne lag, weiden heute die Schafe.

Doch das Dunkel dieser Landschaft, die manchmal unter Eis, dann wieder unter einer südlichen Sonne einfach weiterdauert, ist nicht vergangen. Das merkt man spätestens im Herbst, wenn der erste Schnee und das Eis in den Schätten dem Wanderer den Weg hinein versperrt. Unendlich kalt stehen sie da, die eisgeschliffenen, flechtenüberwachsenen Felsen. Drohend hängen sie über einem, die Runsen, aus denen die Urkraft der Aarmassivs Murgänge und gigantische Felsbrocken nach jenen wirft, die zu Unzeiten dort sind.


Der Winter im Berg. Er verrät uns machmal, in kurzen, kalten Momenten, welche ungeheure Gewalt in der vermeintlich gebändigten Natur schläft. An einem kann es keinen Zweifel geben: Am Ende wird uns vernichten. So wie sie seit Jahrmillionen alles Leben ausradiert hat - um immer neues zu schaffen. Zum Beispiel die Lärche, jener sibirischen Baum, der es im Laufe der Eiszeiten bis in die Alpen geschafft hat. Und der im Herbst als feuriges Symbol des ewigen Überlebens feurig rot in das Grau des einbrechenden Winters leuchtet...

Es ist eine harte und brutale Landschaft, die den Wanderer im Innersten der Alpen erwartet. Doch es ist diese Härte, aus der die Kraft der Menschen erwachsen ist, die hier Jahrhunderte lang lebten. Und an die zwischen Gotthard und Grimsel nicht nur die ärmlichen Alphütten erinnern, die sich fast ängstlich an die mächtigen Bergflanken anschmiegen. Sondern auch Bauten, die von einer ganz anderen Zeit zeugen.

Einer Zeit, als die Männer aus dem Tälern ganz zuhinterst in der Schweiz allen Ernstes die tollkühne Hoffnung hegten, die faschistischen Legionen würden hier, an den Felsriegeln des Alpenhauptkamms, scheitern. Und sie auf den fernen Jurahöhen jeden Abend mit der sinnlosen Hoffnung ins Bett sinken liess, ein Angriff der Deutschen sei eben doch abzuwehren. Morgen. Sechs Jahre lang. Während die Reichen und Gebildeten sich vom neuen Europa prächtige Geschäfte erhofften.

Es wäre ein aussichtsloser Kampf geworden, irgendwo zwischen Fels, ein paar traurigen Lärchen und Moor. Sie haben ihn zum Glück nicht fechten müssen. Doch der Beton im Gneiss des Aarmassivs erinnert daran, dass es auch ganz anders hätte kommen können...


EDVIN LAINE. Tuntematon sotilas.

3 commentaires:

Der Wilderer a dit…

Ich ahne ja, dass der Soundtrack zu diesem Video von einer nicht wirklich vertretbaren Band stammt. Mit geht es hier aber um die Bilder vom finnischen Winterkrieg - jenem Kampf eines kleinen Volkes gegen einen übermächtigen Feind, der vielen Schweizern die sinnlose Hoffnung gab, man könne sich auch gegen Nazideutschland verteidigen. Auch wenn die Eliten in den Städten mit dem Feind geschäfteten - das finnische Vorbild hinderte wohl so manchen daran, sich den hiesigen Quislingen anzuschliessen....

Wichtelmeister a dit…

Die Band ist nicht nicht vertretbar, sondern einfach nur kackdumm. LOL Nun, das Video passt, obwohl ich die Musik nicht wirklich spektakulär finde. Da höre ich zum finnischen Winterkrieg lieber Impaled Nazarenes "Total War - Winter War". Ist aber ein spannendes Thema, auch die Karelienfrage (--> Hedningarna)und das Geschehen in den baltischen Staaten, die sich tw. mit dem vermeintlich kleineren Übel NS arrangierten...

Der Wilderer a dit…

In der Tat, Kackdumm. Ironisch genug, dass ihre Musik hier Bilder aus der Verfilmung eines total antiheroischen Antikriegsromans untermalt. Fast schon postmodern - oder doch eher Céline?

Ein tragisches Kapitel ist auf jeden Fall der Krieg im Baltikum. Die hatten nur die Wahl zwischen Teufel und Beelzebub. Was die NS-Führung schamlos ausgenützt hat: Die baltischen "Legionäre" wollten ja nicht zur SS, sondern einfach nur eine Armee gegen die Russen haben. DieNS-Führung hat eine solche auf die Beine gestellt - nur war da eben der Totenkopf auf der Mütze. Und einmal an der Front gab's kein zurück. So zumindest eine der Wahrheiten. Es gab auch andere, ich weiss...