janvier 18, 2008

Germania

Sie ist klein und kräftig, blond wie die Herbstsonne, die Augen blau und grau wie Gletschereis. Sie schaut aus dem Fenster und schweigt, fixiert dich plötzlich mit einem stechenden Blick und erzählt eine Geschichte. Voller Suff, Gewalt, verletztem Stolz und trotzigem Aufbegehren. Geschichten einer jungen Frau, die mit Betonschaufeln und Lastwagenfahren aufgewachsen ist, die jeden abschätzigen Blick mit einem bösen Wort vergilt - und jedes Wort mit einer Faust. In der all die Kraft liegt, die von der Arbeit auf dem Bau kommt, bei Hitze und Staub und Regen und Kälte.

Sie sitzt da, in einer fremden Stadt, und wird plötzlich still. Die Augen schauen aus dem Fenster, in eine Ferne die da nicht ist, darüberhinaus, in sich hinein. Sie ist gekommen, um ihm zu sagen, dass sie ihn liebt. Von Anfang an. Sie kann es nicht. Schweigt und denkt daran, wie weh das alles bald schon tut. Auf der Heimfahrt, wenn der Hals trocken wird und die Augen feucht. Und der Hass so stark in der Seele brennt, dass nur noch harter Sprit den Schmerz vergessen macht.

Ich schaue sie an und sehe mich. Dasselbe Grau in unseren Augen. Derselbe Ernst um unseren Mund. Wie oft bin ich schon da gesessen, mit Herzklopfen und dem Gefühl, tief drinnen nur noch Honig zu sein. Habe dabei eisig aus dem Fenster geblickt, versteinert von der Angst vor dieser endlosen Ferne zwischen mir und diesem lachenden Mund vor meinen Augen. Bin aufgestanden und gegangen, mit nichts als diesem hoffnungslosen Stolz, der Starke sei am mächtigsten allein.

Berggermanen. Tausend Jahre Überlebenskampf in den rauhen Tälern zuinnerst im Gebirge. Unter den Gletschern hervorgekrochen. Ihre Einzelhöfe trotzig in die Flanken bauend, mit einem misstrauischen Blick gegen jeden, der näher kommt. Menschen, die nur auf sich selber trauen, niemanden brauchen, und sich gegen alles wehren, was ihnen vor der Freiheit steht. Im Liebe blind, im Hasse teuff, und langsam im Verzyhe, ganz wie im alten Schwyzerlied. Menschen, die alles können, wenn sie es nur wollen. Nur lieben - lieben können sie nicht.


RAMMSTEIN. Ohne dich.

Aucun commentaire: