mai 05, 2008

Party Polar

Es ist verdammt kalt draussen. Langsam geht es gegen Mitternacht, die Sonne steht tief über dem Meer. Wir sitzen drinnen an der Wärme, in einer gemütlichen Hütte in Bjørndalen. Kjersti spielt Gitarre, es wird gequatscht und gelacht. Draussen vor dem Fenster steht noch eine Flasche Wodka im Frost. Studentenleben in der hohen Arktis.....


Wir leben hier buchstäblich am Ende der Welt. Gleich ausserhalb der Siedlung beginnt Eisbärenland, in der "Stadt" gibt es gerade mal drei Pubs. Das Bier ist rationiert - pro Monat darf sich ein Svalbardianer 24 Büchsen kaufen. Keine coolen Clubs, keine grossen Events. Party herrscht dennoch - oder gerade deshalb. In den Baracken von Nybyen, wo früher die Grubenarbeiter unter den kritischen Augen keusch-protestantischer Aufseherinnen ihr hartes Leben fristeten, wohnen heute die Studenten. Junge Leute aus Europa, Russland, Amerika. Das kommt, wie es kommen muss: Fast jeden Abend ist irgendwo ein "Dinner", ein "Barbecue" im Freien, ein Geburtstag. Und irgendwie haben diese Parties die Eigenheit, jedes Mal komplett aus dem Ruder zu laufen.

Zum Beispiel K2K - die Mutter aller Parties, die mit schöner Regelmässigkeit für teure Reparaturarbeiten und ärztliche Einsätze sorgt. Hemmungen hat hier oben keiner mehr - alles geht, alles ist erlaubt, und die Freundinnen sind weit weg. Und so enden die gemütlichen Abende Mal für Mal im absoluten Chaos. Statt Hüttenkoller herrscht Sodom und Gomorrha.



Die typische Studentenparty sieht etwa so aus: Schwitzende und saufende Leiber drängen sich in den engen Küchen, die Verkleidungen beginnen sich aufzulösen, der Boden klebt von verschütteten Drinks. Tische fliegen aus den Fenstern und werden per Flaschenzug geborgen, blonde Hühnen wälzen sich ringend am Boden in den Schnapslachen, einer fällt beim Rauchenaus dem offenen Fenster, halbnackte Menschen rennen bei -25° durch den Schneesturm (worauf der Wilderer eine Woche lang mit Erfrierungen zweiten Grades durch die Gänge der UNIS schlurft). Peinlich ist gar nichts. Es gilt norwegische Trinkkultur: Wer trinkt, ohne sich dabei komplett abzuschiessen, ist irgendwie verdächtig.


Zwei Minuten später war der Tisch hinüber....

Gemütlicher geht es beim Friday Gathering zu und her. Forscher, Studenten und Techniker der UNIS sitzen bei einem kalten Bier um die offene Feuerstelle in der Kaffeteria. Beziehungen werden geknüpft, Projekte besprochen, Touren geplant. Irgendwann setzt sich aber auch dort der normannische Selbstzerstörungstrieb durch. Früher endeten diese Gatherings mit Mutproben nach Wikingerart: Hoch oben in den Verstrebungen des Kamins befand sich eine Flasche Whisky und ein Gipfelbuch. Nachdem ein Student aus einigen Meter Höhe auf den Steinboden klatschte, fand diese arktische Tradition ein rapides Ende. Soweit die Legende.


Irgendwann ist jede Party vorbei. Zum Beispiel in Bjørndalen, wo man morgens um drei noch schnell hinfährt, zuerst mit dem Taxi und dann auf Ski hoch zur Hütte. In der Mitternachtssonne auf der Hüttenbank sitzt, das Herz überfliessen lässt und Dinge labert, an die sich morgen hoffentlich keiner mehr erinnern kann - bis der Schlaf irgendwann sogar die härtesten Nordländer bezwingt. Vorzugsweise auf dem Küchentisch....



Pictures: Bjørn (1, 6), Joe (7, 10, 11), Jenny (2, 3, 4, 5, 8, 9)

Aucun commentaire: