juillet 23, 2008

Sommerschnee

Frühsommer in den Berner Alpen. Wolkenberge stauen sich an den Kalkmauern des Alpennordkamms, Nebel hängen in den waldigen Hängen. Oben auf den Gletschern liegt noch viel Schnee, taut im Nieselregen langsam vor sich hin. Wasser überall: Donnernd und schäumend wälzen sich die Bäche ins Tal, stürzen über mächtige Fälle, mahlen und wummern in den Kolken, Tonnen geschmolzenen Eises graben sich in den harten in Fels, überziehen Tannen und Farn mit feinen Perlen von Gischt.

Unser Pfad führt durch leuchtendes Grün; Moos, Bäume, Gras. Oberhalb des Tobels kommen wir auf eine Alp. Kühe weiden zwischen Wettertannen, es riecht nach Mist und Rauch. Feuergrubenwetter, doch wir müssen weiter hinauf. Der Weg windet sich durch Felsabbrüche und Lawinenrunsen, der Regen wird stärker, es ist nass und kalt. Die Rucksäcke beginnen zu drücken - wir sind mit dem Zelt unterwegs. Eigentlich hatten uns die sonnigen Gipfel des Wallis gelockt. Doch dort wüten heute arktische Schneestürme.


Oben angekommen, erwartet uns der erste Sommerschnee. Ein feuchter Flaum hat sich auf die blumendurchzogenen Alpweiden gelegt. Eisschollen schwimmen auf dem stillen Bergsee. Ein eigenartiges Licht wirkt durch den Nebel. Hinter uns ragen schwarze Felswände in den Himmel, vor uns schweift der Blick weit über das verregnete Land.


Eine unheimliche Verlorenheit liegt über dieser kargen Welt. Es ist beklemmend still. Felsen starren in den grauen Himmel, Nebel streichen langsam den regenschwarzen Wänden entlang, umspielen sie, flüchtig, langsam und doch schnell wie der Wind. Man hört das Murmeln von Wasser, und manchmal das kantige, sich überschlagende Geräusch eines fallenden Steins. Es klingt wie ein einsames, trostloses Lachen.


Am Morgen liegt frischer Tau auf den Zeltplanen. Im Nordosten färbt sich der Himmel feilchenblau. Noch sind die Kleider klamm, ein saurer Wind weht von Westen her über die kleine, grüne Stufe im Fels, auf der wir unser Lager aufgeschlagen haben. Er verheisst nichts gutes.


Wir sind gut eine Stunde unterwegs, als wir die Regenwand nahen sehen. Innert Minuten hat der Nebel die Gipfel dort eingepackt. Vor uns liegt eine Welt aus Schutt und Fels, vom Gletscher erst seit wenigen Jahrzehnten freigegeben. Geröllhalden, Schneefelder, Karst. Gebiet, in dem man sich im Nebel verlieren kann. Wir kehren um. Einmal mehr hat der Berg uns nicht gewollt.


Einige Stunden später sind wir wieder, wo wir hingehören. Unten im Tal, in der Kneipe. Die Wappen des Bauernadels prangen an den Holzwänden, füllige Ehepaare nutzen den Regentag für ein währschaftes Essen im Gasthaus. Berner Oberland. Ich bin zurück.

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