janvier 02, 2009

Schlimmi Gaschtig


Du sitzt in Deiner Hütte, weit draussen in Bergen und Wald. Es ist längst Nacht geworden, in den Fenstern spiegelt sich das Licht der Kerzen. Draussen ist es frostig, auch die letzten Romantiker haben sich vom Felsen mit der grossen Aussicht über die wilde Schlucht zurückgezogen  ins Warme. Das selbst gehackte Holz glosst im Ofen vor sich hin, in den Pfannen blubbert es friedlich. Ihr lacht und erzählt, trinkt Bier und Wein, geniesst das einfache, gute Mahl: Sauerkraut und Wurst und Speck. Es ist gemütlich hier draussen, fern vom Lärm der Stadt. Ein letztes friedliches Wochenende, bevor das Jahr wieder richtig beginnt.

Plötzlich dringt ein seltsames Geräusch durch die Holzwände in die Hütte herein. Psssst, kannst du es hören? Es wird lauter. Ein dumpfes Heulen wie von Hörnern. Ein schweres Schlagen wie von Stein und Stahl. Ein grelles kreischendes Singen. Es wird lauter und lauter. Als gespenste es, gleich draussen vor der Hütte. Du stehst auf, willst nachsehen – da fliegt die Türe auf. Ein eisiger Hauch fegt durch den Raum. Im Türrahmen steht ein Frau, ganz in schwarz, das Gesicht leichenweiss, die Augen mit einem Schleier bedeckt.

Eine Gestalt schwebt herein, in einem seltsamen, langsamen, kräftigen Tanz. In den Händen eine mächtige Treichel, das Gesicht schwarz, der Blick leer, in die Ferne gerichtet. Als wärt ihr gar nicht da. Langsam schreitet er durch den Raum. Hinter ihm drängen andere nach. Grosse und kleine,  in weisses Leinen oder struppige Felle gehüllt, in Uniformen, mit Waffen aus einer anderen Zeit. Sie ziehen durch deine Stube, um den Tisch herum, die einen links, die andern rechts herum. Der Lärm erfüllt den ganzen Raum, kein Läutlein hat mehr Platz. Er nimmt dir den Atem, lässt dir das Blut gefrieren. Du sitzst da, bewegst dich nicht – und zitterst doch. Eine endlose Weile drehen sie um Dich herum, dann bleiben sie stehen, und der Lärm schwillt an. Langsam werden sie lauter, schneller, die Fensterscheiben vibrieren, das Brüllen und Tosen der Treicheln und Hörner drängt jeden Gedanken aus deinem Kopf. Da ist nichts mehr, ausser ein endloses Wüten und Stürmen und Toben. 







Plötzlich stehen alle Treicheln und Glocken still. Mit einem mal ist nichts mehr zu hören ausser einem schmerzenden Pfeifen in deinem Ohr. Erst jetzt riechst du sie: Schweiss und Kälte, Rauch und Zwetschgenschnaps, Schnee und Wald.  Mit leeren Gesichtern stehen sie um euch herum. Dann gellt ein Jauchzer, zehn weitere fallen ein, und eine der Gestalten schiebt dich mit einem kräftigen Ruck beiseite. Er schaut durch dich hindurch und greift nach deinem Bier und deiner Wurst. Ihr habt Besuch.






Lange noch bleiben sie an deinem Tisch. Sprechen in seltsamen Sprachen. Singen rauhe Lieder. Sie kämen von weit her, erzählen sie, unvorstellbar weit, der Durst sei gross, der Hunger auch. Sie fragen euch aus, nehmen ohne zu fragen, lachen laut, bieten dir seltsame Schnäpse an. Dein Kopf wird schwer, die Hütte scheint sich auf dem Felsen zu drehen. Irgendwann sinkst du in deine Koje, hörst noch, wie durch Watte, wie der Lärm wieder anhebt – und langsam in den Felsschluchten draussen verschwindet.


Der nächste Morgen ist nicht schön. Dein Mund ist trocken, dein Hals schmerzt. Die gemütliche Hütte sieht aus wie nach einem wilden Fest – der Aschenbecher voll, die Flaschen leer. Das Feuer ist aus, die Türe einen Spalt offen. Und du fragst dich: Was ist bloss passiert?


Photographien: Kathi H.

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