octobre 31, 2009

Prolog

Es ist eine ganz normale Vorlesung, der Saal etwas zu warm, die Studenten schläfrig, als die Geophysikerin vorne plötzlich ins Mystische kippt. «It was cold, but a different kind of cold», meint sie. Eine Kälte, wie sie sie noch nie erlebt habe, so dunkel, wie keine Nacht sein könne. «Like plunging into some kind of hell». Sie hatte sich während ihrer Forschungsarbeiten abseilen lassen in eine Gletscherspalte in der Antarktis. Ein endloser Schlund, Hunderte von Metern tief.

Erinnerungen: Die Geschichten aus der Kindheit, erzählt in der dunklen Wärme der Alphütte, während es draussen regnete. Geister im Firn, Tote, deren Heulen in den Klüften zu hören ist. Verwunschene Alpen, verfluchte Dörfer, versunken im Eis. Gletscherspalten, aus denen bei Vollmond das Läuten eines versunkenen Kirchturms zu hören ist. Der Rollibock im Aletschgletscher, mit milchig grün schimmernden Augen und Eisschollen in den Zotteln, der alle paar Jahrzehnte aus seinem kalten Verlies hervorbicht und auf Sturzfluten ins Tal rast.

Und jetzt bin ich hier. Ganz unten im Gletscher. Ich bin etwas vorgegangen, über kantiges Geröll, das Eis nur Zentimeter über meinem Kopf, kriechend, schiebend, keuchend. Die anderen sind zurückgeblieben, ich habe mich möglichst bequem auf den Rücken gelegt und die Stirnlampe für einen Moment ausgeknippst. Nun gibt es kein Licht mehr. Ich spüre die Enge. Den kalten Atem des Eises im Gesicht. Und höre sie.

Tausend Tropfen, verborgene Wässerlein, ihr Murmeln zurückgeschlagen von den Eiswänden über mir, neben mir. Ein gespenstischer, leiser Chor. Ein trauriges Singen und Klagen. Und dazwischen ein eiskaltes Kichern.

Plötzlich ein Lichtkegel. Die andern sind da. Wir kartieren weiter.

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