octobre 28, 2009

Den Winter finden

Der Winter kam über Nacht. Noch ein paar Tage zuvor hatten wir uns gefreut, unseren Gemschpfeffer in einem alten Wilderergebiet zu geniessen: In einer im Herbst kaum mehr besuchten Hütte im Haslital, hoch über dem Gletscher, nur über einen steilen und beschwerlichen Weg erreichbar. Wie es sich gehört. Doch als wir das Fleisch in unsere Säcke packen, liegt dort oben mehr als ein halber Meter Schnee, und der Weg über die glatten Granitplatten ist unbegehbar.



Wir weichen in ein anderes altes Wildererevier aus: Das Fellital. Das abgelegene Seitental im tiefsten Urnerland war einst ein Rückzugsgebiet für Sonderlinge wie den Felli-Tresch, der hier noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine verlassene Hütte für sich und seine vier Geissen in Besitz nehmen können. Die trotzigen Holzhäuser, an denen uns der alte, zum Teil zerstörte Alpweg vorbeiführt, zeugen bis heute vom kargen und einsamen Leben der alemannischen Bergbauern, die auf der Suche nach einem Heimetli über Jahrhunderte immer weiter in die unwegsamen Täler des Aarmassivs vorgedrungen waren.

Unser Pfad führt uns mitten hinein in den Winter. Unten, wo das Rauschen der Reuss und der Autobahn an die steilen Talflanken brandet, waren wir noch im Regen unterwegs. Weiter oben liegt Schnee über den Tannen und den ungeschlachten Felsbrocken, welche die kleinen Lichtungen im Wald übersät haben, und es schneit unablässig weiter.


In einer moorigen Ebene über der Waldgrenze begrüssen wir den Winter. Dunkles Rotbier aus dem Horn, stolze Erinnerungen an den vergangenen Sommer, kühne Hoffnungen für die Zukunft, die in das Schneetreiben gerufen werden, während langsam die Nacht hereinbricht. Und dann kommt das Essen: Gemschpfeffer nach altem Rezept, Polenta, Rotkraut und Marroni, dazu italienischen Rotwein und danach das eine oder andere gut zwäggmachte Cheli, während der Att ein paar alte Innerschweizer Tänze spielt.



Verkatert, müde, aber glücklich geht es am nächsten Morgen hinunter ins Tal. Die Sonne bricht durch die Wolken und lässt den frisch gefallenen Schnee aufleuchten, die kalte Luft erfrischt. Einmal mehr sind die alten Lieder gesungen, die alten Geschichten erzählt worden. Die Erinnerung an die Wildererzeit lebt fort. Und im Tal geht die kulinarische Reise zu den Wurzeln weiter: In Erstfeld servieren sie heute Chabis mit Schaffleisch. Der Winter kann beginnen.


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