novembre 20, 2009

Ganz unten

Der Weg zum Bett des Gletschers ist mühsam. Über zwei Stunden dauert schon nur der Anmarsch durch die arktische Dunkelheit, durch ein mit nur wenig Schnee überdecktes, steiniges Flussbett. Dann über die Moräne auf den Gletscher. Ein paar Eisschrauben sichern dort das Seil, an dem wir in den Gletscher gleiten.

Abseilen im Inneren des Gletschers FOTO: J. GULLEY

Die ersten paar Meter rutschen wir über Schnee, dann befinden wir uns plötzlich in einem gewundenen Gang aus Eis. Wie Stalaktiten hängen die Eiszapfen von den Wänden. Einst war diese Höhle eine Canyon an der Oberfläche des Gletschers. Über Jahre hat sich das Schmelzwasser immer tiefer in den Gletscher eingefräst, bis sich das langsam kriechende Eis über der Schlucht geschlossen hat. Die Höhle sieht nicht viel anders aus als eine der Gletscherschluchten in den Alpen: Die Seitenwände unterhöhlt, immer wieder Abstürze, über die im Sommer das Schmelzwasser hinunterdonnert, ganz an den Grund des Gletschers. Dort wird es eng.

FOTO: A. BANWELL

Mächtige Felsblöcke, Geröll, feiner Silt. Im Gegensatz zur Eisglitzerwelt der englazialen Höhlen ist der subglaziale Teil eine Tortur. Man schiebt sich irgendwie vorwärts, das Eis ganz dicht über dem Körper, keucht, schwitzt in der Kälte. Teuere Funktionsbekleidung reisst wie billige Fetzen. Und auch jetzt, im November, wo draussen bereits jeder Fluss zu Eis erstarrt ist, bleibt es hier unten feucht. Woher die Rinnsale kommen, deren Feuchtigkeit sich unangenehm durch alle Risse in der wasserdichten Kleidung zieht, weiss niemand. Wahrscheinlich wird das Wasser aus dem Permafrost rund um den Gletscher gepresst: Wenn die dünne Schicht, die in den arktischen Böden den Sommer über auftaut, im Herbst von oben her gefriert, sucht sich das Wasser die letzten freien Wege - hinein in den Gletscher.

FOTO: J. GULLEY

Irgendwann sind die schmalsten Stellen überwunden; die Anflüge von Angst, wenn man feststeckt und sich bewusst wird, welche Masse an Eis über einem hängt, und wo man hier eigentlich ist: Am Grund eines Gletschers in der Hocharktis, an einem Ort, an den sich bis jetzt nicht mehr acht Menschen verloren haben. Und dann tut sich die eigentliche Höhle auf, durch die sich in den kurzen Sommerwochen das gesamte Schmelzwasser des Gletschers dessen Maul zuwälzt. Ein breiter, niedriger Gang, erfüllt vom gespenstischen Echo des wenigen Wassers, stimmungsvoll beleuchtet im Schein der Stirnlampen, einfach nur unglaublich dunkel und leer, sobald die Lichter ausgeknipst sind.

FOTO: J. GULLEY

Es sind anstrengende Tage hier unten. Wieder und wieder marschieren durch das Flussbetthoch, seilen uns in den Gletscher ab, kriechen, bauen Steinmänner als Markierungen, kartieren. Schwitzen, während man sich mit allen Vieren fortbewegt, frieren, wenn die Lasermessungen vorgenommen werden. Ab und zu eine Pause mit heissem Tee, trockenen Kecksen und schwarzem Humor. Höhlenforschung auf 78° Nord, am Grunde eines Gletschers, in einer Höhle, die schon in zehn Jahren ganz anders aussehen wird.

FOTO: A. BANWELL


Und dann geht es, Tag für Tag, wieder den selben Weg zurück. Mit Steigklemmen klettern wir die Seile hoch, schleppen den Schleifsack durch die eng gewunden Mäander der Höhle, und stehen plötzlich wieder in der Polarnacht, in der Kälte, und können förmlich hören, wie die Feuchtigkeit an den Kleidern gefriert. Dann geht es wieder durch das Tal hinaus an das Ende der Strasse, welche das abgelegene Tal mit Longyearbyen verbindet, der einzigen Siedlung weit und breit. Zigaretten in der Kälte, dann kommt das Taxi. Und wir machen erst mal einen Tag frei, bevor es wieder hinunter geht. Es gibt noch viel zu tun.

the end of the road

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