janvier 10, 2010

Im Wuotisheer

Ein dumpfer Hornstoss, hinaus in die Winternacht. Schreie, die bald schon übertönt werden von Lärmen der Treicheln. Das Land ist weit, waldige Hügel, verschneit, am Himmel hängt ein silbrig kalter Mond. Die schwere Marschtrommel setzt ein, langsam, bestimmt. Weit hinten singen gusseiserne Glocken im Takt. Zuhinterst wieder das unheimliche Vibrieren der Hörner. Der Zug setzt sich in Bewegung.



Weit vorne im Schnee ein Schatten, wie von einer Frau. Ist sie es, die uns geholt hat, eine kleine Ewigkeit zuvor? Als wir in der Bauernstube sassen mit Bier und Wurst, Witze erzählten und lachten, bis es plötzlich an die Türe klopfte? Und eine harmvolle Gestalt jene zu sich rief, die mit ihr ziehen sollten? Die uns in jenen Stall einsperrte, uns das Gesicht mit Russ schwärzte, uns dieses heisse, seltsam nach fremden Gewürzen schmeckende Bier reichte?


Ein letzter Blick zurück. Schatten. Schemen. Weisse Hemden. Schwarze Gesichter. Und nichts als Lärm. Wir ziehen fort. Weit vorne der Horner, ein mächtiges Hirschgeweih auf dem Kopf. Es geht über schneebedeckte Felder und durch finsteren Wald. Endlos lang. Kälte, die Finger schmerzen. Der ganze Körper schreit.

Bis irgendwann ein Haus vor uns auftaucht. Seltsam bekannt kommt es uns vor. Die Türen springen auf. Und plötzlich ist überall Licht und Wärme, helle Gesichter, Lachen, der Duft von Speck und Sauerkraut. Wir marschieren ein. Schlag für Schlag. Bleiben stehen und lassen alles vergehen, im Lärm, in jener endlosen Wut, die aus der Kälte kommt, aus der Nacht, und aus dem Schmerz.


Eisen schlägt auf Eisen, geschmiedetes, gegossenes, Hörner überschlagen sich, die Trommel peitscht den Rythmus in den verstecktesten Winkel des schummrigen Raums. Die Fenster vibrieren. Sie sitzen da, mit aufgerissenen Augen und offenen Augen. Der Lärm wird lauter und lauter. Schier endlos steigert sich das Stampfen und Brüllen der Treicheln und Glocken und Hörner. Dann ist es plötzlich still.



Wir schieben die Lebenden von den Tischen, greifen in ihre Teller. Das ist jetzt unser Fleisch. Und unser Bier.


"Die Friesen sin dür ds Stafel zogen, Mit Wyb und Chind, es ganzes Rych...
Am Aben druf was är en Lych."
ROMANG


Photographien: Kathi H.

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