juin 25, 2010

Schmelzwasser

Foto: Maximilian Janson

In den Alpen spricht man im Winter von der "geschlossenen Zeit" - jenen Monaten, in welchen alle Pässe schneebedeckt und von Lawinen bedroht sind und der Weg in die Nachbartäler schwierig und unmöglich wird. In der Arktis ist der Frühsommer geschlossene Zeit. Wer nicht mit dem Kajak unterwegs ist und mit Sack und Pack durch die Berge wandert, kann ein paar böse Überraschungen überleben: Während der unvergleichlich intensiven Schneeschmelze schwellen die Bäche innert kurzer Zeit zur reissenden Flüssen an, die kaum mehr zu queren sind. Mich erwischt es an einer harmlosen Stelle, im Björndalen, wo wir spätabends noch «schnell durch den Fluss waten» wollen, um die Hütte auf der anderen Talseite zu erreichen. 

Ich habe schon manchen Fluss durchwatet und mache mir keine Gedanken. Bis ich mitten im tosenden Schlammwasser der Bjørnelva stehe. Ein etwas zu schneller Schritt, und das Wasser steht mir bis zum Bauch. Die Kälte jagt jedes Gefühl aus den nackten Füssen, die Strömung reisst meinen Watstock mit sich. Keine Sekunde später spüre ich, wie mich das Wasser anhebt. Ich habe kaum Zeit zu begreifen, was passiert: Der Fluss hat mich ergriffen und reisst mich mit. Zum Glück verhindert der mit einer luftigen Daunenjacke gestopfte Rucksack, dass ich umstürze. Noch bevor ich in die Waagrechte falle, gelingt es mir, mich auf das steinige Ufer zu werfen. 

Die Quittung folgt am nächsten Tag. Mein Daumen ist auf die doppelte Grösse angeschwollen und muss im Spital geröngt werden – mit Verdacht auf einen komplizierten Bruch. Ich habe Glück und es ist bei einer heftigen Stauchung geblieben. Aber die nächsten Tage verbringe ich mit Fieber und einem fürchterlichen Husten im Bett.... 

25.06.2010

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