janvier 01, 2012

Roadtrip

FOTOS: MAXIMILIAN JANSON

Das neue Jahr steht vor der Tür, und dieses Jahr wird es anders als die Jahre zuvor. Wieder kein Ubersitz, wegen der Arbeit, aber endlich ein rechter Silvester: Wir erhalten Besuch – und was für welchen. Ein ganzer Kleinbus von Svalbardianern ist unterwegs, alten Studentenkollegen aus Longyearbyen, die mittlerweile selbst zurück in ihren Heimatstädten sind – Tromsø, Heidelberg, Bremen – und endlich einmal die Schweiz sehen wollen. Skifahren ist angesagt, Berge, Schnee, und von dem hat es reichlich gegeben in den letzten Tagen. Zuviel sogar: In den Alpen steht die Lawinenwarnstufe auf rot: Gross. Exponierte Verkehrswege gefährdet. Freuen tun sie sich trotzdem, ich mich auch. Denn der Roadtrip durch die Berge, der angedacht ist, lässt mich die Schweiz mit den Augen eines Fremden erleben, eines Touristen.

1. Bier


Das Abenteuer beginnt, wie könnte es unter UNIS-Studenten anders sein, mit Bier. Viel Bier. Ich komme tief in der Nacht von der Spätschicht, und alle sind schon da. Auf Steffis engem Balkon ist die Luft blau vor Rauch, es wird gelacht und diskutiert. Und innerhalb von Minuten ist man angekommen in dieser Stimmung, die in den dunklen Polarnächten in den Baracken von Nybyen hängt, dem Studentendorf am Ende der Welt. Geschichten machen die Runde, vom Karlsberger Pub, vom Rieperbreen, von den legendären Parties auf den Barackendächern und beim Sailing Club, unten am Strand. Dass morgen keiner aufsteht, ist klar. Wieso auch, bei den Verhältnissen.


2. Fondue

In den Alpen ins neue Jahr feiern, so schweizerisch wie möglich, wollen wir trotzdem. Ernst hat uns in seinem gemütlichen Oberländer Holzhaus Asyl angeboten. Vor einem Jahr hatten wir hier noch den norwegischen Lebensstil zelebriert, mit Skitour und Lutefisk. Nun ist es umgekehrt, denn die Norweger wollen es eidgenössich haben. Und so zieht bald der Duft von Weisswein, Kirsch und geschmolzenem Käse durch die Ritzen der Holzwände. Es gibt von allem viel, und nach dem Coup de Milieu tauchen die Brotstücke vor dem Käsebad in eine Extra-Portion Kirsch ein – bis sogar die Lutefisk-gewohnte Trønderin an ihre Grenzen kommt. Wir lassen uns nicht lumpen. Schon gar nicht, als es endlich Mitternacht schlägt. Mitten in der Kakophonie aus Kirchenglocken, Bläserchor und Feuerwerk greifen wir zu Hirtenhorn und Treichel und werden urchig.





3. Ski

Und wieder fällt das Aufstehen schwer. Noch immer ist an Skitouren nicht zu denken, in der Innerschweiz und im Wallis sind ganze Strassen und Bahnlinien gesperrt, die Situation bleibt gefährlich. Bleibt nur die Piste. Die grossen Skigebiete sind für Studentenbudgets zu teuer und für Svalbardianerseelen zu überfüllt. Also geht es in die Heimat, an Axalp. Dort ist alles noch so, wie man sich ein Schweizer Skigebiet für Einheimische vorstellt. Wundervolle Tiefblicke auf den Brienzersee, kurze, aber schöne Pisten, alte Speicher und Schweizerfahnen, und dann das urgemütliche Hilten, eine umgebaute Alphütte, vor der man in der Sonne sitzen und die Bergwelt bewundern kann. Bei einem Chäsbrätel. Wir machen wohl einen etwas seltsamen Eindruck hier, mit den geflickten Klättermusen-Feldklamotten, den langen Haaren und den Telemarkschwüngen. Egal, endlich fahren, noch einmal und noch einmal.



4. Gotthard

Der Roadtrip ist schon bald vorbei, die Verhältnisse sind immer noch nicht besser. Mit unserem arktischen Camp irgendwo in der Bergwildnis wird es immer noch nichts. Also brauchen wir nochmal Asyl, diesmal in der Innerschweiz. Effkay empfängt uns in seiner Wohnung. Stilwechsel: Moderne Architektur und stylische Möbel statt Holz und Antiquitäten, Snowbowardfilme und Sounds aus dem Underground statt Treichellärm. Wieder lebt der Spirit auf, und plötzlich ist die Lösung gefunden: Wir fahren auf die Alpensüdseite, ganz in den Osten. San Bernardino. Endlich Schnee!

Am frühen Nachmittag stehen wir im Nieselregen vor einer Autobahnraststätte an der Gotthard-Südrampe, einen zu heissen Kaffee in der Hand und eine zu starke Zigarette in der anderen. Der zweite Wagen hat es nicht durchs Loch geschafft, ist noch im Nidwaldnischen liegen geblieben. Nichts will klappen. Zurück nach Luzern. Die anderen fahren den defekten Bus derweil nach Zürich Kloten, kriegen vom Autovermieter einen neuen. Am späten Nachmittag sitzen alle leicht deprimiert an Effkays Küchentisch. Nur noch ein Tag übrig, und noch immer keine Bergwildnis, kein Powder. Kann doch nicht sein, oder? Nein.


Abends um zehn steigen wir in San Bernardino aus den Bussen, laden die schweren Rucksäcke auf. Nebenan ist Italiens Skijugend am feiern. Wir fellen an und ziehen los, dem Wald entgegen, und verschwinden in der Dunkelheit. Überall feiner, frischer, weicher Pulverschnee. Morgens um zwei steht an der Waldgrenze ein perfektes Camp. Die Zelte fest im Schnee befestigt, die Apsiden ausgehoben. Wir haben es geschafft.


5. Snowcamp


Fast. Denn am morgen ist der viele weiche PowPow weg. Es hat ordentlich gestürmt über Nacht, oberhalb der Waldgrenze sind alle Rücken abgeblasen und die Mulden mit heimtückischem Triebschnee gefüllt. Die Tour fällt aus. Doch was solls. Wir haben Freude an unserem Camp. Und im Wald, wo es kaum gewindet hat, liegt haufenweise tiefer Pulverschnee. Und so rocken wir die kleinen versteckten Hänge im Wald, geniessen ein paar Sprünge, sitzen wieder im Camp rum und geniessen die Sonne. Genauso haben wir uns das vorgestellt.






Noch am selben Abend geht es durch den Gotthard zurück, nicht ohne zuvor ein paar deutsche Biere direkt aus dem Bus geköpft zu haben. Eine kurze Nacht in Luzern, eine frühmorgendliche Katerfahrt über den verregneten Passwang, und schon stehe ich mit all meiner Skiausrüstung alleine auf einem Parkplatz im Schwarzbubenland. Geplättet. Yep, das war Svalbard Spirit.


  

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