février 12, 2012

Im tiefsten Hochwinter



In solchen Wintern sollte man nicht hoch hinaus. Hoch hinaus, das hiesse über den Nebel. Zur Sonne. Wo es so viel Wärmer ist als hier unten, in den Wäldern des Mittellands. Wir sind im Alpenvorland, im Entlebuch. Steigen über Weidelandschaft auf, dazwischen immer wieder Zäune und Hecken, weiter oben Wald. Hier ist der Schnee am besten. Konserviert von einem Kaltluftsee, beschützt vom Nebel. Während sie oben ihre Schwünge in verharstetem, brechendem Schnee zerreissen, bewegen wir uns lautlos durch ein kristallenes Meer: Pulverschnee. Das Wetter der letzten Tage hat  die sanfte und doch zerschrundene Landschaft des Entlebuchs im Schnee ertrinken lassen. Er liegt meterhoch. Von manchem Haus sieht man nur noch das abgewetterte Dach – darumherum ein mühsam geschaufelter Graben:  Der Weg von der Küche in den Stall. 




Weiter oben, wo der Wind an Kraft gewinnt, haben sich Wächten durch den Wald gewoben, von Baum zu Baum, von Stein zu Stein. Die Tannäste sind schwer von Schnee, es gibt kaum ein Durchkommen. Aber nur kaum, denn wir kommen durch, finden auf einer Lichtung einen mächtigen Stein, der nur noch zur Hälfte aus dieser Decke aus Luft und erstarrtem Wasser ragt. Darüber fegt der Wind, die Finger sind bald schon klamm, aber hier oben trinken wir doch noch einen Schluck aus der Wäntellen – auch wenn sie gefährlich kalt ist und die Lippen beim Absetzen knistern. Ein eisiger Schluck voller Frucht – Kirsch aus dem Land, eine Erinnerung an die Zeit, als hier alles voll Leben war und Sonne. 




Die Sonne sehen wir am nächsten Tag, am selben Ort. Noch einmal sind wir durch leichten Nebel aufgestiegen, haben uns, Schritt für Schritt, immer mehr blenden lassen vom in Abertausenden von feinsten Wassertropfen gefangenen Licht. Wir haben es gut gemacht, sind im richtigen Augenblick oben an den weiten, schönen, weichen Hängen. Was bleibt ist ein Pulvertraum, fernab der grossen und berühmten Berge, in einem waldigen, stillen Bauernland. 




FOTOS: Wilderer & Maximilian Janson (10, 11, 12)

Aucun commentaire: