juillet 03, 2011

Wald, Moor, Karst


Escholzmatt, ein kleines Dorf im Entlebuch. Die Alpen scheinen noch weit zu sein, ring um das grüne Tal mit Tannen bewachsene Hügel, Streusiedlungen. Der Bahnhof sieht aus, wie Landbahnhöfe überall in der Schweiz aussehen: Glas, Automaten, ein Stück Agglomeration im alten Bauernland. In der Beiz gibt es Bratwurst an Zwiebelsauce, eine einheimische Wirtin, die Bedienung aus Deutschland und noch nicht ganz Sattelfest in der neuen Sprache: Stangen und Schalen sagen ihr nichts. Daneben eine mächtige Kirche, Zeugnis der tief verwurzelten katholischen Religion. 






Hier also soll unser grosser Trek beginnen. Das Ziel: Die Poebene. Dazwischen: Die Alpen. Bergwälder, Sümpfe,  Felsen, Gletscher, Schluchten. Bis im Herbst wollen wir dort sein,  jeden Monat gehen wir ein Stück. 






Die ersten Meter führen durch Heuwiesen, an Bauernhöfen vorbei, und bald schon in den Wald. Es ist ein Wald, wie er typisch ist für das Napfgebiet, jenen breiten Fächer aus Nagelfluh, gebildet aus Ablagerungen der Uralpenflüsse, welche hier vor Jahrmillionen Schotter und Sand in einem riesigen Delta ablagerten. Das weiche Gestein kommt immer wieder ins Rutschen, und während der hier besonders heftigen Unwetter haben Sturzbäche riesige Tobel in das Bergland gefressen. Am Rande eines solchen Chrachens arbeiten wir uns empor, mit schweren Säcken, und viel zu warm gekleidet für die schwüle Sommerhitze im Tal – wir befinden uns nicht einmal 1000 Meter über Meeresniveau. 




Nach ein paar Stunden kommen wir auf einer waldigen Kuppe an. Durch die Bäume hindurch sehen wir hinunter in die Hügellandschaft des Mittellands. Von den Alpen ist noch nichts zu sehen - ausser einem grasbewachsenen Kopf mit einem Kreuz: Unweit von uns ragt die Beichle über die Waldgrenze. Sie ist ein erster Vorbote des grossen Gebirges: Geschaffen aus einer starren Schicht aus Nagelfluh und Mergel, die von den Gesteinsmassen der Alpen gekippt und emporgehoben wurde. 

Langsam beginnt es zu dunkeln, ein paar erste schwere Regentropen zerplatzen in unseren Gesichtern. Es wird Zeit, unser erstes Lager aufzuschlagen. Wir finden es bei einem kleinen Jagdunterstand. Die ganze Nacht hindurch prasselt der Regen schwer auf das Wellblechdach. Als wir am morgen aufstehen, leuchtet der Wald vor Nässe, und schwere Nebelschwaden ziehen durch die Täler. 







Es riecht nach Bergwald. Tannen, mooriger Boden, moderndes Holz. Über schmale Knüppelwege folgen wir dem Bergrücken, durch Moos, Farn und Heidekraut. Plötzlich hört der Wald auf. Die Sicht weitet sich, und die Landschaft riecht mit einem Schlag ganz anders. Nach nassem Gras und Kühen. Glockengebimmel weht aus dem Tal herauf. Im Dunst vor uns erheben sich dunkle Klippen: Schrattenfluh, Hogant. Die Alpen. 







Es ist eine eigenartige Landschaft, durch die wir uns in den nächsten Stunden bewegen. Wildnis und Bauernwald wechseln im Halbstundentakt. Noch vor wenigen Jahrhunderten war dieses Land Urwald, aufgelichtet von unzähligen kleinen Hochmooren. Bis die alemannischen Siedler, die sich bis dahin längst im trockeneren Inneren der Alpen angesiedelt hatten, auch das letzte Stück Waldland mit ihren Einzelhöfen und Sommerweiden durchlöcherten und in der einstigen Wildnis Käse, Kohle und Zimmerholz gewannen. Die Weiden wurden grösser, der Wald zog sich in die unwegsamen Tobel und Lawinenzüge zurück. 




Heute ist dieses Mosaik von höchstem ökologischen Wert. Auf ein paar Kilometern begegnen wir Kuhweiden, mit Blumen übersäten Mooren, uralten, knorrigen Baumriesen und dem feuchten und dornigen Dickicht, das sich zwischen abgestorbenem Käferholz breitmacht. 








Als wir am Abend am Fuss der Schrattenfluh unser Lager aufschlagen, sind wir den Alpen deutlich näher gekommen. Kuhglocken bimmeln, bizarr geformte Gipfel säumen den Horizont im Westen. Morgen geht es hinauf, in die Karstwelt der Schrattenfluh. 




Geweckt werden wir von einem seltsamen, kullernden, gluckernden Laut. Die Sonne ist eben erst aufgegangen, es ist ansonsten völlig still. Was kann das sein? Noch halb im Schlafsack eingemummt, sehen wir ihn plötzlich: Zuoberst auf einem Grotzen unweit unseres Biwaks hat sich ein Spielhahn eingerichtet, sein Kamm Feuerrot, die schwarze Brust geschwellt: Es ist Balzzeit.




Man braucht Glück, um soetwas noch zu sehen in der Schweiz. Für die Rauhfusshühner ist das Mosaik aus Wald, Moor und Weide eines der letzten Rückzugsgebiete geworden. Sie brauchen die kleinräumige Landschaft, und sie hassen den Lärm von Hunden, Mountainbikern und Joggern, der die Landschaften im Umkreis der Agglomerationen täglich flutet. Hier im Alpenvorland finden sie ideale Bedingungen. Daran wollen wir nichts ändern. Wir bleiben still in unserem Versteck bis der Hahn verstummt. Dann wird es Zeit, diese einzigartige Landschaftskammer zu verlassen. Nach oben. 





Es ist, als würde man einfach aus dem Land aussteigen. Wie eine riesige Klippe ragen die Kalkfelsen der Schrattenfluh aus den Hügeln und Wäldern auf. Der Weg geht steil empor, nur wenige Höhenmeter später ist man in einer völlig anderen Welt. Es wird plötzlich kühl, Nebelschwaden streichen über rauhe Felsen. Keine Bäume, keine Moore, keine Kühe. Dafür Schneereste, Karrenfelder, Schafe. Wir betreten zum ersten Mal die alpine Welt. 







Wir sind in den Schratten. Riesige Karrenfelder, scharfkantige Regenrillen, Schründe, Dolinen. Die Landschaft scheint verhext. Kleine Rinnsale aus Schmelzwasser winden sich durch grüne, flache Böden mitten im silbrigen Fels. Und verschwinden. Dunkle Höhlen klaffen in den Wänden. Die Umgebung ändert sich ständig – und sieht doch immer gleich aus. Im dicken Nebel kann man hier nur allzuleicht verloren gehen. Vielleicht ranken sich deshalb geheimnisvolle Sagen um dieses Massiv. Von verschwunden Städten und verfluchten Alpweiden, von Zwergen die in den unzähligen Höhlen wohnen, von unheimlichen Begegnungen, wenn die Schafe wieder einmal im unzugänglichen Gelände verschwunden waren, vielleicht hatten sie sich im Nebel verloren, vielleicht waren sie – entrückt.







Die Schafe sind hier überall. Man riecht sie, hört sie, sieht ihre Spuren in der Vegetation. Wir kommen an einem Kadaver vorbei, zwei Kolkraben weiden sich daran. Im Abstieg finden wir einen alten Schafstall: Eine geräumige Höhle, der Boden bedeckt mit Mist. Hier finden die Tiere bei Gewittern Unterschlupf. Und Kühle: Obwohl ringsum fast aller Schnee geschmolzen ist, sind die Wände in der Höhle noch mit Eis überzogen. Durch zwei natürliche Fenster sieht man hinaus auf die Karrenlandschaft. Die kargen Felsen, die Schafe, die Trockenmauern, welche den Höhleneingang schützen, all das hat etwas Mediterranes. Als wäre man auf Korsika, in Griechenland; nicht bloss ein paar Ghirmeti entfernt von den nordisch anmutenden Mooren und Wäldern der Voralpen.







Die Schrattenlandschaft endet plötzlich, wie ein Spuk. Es geht einen Viehweg hinunter, grosse Wettertannen stehen auf den Matten, neben einer Alphütte flattert die Schweizer Fahne im Wind. Vor uns weites, grünes Hügelland, mit stattlichen Alpen und grossen Einzelhöfen im Tal, dahinter steile, grüne Flanken: Der Brienzergrat. Im Westen, jenseits der Grenze zum Kanton Bern, waldige Tobel. Hier kommt die Emme her.








Wir steigen zügig ab, an verlassenen Höfen vorbei, hinein in den Wald. Im Tobel der Emme finden wir einen kleinen Lagerplatz. Bald schon brennt ein Feuer auf einer Kiesbank, der Duft einer kräftigen Polenta mit Trockenwurst und Zwiebeln zieht mit dem Rauch in den Wald. Es wird dunkel, und wir werden still, und bald hört man nichts mehr als das Murmeln des Wasser, das Knistern des Feuers und die unheimlichen Rufe eines Kautzes.



Am anderen Morgen schwerer Regen. Er stört uns nicht, denn unsere Reise ist - fürs erste - beendet. Im nächsten Monat geht es weiter in die Alpen hinein, durch das Berner Hirtenland, bis an den Fuss der mächtigen Fels und Eiswände des Alpennordkamms. Verdreckt, verraucht, aber voller Vorfreude auf die nächste Etappe marschieren wir den kurzen Weg ins Emmental. Bald, bald geht es weiter.

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