février 19, 2007

Heiligtum der Reisenden: Kapelle am Passo di San Giacomo

Es ist eine merkwürdige Grenze, die sich quer über den Passo di San Giacomo zieht. Im Süden, auf italienischem Staatsgebiet, spricht man seit Jahrhunderten Tîtsch, im Norden Italoromanisch. Beide Volksgruppen waren im Mittelalter in die kargen Hochtäler vorgestossen, die Walser aus dem Goms, die Romanen aus dem südlicheren Tälern des Tessins. In den Alpen bildete sich in jener Zeit ein einzigartiges Mosaik von verschiedenen Sprachen und Kulturen. Pässe wie der San Giacomo oder der vergletscherte Theodul, die Reisenden aus dem Flachland als schroffe Völkerscheiden erschienen, verbanden die Hochtäler miteinander, Frankoprovençalen mit Italoromanen, Alemannen mit Ladinern.

Das Leben am Rande der Ökumene zwang die Bergler früh zu Handel, Söldnerei und Emigration. Je höher die Täler lagen, desto mehr Einheimische verbrachten einen Teil ihres Leben in den italienischen, französischen und deutschen Zentren. So reisten die Händler von Gressoney mit ihren Waren bis nach Freiburg und Stuttgart, und Walser aus Alagna zählten zu den grossen Malern des italienischen Seicento.

Die Grenzen kamen erst mit der Moderne. In den Städten Europas sehnte man sich nach Vaterländern. Den Preis bezahlten die Bergbewohner. Die Nationalstaaten zerschnitten das traditionelle Miteinander mit neuen Grenzen, die Pässe wurden in riesige Festungskomplexe verwandelt. Abwanderung und Frembestimmung prägen seither in vielen Tälern das Bild. Bereits sind die Walserkulturen Norditaliens am Aussterben. Gelingt es nicht, diesen Prozess aufzuhalten, droht die kulturelle Vielfalt dieser Passlandschaften in wenigen Jahren zu verschwinden - und mit ihr ein einzigartiges Modell für das friedliche Zusammenleben verschiedener Kulturen...

Vermächtnis der Moderne: Bunker an der Grenze zu Italien





-

Aucun commentaire: