juin 23, 2012

Die Sonne im Wasser


Erst wenn die Sonne am höchsten steht, besiegt sie im Hochgebirge den Schnee. Dann stürzt der Winter ins Tal, tausende Tonnen von flüssigem Eis, Augenblick für Augenblick. Erfüllt mit seinem Tosen das Tal. Prallt an Felswänden ab, wirbelt als Gischt durch die Luft, das Licht brechend, das er aufgenommen hat, monatelang, bis sich alle Moleküle aus ihren Bindung gelöst hatten und kein halten mehr war. Und wenn er endlich gewichen ist, der grosse Schnee, ist die Macht der Sonne schon gebrochen, ihre Zeit schon vorbei. Die Tage werden kürzer, und der Bergsommer ist nichts mehr als ein kurzes Warten auf den nächsten Winter. 

Sonnwendzeit ist Wasserzeit, doch hier, in dieser Riesenwelt, sind es nicht die stillen Seen und Auen, in der sich der Zauber der Sunngiht entfaltet. Es ist die schäumende Wucht der Wildwasser, die gleissend von den Gletschern herunterstürzen, sich im Hochtal sammeln und die steinigen Bergauen überfluten und sie mit zu Pulver zerriebenem Urgestein düngen, sich zu Flüssen sammeln, die sich tosend ihre Bahn durch Schluchten und Abbrüche brechen hinunter ins Land, hinaus aus den Gebirgen, zu den ersten kalten Seen am Fuss der Alpen. 

Es ist Mittsommerzeit, und wir sind nicht an einem der stillen Juraseen, sondern dort, wo ihr Wasser herkommt, im wilden Quellgebiet der Kander. Es ist ein Sommertag, wie er grösser, heller und grüner nicht sein könnte, und er ist erfüllt vom ungestüm einer eben erst vom Eis befreiten Natur. Einer wilden, fast kindlichen Fruchtbarkeit. 










Die Wanderung führt uns hinein ins Gasterental, eines der schönsten und urtümlichsten Täler der Schweiz. Hier suchen sich die Bäche ihren Weg noch unbezwungen durch den breiten Talboden. Vereinzelt steht ein Bauernhof im Bergwald, darumherum ein paar Heuwiesen. Im Wald weidet das Vieh zwischen Tannen. So muss es überall in Alemannien ausgesehen haben, lange vor dem grossen Landesausbau, als aus kleinen Weilern Dörfer wurden und der Wald den Wiesen weichen musste. 

Hier, in dieser ebenen,  grünen Insel in einem Meer aus Stein und Steilheit, feiern wir heuer unsere Sonnenwende. Gutes essen ist dabei, Alpkäse aus der Innerschweiz, Speck, Most. Und etwas Lachs, als eine Erinnerung an die Zeit, als dieser Fisch im Sommer noch den Rhein hochstieg, die Aare, bis in den Thunersee und zur Mündung der Kander. Auf einer Sandbank lagern wir im Schatten, stecken die Füsse kurz in das eisige Wasser. Geniessen den anbrechenden Bergsommer. 








Es geht lange, bis sich die Sonne hinter die Berge zurückgezogen hat, noch länger, bis aus Osten die Sterne heraufziehen, wie eine kosmische Gischt, aus einem tiefen, dunklen Himmelsozean. Ein paar von uns übernachten draussen, wo das Wasser rauscht und die Vögel der Nacht dunkel in den Wald rufen. Und hören und erleben seltsames. Frauenlachen. Musik,  ganz nah und doch von ganz weit her. Man ist nie allein, da draussen, in einem Mittsommernachtstraum.




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