juin 24, 2012

Im Ring


Mystische Landschaften, uralte Sagen, archaische Bräuche – in der Schweiz hat viel Heidnisches überlebt. Für uns sind diese Traditionen, die von der kargen Lebenswelt unserer Grosseltern bis zurück in eine graue Vorzeit reichen, nicht nur ein kulturelles Erbe. Sie sind mehr: Etwas, das uns direkt mit unserem Ursprung und mit der Seele des Landes verbindet. Etwas, das uns heilig ist und uns mit Lebenskraft erfüllt. Aber auch etwas, dass uns sehr viel Spass macht. 


So treffen wir uns jeden Herbst zu einem gargantuesken Festmahl und erzählen die alten Sagen, ziehen in der Mitte des Winters vermummt und lärmend durch die Nacht, für ein gutes Jahr, und begrüssen im Frühling das Morgenrot mit einem mächtigen Feuer. Dafür gibt es jetzt einen Verein. Dass der seine GV nicht einfach im Säli irgendeines Restaurants abhalten kann, versteht sich von selbst. Und so stehen wir am ersten Sonntag nach der Sommersonnwende in einem majestätischen Bergtal und halten – Landsgemeinde. 




Fotos A. Zautner

Über uns der Himmel, um uns mächtige Felswände und Wasserfälle, unter unseren Füssen der vom Schmelzwasser durchtränkte, fruchtbare Boden, stehen wir in einem Ring aus Haselruten und halten Rat. Jeder hat das freie Antragsrecht, man ergreift das Wort, hört zu, wägt ab, entscheidet am Ende mit Handmehr. 

Es geht um mehr als das Budget und die anderen kleinen Entscheide, die man als Verein so zu fällen hat. Wir leben gleichzeitig eine der edelsten Traditionen der Schweiz: Die Demokratie. Unter freiem Himmel, aufrecht, im Ring. Schöner kann man sie nicht zelebrieren. 




2 commentaires:

Joanna a dit…

Einen schönen Artikel hast du da geschrieben. Ja, die Schweiz hat viel Heidnisches zu bieten, nur muss man manchmal ganz genau hinschauen um es zu finden... ;)

Liebe Grüsse
Joanna

p/w a dit…

Manchmal ist es nicht einmal versteckt, sondern so offensichtlich vor einem, dass man es übersieht ; )