juillet 07, 2012

Blumen und Blöcke


Die Berge sind anders im Engadin. Die Täler hochgelegen und klein, die Gipfel nah, die grossen Seen und Flüsse weit weg. Auch die Dörfer sind anders. Guarda, vielleicht die schönste aller Engadiner Ortschaften, zeigt sich wie in eine kleine Stadt. Die Hauswände kunstvoll bemalt, die Gebäude dicht zusammengebaut, dazwischen gepflasterte Strassen, eine Piazza. Keine Spur von der derben, düsteren Anmut der germanischen Bauerndörfer weiter im Norden. 

Keine zwei Stunden entfernt öffnet sich das Val Tuoi. Eine arkadische Idylle. Blumenwiesen im Talgrund, Kühe, das melodische Rufen der Hirten dringt durch das Rauschen des Bachs. Kaum vorstellbar, dass einst ein Gletscher lag in diesem Tal. Wegen ihm sind wir hier: Wir sind nicht gekommen, um die Blumen zu bewundern. Wir suchen Blöcke. 







Wir finden sie auf sanften, baumbestandenen Hügeln, die wie zufällig am Talrand stehen. Es sind Moränen aus einer Zeit, in der die eben erst aus der letzten Eiszeit erwachende Erde einen Kälteschock erlitt: Der jüngeren Dryas. Damals stiessen die Gletscher noch einmal weit in die Täler vor, widersetzten sich ein letztes Mal der anbrechenden Erwärmung. Als sie sich schliesslich endgültig in die Talschlüsse zurückzogen, hinterliessen sie ein Trümmerfeld aus Schutt und Blöcken. 

Aus dem Schutt ist längst fruchtbarer Boden geworden, die Blöcke sind noch da, und sie haben die Erinnerung an die Gletscher in sich gespeichert: Seit sie ungeschützt unter freiem Himmel liegen, werden sie von kosmischen Strahlen bombardiert. Diese hinterlassen im Gestein radioaktive Nuklide. Und die kann man messen. Wie eine Uhr geben sie an, wann der Block auf seiner Moräne deponiert wurde. 

In ein paar Monaten werden wir wissen, wie alt die Moränen wirklich sind im hinteren Val Tuoi. 



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