juillet 17, 2012

Zwischen den Bergen


Es sollten ein paar Tage in einer Traumwelt werden. Berge, Sonne, Wasser. Liebe, und eine tiefe, nie vergehende Freundschaft. Gletscher, Schnee. Und ein Gang vom Süden in den Norden, vom Piemont in die Germania. 

Die Tage beginnen in einem magischen und vergessenen Tal, Zwischbergen, hinter dem eisbewehrten Hauptkamm der Alpen, grün, zuhinterst im Tal der Esche. Eigentlich schon Italienerland, aber immer noch im Kanton Wallis. Hier waren früher Schmuggler unterwegs und Schafhirten. Die Schmuggler sind verschwunden, die Schäfer sind geblieben, neuerdings hat sich der Wolf zu ihnen gesellt. Immer wieder treibt er hier sein Unwesen. Die abgelegenen Wälder bieten ihm Heimat. 





Nach einem herrlichen Biwak am Wasser wandern wir gemütlich über die Alpstrasse ins Tal hinein, vorbei an bescheidenen Alphütten, aufkommendem Gehölz und Jungrindern, die es frech und ausgelassen mit uns aufnehmen, als wir im Schatten der Bäume die Reste von gestern verzehren wollen: Auf heissen Steinen gebratenen Speck, rauchig im Geschmack, mit Asche gewürzt. Der Himmel ist blau wie lange nicht mehr, alles ist grün, als wir uns zuhinterst im Tal an den Aufstieg machen. 



Ganz anspruchslos ist er nicht, der Weg durch die Zibeleflue. Ein paar Seile sichern über die abschüssigsten Stellen, Felsen, Gras, Narben von Erdrutschen sind zu überwinden. Manchmal stockt der Schritt ein bisschen, dann spricht sie mir zu, und es geht wieder weiter. Bis das Licht langsam goldiger wird und sich der Abend ankündet. An einem kleinen Bach, mehr als 2900 Meter über dem Mittelmeer, richten wir uns ein kleines Biwak ein. Zwei Schlafsäcke mitten auf dem schmalen Pfad, nur  knapp geschützt von einem grossen Block aus Gneis. Ein Gaskocher. Heute essen wir einfacher als gestern: Eine kräftige Suppe mit Wurst, dazu etwas Brot. Das genügt. 



Alleine sind wir nicht am Abend, als das Licht seine Schatten wirft und die alpinen Fluren in grünem Gold aufglänzen lässt. Ein paar Steinwürfe entfernt weidet ein Steinbock. Wir sind ihm vollkommen gleichgültig. Dies ist sein Reich, nicht unseres.  



Langsam zieht die Nacht herauf, hüllt das Tal zwischen den Bergen in Schatten. Draussen, im Piemont, schimmern die waldigen Berge grün ins Wallis herein. 







Am Morgen fegt der Wind über die Grate des Wiissmiesch, tausend Meter über uns. Föhnlinsen am Himmel. Wir wissen es jetzt schon. Es wird bei einer Überschreitung des Zwischbergenpasses bleiben. Eine Besteigung des Gipfels brächte uns nichts als Kälte, Nebel und Triebschnee. Das ist gut so. Denn nun können wir mit einer Tasse Milchkaffee in der Hand, immer noch im Schlafsack, die Ankunft der Morgensonne geniessen. Wie eine Bildhauerin moderiert sie zuvor unsichtbare Geländeformen in die Landschaft, verleiht den Steinen und Moränenwällen eine Art Bewegung. 



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Dann geht es doch los. Und die Welt ändert sich. Die alpinen Rasen verschwinden, bald auch die letzten Blümchen. Vor uns öffnet sich eine Landschaft aus Fels und Eis. Auf dem Gletscher liegt noch Schnee, im Pass dräuen graue Wolken. Wie ein unheimliches Tor in etwas Anderes baut sich der vergletscherte Pass vor uns auf. Wir gehen, Schritt für Schritt, aus dem Sommer, aus der Sonne, hinein in den Nebel, den ewigen Winter des Hochgebirges. 





Als wir den Firn verlassen, jagen Nebelfetzen über eine gespenstische Landschaft aus Schutt und bröckeligem Fels. Das Schmelzwasser der letzten Tage ist gefroren. Ein gespenstisches Heulen hängt über dieser Wüste, ein seltsam klagender, einsamer Gesang. Eine grosse Verzweiflung, die im Wind sanft und unablässig über die Felsen gleitet.  Plötzlich hängt eine Traurigkeit über mir, eine Schwermut, die kaum zu erklären ist. Wir sind im Reich der Armen Seelen.



Dann wird der Himmel vor uns plötzlich gross, und ein paar eisige Böen fegen die Nebel weg. Mit jedem Schritt verschwindet die felsige Erde etwas mehr, wird das grosse Blau etwas grösser, bis sie mit dem letzten Schritt vor uns stehen: Weisse Giganten, aus Urgestein und Eis aufgetürmt, die mit ihren leuchtenden Zinnen und Zähnen dem Nordföhn trotzen. Am Dom, am Nadelhorn, auf dem Alphubel, dem Strahlhorn, und wie sie alle heissen, herrscht Höhensturm. Wolken treiben auf die Eiswände zu, werden von scharfzackigen Graten zerfetzt und zerwirbelt. Alles leuchtet weiss. Was für ein Augenblick. 


Wir harren lange aus im Eiswind, bewundern das Schauspiel über den Viertausendern. Erst als wir völlig durchgefroren sind, machen wir uns auf den Abstieg. Hinunter ins Wallis, ins Land der Schafe und der Holzhäuser und der Bôtzugschichtu. Steinig ist es zuerst, doch bald schon spazieren wir zwischen Schafen über die ersten Hochweiden. 



Unten im Tal hat uns die Hitze wieder, und der Sommer. Wie ein Glutwind fegt der Nordföhn durch das Tal, reisst im Bergrestaurant die Stühle und Sonnenschirme um. Er macht mich fiebrig und nervös, mein Kopf schmerzt, beinahe kippt unsere Stimmung. Doch dann kommt der Lärchenwald. 

Ein Märchenwald, grasig, weich und grün, er hält die Hitze etwas ab und lindert den Wind. Durch eine elbische Zauberwelt geht es hinunter zu den grünen Matten von Saas Almagell, die wie eine Oase in der gewaltigen Hochgebirgswüste des Alpenhauptkams liegen. 



Drei schöne, lange Sommertage waren wir in diesem abgelegenen Winkel der sonst so touristischen Westalpen unterwegs. An diesem Abend möchten wir nirgendwo sonst sein auf der Welt. Und mit niemandem sonst. Als nur zu zweit, einsam geborgen, zwischen den Bergen. 

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