août 01, 2012

Schroffe Übergänge


Der Regen geht, der Nebel kommt, und plötzlich liegt doch eine drückende Hitze über dem Ort. Sie kommt nicht von der Sonne, sie kommt von der Feuchtigkeit in der Luft. Wir trinken noch einen Kaffee. Dann soll es losgehen. Vier Tage über verborgene Wege, hohe Pässe.

Unsere Reise durch diesen vergessenen Winkel der Innerschweiz beginnt in einem silbrigen Landrover, in dem ein Mann mit kehligem Urner Dialekt sitzt. Er soll uns ins Hotel SAC bringen, und wir denken: Erlebnistourismus, Show, sogar hier. Bis wir die enge, kurvige Bergstrasse verlassen und auf steilen und steinigen Saumpfaden weiterkurven. Milimetergenau lenkt der Chauffeur das Riesenfahrzeug zwischen den Tannen und Felsen hindurch, bis er auf einem Anwesen parkt, das aussieht wie ein vergessenes und lange schon verlassenes Schloss.



Grosszügige Häuser mit verwitterten Fassaden, eine Kapelle, drinnen knarrende Treppen, die ins Nirgendwo zu führen scheinen. Eine Gaststube wie eine Halle, dunkles Täfer, Leere, in einer Ecke ein paar Urner, die über landwirtschaftliches sprechen, und die Jagd. In einer fleckigen Vitrine Auszüge aus dem Gästebuch, über hundert Jahre alt: «Friedrich Nietzsche, von Basel» steht dort, und «Mendelson Bartholdy». Einst traf sich hier die kulturelle Elite Europas zur Kur, schritt steifen Schrittes über das Parkett, ihre Genialität zeigend, debattierte vielleicht, tanzte an gediegenen Bällen, ass erlesen. 

Wir bestellen eine Speckrösti. Sie ist mit schweinigem Schmutz gemacht und knusprig. Sie schmeckt hervorragend.



Wildwasser. Das Maderanertal ist ein Tal der Wildwasser. In der Mitte der Chärstelenbach, schäumend, stiebend, mächtig. Überhaupt ist das Wasser der Grund, warum wir hier sind. Keine Mauern versperren die Seitentäler, keine Seen lagern grünen Strom für die Städte in den Talschlüssen – die Wasser schiessen nicht geräuschlos durch Rohre, sondern stürzen sich schäumend über Blöcke und Felsstufen ins Tal. Über dem Chärstelenbach liegt noch jetzt, in der Mitte des Bergsommers, Lawinenschnee, Rest eines kalten und schneereichen Winters. Daneben wuchert der Farn. Bergsommer, wie er einmal war.




Stunden im Nebel, schnauben, schreiten, den Blick auf den Boden gerichtet. Die Gräser warden kürzer, Dryas Octopetala taucht auf. Steingriess. Dann taucht die Hütte vor uns auf, sie steht auf einem grasig grünen Grat, um den Nebel streichen und auf dem frisches Nass perlt, und wir sagen «Färöer». So sieht es dort auch aus, es fehlt hier nur eines: Das Kreischen der Vögel. Am Hang steht ein kleines Treibhaus, gross nur wie eine Puppenstube. Unter den Glasscheiben wächst frischer Salat, hier, auf über 2300 Metern über Meer, hoch über den eisigen Resten der Gletscherzunge aus der Kleinen Eiszeit. 


Wir stehen vor der Türe, sie geht auf, ein Mann tritt heraus, kahlgeschoren und im Unterhemd, eine Tätowierung auf den muskulösen Armen. Der Hüfipaul, Herr über das kleine Treibhaus, Chef der Hütte. Er heist uns knapp willkommen, zündet sich eine Zigarette an. Ein Hüttenwart der alten Schule. Wir sind gerne zu Gast hier. 



Der Tag beginnt mit einem Abstieg. Von der Gletscherwelt des Hüfifirns geht es wieder hinunter ins Grün. Und dann hinauf. Es gibt da diesen Schafweg, er führt über kaum erkennbare Bänder im Fels. Im Wanderführer schreiben sie: «Bei Nässe heikel,» Nass ist es, heikel sind wir aber nicht. Schöner aber hätten wir uns das vorgestellt. Nasser Fels, Farn, Troosli

Es sind diese Momente, in denen die Alpen eher an Südamerika erinnern als an die nordischen Einöden. Der Regen von Gestern, die Feuchte der Luft, die fast schon hechelnd atmenden Pflanzen schaffen ein tropisches Klima. Da mag es ein paar hundert Höhenmeter schneien und trocken sein, hier erstickt man fast im Dampf des atmenden Berges. Konzentrieren muss man sich, jeder Schritt kann fehl gehen, auf dem nassen Fels; den rostigen Seilen, sie irgendjemand irgendwann gespannt hat, ist nicht wirklich zu trauen. 



Völlig durchnässt kommen wir aus der Fluh, gehen weiter, im Nebel, im Grün. Blumen und Lawinenschnee, später eine richtige Urner Alp. Keine grossen Senntumshütten, wie wir sie im Berner Oberland haben. Kleine, in die Landschaft geduckte Steinhäuschen, manche ohne Dach und nur noch Ruine, andere Stall und Heim. Blondschöpfige Kinder lachen uns entgegen, rotbärtige Bergbauern nicken stumm. Auf einem Felsnollen steht ein riesiges Kreuz. Darunter, wir sind in fünf Minuten dort, ist ein weiteres kleines Alpdorf. In einem Hüttlein erhalten wir Brot und Käse. Zu Mittag, denn es geht weiter.

Und weiter geht es in ein Tal, das in Norwegen sein könnte, oder in Island, oder in allen diesen Ländern, die man sich herbeiträumt wenn man in der Grosstadt Schweiz lebt. Wasserfälle.Verzaubertes Grün, Schwarzer Fels. Eis, dass sich von Sonne und Regen hat freischmelzen lassen, nicht  länger im Gletscher sein will, oben im Brunnifirn, das nun entfesselt in wildgewordenen Banden durch das Tal strömt, hier, dort, und immer wieder voll von Licht und Kraft über uralte Felsklippen springt.





Die Welt wird einsamer, kälter, nebliger. Vom Geröll geht es ins Eis, ein Wind kommt auf, wir sehen kaum noch etwas. Bis vor uns plötzlich zwei Mädchenbeine auftauchen, kurze Shorts, weisse Turnschuhe. Und damit eine ganze Familie aus Zürich, die hier am Wandern ist. Minuten später sind wir bei der Hütte. Sie ist modern gebaut, die Stube ist geräumig. Prospekte werben für ein Kunstprojekt: Der Brunnifirn soll mit weisser Kunststoffolie bedeckt werden, über 150 Meter, einen ganzen Sommer lang. Damit will man die Menschen auf den Klimawandel aufmerksam machen. Die Hütte schmeissen ein paar junge Frauen aus Winterthur, es herrscht aufgeräumte Freundlichkeit, zum Abendessen gibt es Thai Curry, mit frischem Gemüse – die Seilbahnstation ist nicht weit.


Mir wird es zu viel, ich ergreife ein Bier, ziehe mir den Island-Pullover über sitze ein paar Meter von der Hütte entfernt auf einen alten Stein. Nebelfetzen treiben vorbei, ich sehe hinunter auf ein zerschrundenes Firnfeld. Tau bleibt an den Dryas-Blättern hängen, und dann höre ich sie wieder, im Wind, der über die Felsen schleift: Arme Seelen, unendlich alt, unendlich traurig. Sie singen ein Lied von einer Welt, in der nichts mehr ist, einer Welt ohne Leben. 


Als am anderen Tag über schwarzen Felszacken die Morgenröte aufzieht, ist die Trauer der Seelen und die laute Welt der Hütte vergessen. Alle andern liegen noch im Bett, als sich vor uns die Weite des Brunnifirns auftut. Eine weisse Fläche, darüber der Oberalpstock, ein tiefblauer Himmel, leichter Wind, Stille, Einsamkeit. Es ist auf diesen flachen Gletschern wie auf einem Meer, man zieht ruhig dahin, versucht Kurs zu halten, Spaltenzonen auszuweichen, kommt scheinbar langsam und doch schnell voran. Alles ist still, kalt, rein, und voller Licht. 




Wir erreichen den Übergang viel schneller als erwartet. Stehen im Gegenlicht herum und machen Bilder, als seien wir auf einem berühmten Gipfel. Vor uns liegt ein steiler Absteig, Firn, Geröll, Toteis. Weit unten ist es grün. Wir gehen, langsam, Schritt für Schritt. 





Und als wir endlich wieder im Grünen sind, bricht eine seltsame Freude hervor. Wir reissen uns die schweren Schuhe von den verquollenen Füssen, waten durch den eiskalten, glasig klaren Bach, zerren uns die Kleider vom Leib, springen hinein, verbringen ein paar Sekunden in diesem eiskalten Whirlpool bis uns das Herz zu zerspringen droht. Legen unsere Leiber in die Sonne, lassen uns die Brust verbrennen. Ich schliesse die Augen, sehe das Rot in meinen Lidern, spüre das Wallen in meinem Blut. Ich denke an Frauen, und dass ich sie alle haben will, hier und jetzt.




Ein saurer Wind weckt mich aus dem Schlaf. Erste Schatten haben sich in die Rinnen an den Talflanken gelegt. Ich springe auf, streife feuchte Kunsfaser über die fröstelnde Haut, klebe den Rucksack an meinen Rücken. Wir müssen weiter, sind noch lange nicht am Ziel.


In der Fallinie geht es über Gras und Geröll hinauf in den Pfad, der auf den Chrüzlipass führt. Ein Dutzend Steinmänner stehen hier, kunstvoll errichtet, wie ein Heiligtum. Wir sind wieder in begangenem Gelände. Der Pfad zieht hinunter ins Etzlital, unter den Stromleitungen nach Sedrun hindurch zur Hütte. Hier herrscht Familienstimmung. Es gibt einen heisses Bad, solarbetrieben, Bodensee-Alemannisch schnattert um die Sonnenbeschienene Hüttenterasse. Sie gehört der SAC Sektion Thurgau, man merkt das auch an der Getränkeauswahl: Es gibt Most, von Möhl. Es könnte ein herrlicher Abschluss der Tour sein, mit Bier an der Sonne, doch wir haben noch einen Tag, und den wollen wir nutzen. 

Ein älterer Ostschweizer mit einem Hauch von Kaffe Schnaps im Atem rät uns, die Giuv-Lücke zu überschreiten. Unschwierig sei sie, für uns sowieso, meint er mit einem Blick auf unsere schweren Schuhe. Ein bisschen Steinschlag, nicht schlimm, etwas Kletterei in losem Fels, aber die Passage habe man mit einer Kette gesichert. Der Blick schweift hinauf, ganz oben sehe ich eine schwarze Stelle, halte sie für Blankeis mit Geröll. Unsinn, meint der Hüttenwart. Wir nehmen noch ein Bier. 



Und so steigen wir am nächsten Morgen in aller Frühe einen langgezogenen Moränenrücken empor, sind mit den ersten Sonnenstrahlen am Firn. Es ist beunruhigend warm. Unzählige Steine liegen auf der blanken Gletscherzunge, grosse Felsbrocken, feines Griess, kleine, scharfkantige Gesteinsknollen. Unablässig rieselt Wasser über das Eis. Es sieht alles sehr lose aus. Wir fackeln nicht lange, durchqueren eine mögliche Steinschlagbahn so schnell es eben geht. Auf der anderen Seite angekommen, pfeift es wummernd durch die Luft. Steinschlag.


Wir seilen an, kämpfen und Schritt für Schritt den Firn empor. Immer deutlich tritt nun der dunkle Streifen, der den Schnee vom Fels trennt, hervor. Ich hatte recht: Die obersten Meter des Gletschers sind blank, mit losem Geröll bedeckt. Ich atme tief durch, da überholt uns eine Zweierseilschaft. Sie gehören zu jenen neuen Bergsteigern, denen Geschwindigkeit wichtig ist, die nur das nötigste dabei haben, selbst an ihren von Marathonläufen gestählten Körpern ist kein Gramm zu viel. Sie ziehen an uns vorbei, steigen ins Blankeis ein – und verlieren alles Tempo. Über eine Stunde versuchen sie, mit ihren Leichtsteigeisen einen Weg durch diese abweisende Wand aus Eis, Geröll und Wasser zu finden, rutschen immer weider beinahe aus, balancieren, haben sichtlich Angst. Wir warten derweil nervös hinter einem mächtigen Felsbrocken, der uns behelfsmässig vor dem allgegenwärtigen Steinschlag schützen soll.


Dann sind wir an der Reihe. Ich gehe auf alle vieren, Frontzacken und Pickel beissen sich ins Eis, es ist warm und nass, aber es hält gut. Ein paar Eisschrauben weiter sitzen wir schlammbedeckt und völlig durchnässt am Fels,  suchen einen heiklen Quergang über das Eis hinüber zu Lücke. Auch diese ist alles andere als unproblematisch. Kein Griff hält, der Fels zerbröselt wie Kuchen. Was wir hier machen, ist nicht mehr Klettern, es ist ein sich durchdrücken und hochschlängeln, bis wir, endlich, in der Lücke stehen und hinunter ins Val Giuv schauen. Zigarette.

Der Abstieg ist auf den ersten Höhenmetern leicht, es liegt genug Schnee, um bequem abrutschen zu können. Dann beginnt das Geröll. Zwei mächtige Schuttbastionen liegen vor uns, immer wieder queren wir Bäche, jeder Schritt erfordert Konzentration, wir sehnen uns nach dem Grün ein paar hundert Meter weiter unten. Alpweiden, Wiesland, endlich ausschreiten können, endlich vorwärtskommen. Denn die Sonne steht hoch, und es wird langsam spät.



Doch die Wildnis macht uns ein letztes Mal einen Strich durch die Rechnung. Das verheissungsvolle Grün entpuppt sich als ein Dschungel aus hüfthohem Gras und Farn. Die Alpwirtschaft haben die Bündner hier seit langem aufgeben, die einstigen Weiden sind überwuchert. Man sieht bei keinem Schritt, wo man seinen Fuss hinsetzt. Der Untergrund ist tückisch, grobes Blockwerk, immer wieder verschwinde ich bis zum Oberschenkel in einem der Löcher. Und Schlangen hat es auch.

Wir kommen unendlich langsam voran, gewinnen kaum mehr als einen Kilometer die Stunde. Die Rucksäcke werden schwer, die Zunge klebt am Gaumen, die Stirne brennt von der Sonne. Als wir endlich in beweidetes Gelände gelangen, wird es Abend, und uns wird langsam klar, dass wir heute nicht mehr heimkommen.

Die Stimmung wird gereizt, als aus dem Nichts ein sportlicher Bündner auftaucht. Er hat einen Pick-up-Truck bei der nahen Alphütte geparkt, bringt uns hinunter ins Tal. Bevor wir zurückschauen können, fahren wir los. Noch benommen von der Sonne sind wir plötzlich in Disentis am Bahnhof, 1.August-Böller krachen durch das Tal, wir sind im Zug, rauschen am Bergsturz von Flims vorbei, rennen in Chur über die Perrons, rattern im Dunkel dem Wahlen- und Zürichsee entlang, Feuerwerk über dem Wasser und Rauch. Stunden später sitze ich frisch geduscht mit bleiernen Gliedern vor zwei Bildschirmen, ohne Wetter und Tageslicht, im flimmernden blauen Licht des Newsrooms. Ein letzter schroffer Übergang.  














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