août 19, 2012

Terra Rossa


Manche Berge haben auf Italienisch die schöneren Namen. Zum Beispiel das Wasenhorn, unweit des Simplons, der Nordeuropa mit dem Süden verbindet, das Wallis mit den Städten Norditaliens, die den Berggermanen der inneralpinen Passlandschaften einst zu Macht und Reichtum verholfen hatten. Terra Rosa heisst der Grenzberg auf seiner italienischen Seite, und dieser Name passt: Wie eine Marslandschaft präsentieren sich die Schutt- und Moränenhänge am Fusse des Monte Leone. Rotes Geröll, wohin man blickt. Und heute scheint es noch etwas roter zu sein als sonst, denn es ist der heisseste Tag des Jahres, 12° C selbst auf dem Jungfraujoch. Der Felsgrat scheint zu Glühen. 




Am Abend zuvor war es noch angenehm gewesen. Mitten in Heidelbeerfeldern hatten wir uns einfach auf den Rücken gelegt und waren unter Sternschnuppen eingeschlafen. Danach folgte der Aufstieg, einer alten Suone mit frischem Bergwasser entlang, über Bäche, Felsplatten, bis die Sonne da war und mit ihr die Hitze. Und der prächtige Ausblick, über das ganze Rhonetal hinüber zu Aletschhorn und Berner Alpen, und hinauf zum schwitzenden Eispanzer des Monte Leone. 


Wenn da nur nicht diese Hitze wäre. Natürlich sind wir viel zu schwer ausgerüstet für die Tour. Italiener in kurzen Hosen, leichten Klettersteigschuhen und kaum sichtbaren Rucksäcken überholen uns, währen wir in schwerer Bergsteigerkluft über den Blockgrat keuchen. Heute sind wir die schlecht Angepassten. Im hohen Norden, in Sturm und Winter mögen wir uns auskennen. Doch heute, unter diesen Bedingungen, ist die Landschaft eine andere. Hier gelten heute nicht die Gesetze von Fjell und Vidda, sondern jene von Macchia und Djebel. Irgendwann schauen wir uns an und geben auf. 




Eine kleine Pause, und plötzlich fällt auf, dass sich der Bergsommer trotz der Hitze bereits dem Ende zuneigt. Das Gras ist braun und verbraucht, Blumen und Schneeflecke verschwunden. So kündigt sich der Herbst an. Doch noch ist da die Hitze, und wir suchen uns ein neues Ziel: Den See am Chaltwasserpass. Die Kleider vom Leib gerissen, und hinein in das Wasser. Das bekommt uns Rotbärten besser als die Hitze im Fels. Uns kommt es nicht einmal kalt vor, man kann hier wirklich schwimmen, in langen Zügen, weit hinaus, stets den Gletscher vor Augen. Ein kleiner arktischer Traum an diesem sonst so mediterranen Tag. 



Verschwitzt, zufrieden und mit einem selbst gebrannten Holunderschnaps im Magen marschieren wir der Sonne entlang zurück zum Simplonpass. Hier herrscht mittlerweile viel Betrieb. Die Bewohner der umliegenden Täler haben sich kurzerhand in ihre Wagen gesetzt und sind auf den Pass gefahren, um der Bruthitze im Tal zu entgehen. Für einen Tisch im Passrestaurant reicht es nicht mehr, es gibt eine Büchse Bier vom Kiosk. 

Ich stelle mein Telefon an und erreiche eine Nachricht von ihr. Dreitausend Kilometer weiter nördlich ist sie nach einer strapaziösen Tour durch die arktische Wüste endlich wieder in Longyearbyen angekommen. Doch das ist eine andere Geschichte. 


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