août 15, 2010

Über den Eisfjord


Auch wenn ich das ganze Jahr an einem exotischen Ort verbringe – Sommerferien müssen sein. Denn so faszinierend das Leben in Longyearbyen scheint, wenn man nur für ein paar Tage oder Wochen hier ist, so eng kann es auch werden, wenn man hier lebt. Jeden Tag dieselben Felsen, dasselbe kleine Dorf, die gleichen Gesichter auf dem kurzen Weg hinunter zur Universität.

Die Einheimischen – jene also, die mehrere Jahre hier leben, pflegen deshalb eine intensive Ferienkultur: Ohne etwas Abwechslung, ein paar Tage in einer richtigen Stadt, ein paar Wochen an der Sonne oder einem Wildnisabenteuer an Orten, wo es auch Bäume hat, hohe Berge oder richtig guten Pulverschnee, könnte irgendwann doch Inselkoller aufkommen. 

Auch wir machen deshalb Ferien in der Stadt. Um genau zu sein: In einer russischen Geisterstadt. Drei Schiffstunden nördlich von Longyearbyen liegt Пирамида, Pyramiden. Einst ein sowjetisches Prestigeprojekt, besetzte die Minensiedlung bis 1998 den Titel der "nördlichsten Ortschaft der Welt", der heute Touristen aus aller Welt nach Longyearbyen zieht. 1000 Menschen lebten damals in der unwirtlichen und steinigen Landschaft des Dickson-Lands, es gab ein Hotel, eine Schule, sogar einen gross angelegten Kulturpalast, in dem zu kommunistischen Zeiten regelmässig namhafte Sowjet-Künstler auftraten.

Heute ist Pyramiden verlassen, bis auf ein paar Arbeiter, welche die nötigsten Reparaturarbeiten vornehmen, und einem kleinen Team von Guides, welche Touristen durch die verlassenen Strassen der Stadt führen. Im Sommer kommt man dorthin nur mit dem Schiff - und bereits die Fahrt durch die nördlichen Ausläufer des Isfjords ist ein Erlebnis. Frischer Sommerschnee hat die Bergwelt in weiss gehüllt, und während der Fahrt bricht langsam die Sonne durch die Nebel und lässt das eisige Wasser aufleuchten:









Svalbard muss man zu Wasser erlebt haben – wie überhaupt den «Westnorden», jene kalten Inseln im Nordatlantik, deren Küsten einst die Holzschiffe der Wikinger angesteuert hatten. Es ist das Meer, das die Inseln miteinander verbindet, und aus dem hier alles Leben kommt: Das kalte Wasser ist voller Fisch, Eisbären, Robben und Walrosse leben davon, ebenso die Seevögel, ohne die es widerum der Polarfuchs schwer hätte. 

Mit Ausnahme der Rentiere hängen hier alle Wesen vom Ozean ab – auch der Mensch: Nicht umsonst liegen die wenigen Siedlungen und Trapperstationen hier alle am Meer. Die sumpfigen Täler und ruppigen Pässe sind im Sommer kaum zu überqueren – im Boot dagegen gleitet man scheinbar mühelos an den grandiosen Landschaften vorbei.


In Pyramiden angekommen, trennen wir uns von den anderen Bootstouristen, die auf Stadtführung gehen. Wir haben ein anderes Programm. Karsten und Steffi, unsere Guides auf diesem Trip, haben etwas weiter hinten im Tal ein kleines Camp organisiert. Und dank der russischen Connections der beiden werden wir sogar hingefahren: Jewgeni, der als einer der wenigen permanent in der Geisterstadt lebt, karrt uns mit seinem klapprigen Toyota-Bus über die rumpligen Schotterstrassen zu unserem Camp. Unsere Ferien können beginnen.


15.08.2010

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