décembre 21, 2012

Zerrissene Zeit


Einst begannen in der Heiligen Nacht zwölf Nächte, in denen alles stillstand. Es wurde nicht gesponnen, es wurde nicht gewaschen. Und jenen, die es dennoch taten, schnitt Frau Luz die Bäuche auf. Niemand reiste umher, niemand verliess das Dorf, den Hof. Jene, die es dennoch taten, kehrten blind und lahm und krank zurück. Nur die Jungen, keine Kinder mehr, aber dennoch keine Männer, waren in den Nächten unterwegs. Mit ihnen die Geister der Verstorbenen, die kamen, um die Lebenden zu besuchen. So war Weihnacht, von der Nordmeerküste bis nach Südtirol, von den Stränden des Atlantiks bis weit hinein in die Wälder des Ostens. So ist Weihnachten nicht mehr. 

Wintersonnwende, die Sonne verschwindet über den Flusslandschaften des Aargaus im Dunst. Um mich herum rauscht der Verkehr. Es beginnt leise zu schneien. Es gab eine Zeit, da stand ich zu dieser Zeit des Jahres auf einem Hügel in einem Tal, der Horizont von Tannen gerahmt. Trank mit meiner Liebsten einen Schluck Wein auf Frau Sonne, auf das sie wiederkehre. Schritt zurück zum Haus, wo ein heisses Bad und eine Nacht voll Magie, Heimat und Zärtlichkeit wartete. Bevor die Uocht mit Kerzen, Äpfeln und einem kleinen Schnaps begann. Und wir hinaus in die Winterdämmerung schritten. 

Damals wohnte und arbeitete ich auf dem Land. Nun in zwei Städten. Im TGV rase ich durch die Dunkelheit nach Westen, Firmenschilder fliegen vorbei, leuchtende Buchstaben hängen im Nichts der Nacht. Ein Besuch an einem heiligen Ort, dem Herzen der Stadt am Rhein. An dem einst Kelten opferten und später Christen beteten. Es wird viel Glühwein getrunken hier. Weihnachtsmarkt. 

Wir gehen heim, nehmen unser Milchmahl ein, wie wir es immer taten. An diesem seltsamen Ort, der noch vor zweihundert Jahren eine feuchte Wiese am Rheinufer war. Dann ein Industriequartier, Heimat in der Fremde für Bauernsöhne aus dem Inneren der Schweiz. Dann Anlaufstelle für Fliehende und Suchende aus aller Welt. Die auch bald wieder gehen müssen, weil hier bald schon eine neue Stadt entstehen wird, eine aus Glas und Beton und Geld. Vergangenheit, Zukunft. Ob die Geister aus den schwarzen Bergen zu uns kommen, in dieser Nacht, an diesem Ort?

Foto: René Brodbeck
Und dann ist da Zeit für Familie. Mit dem Auto zurück nach Osten, quer durch die Schweiz. Beton, Asphalt, grandiose Kulisse. Plötzlich riecht es wieder nach Kühen und Stall, doch etwas ist anders. Man ist sich fremd geworden. Die Reisen sind zwischen uns geraten. Und wieder, 180 Kilometer quer durchs Mittelland, durch ein Loch durch Jura, zurück an den Rhein. Auch hier wird viel gefeiert. Und ich falle aus der Welt und verbringe finstere Abende in düsteren Kneipen. Bis es nicht mehr geht und wir hinaus müssen ans Licht, mit dem Zug ins Herz der Alpen, mit der Bahn hoch, auf 2900 Meter. Wo Licht und Reinheit und Sonne ist. Zwei Tage nur. Dann rasen wir zurück, mit dem Taxi durch eine Stadt, die im Silvestertaumel jede Selbstbesinnung verliert. Gewalt, Chaos, Neue Welt. Um am nächsten morgen wieder auf die Autobahn zu gehen, wieder in den Osten. 

Als wir dort ankommen, ist es kalt und nieselig. Ein trauriger Nebel liegt über dem Land. Schon ist die zwölfte Nacht. Wenn Weihnachten nicht mehr sein darf: Diese Zwölfte Nacht soll sein, wie es Recht ist. Wir werden uns nicht schonen. 




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