janvier 02, 2013

Schmerz und Eisen



Nach zwölf Tagen in einer zerrissenen Zeit finde ich endlich Ruhe. Draussen hängt das Nieselwetter tief herab. Kein Schnee weit breit. Die Dämmerung senkt sich langsam über das alte Bauernhaus. Drinnen Kerzenlicht, ein Feuer im Ofen. Menschen aus allen Ecken und Winkeln der Alemannia. Sie sind hier hergereist, um diese Nacht so zu erleben, wie sie einmal war. Wie sie immer noch ist. Brot und Wurst und Käse, Bier und Wein und Kaffee Schnaps. Jasskarten auf den Tischen, erzählen, lachen. Es draussen dunkel werden lassen. Alte Sagen. Von den Naachäslerren. Vom Friesenzug. Von der Finnburg weit draussen an der See, von Geistern in den Dörfern Schwabens und den Sümpfen Burgunds. 


Dann klopft es an die Tür. Laut und harsch. Und sie tritt herein. Mit ihr die Kälte. Und plötzlich stehen wir auf den Mauern einer alten Burg im Regen. Schwärze im Gesicht. Eisen in den Händen. Den Geschmack von altem Cognac im Mund, der Geruch von feuchtem Leinen in der Nase.  





Endlos geht es durch die Nacht. Am Anfang ist da noch so etwas wie Schmerz. Müdigkeit. Unleidigkeit. Erinnerungen an einen Körper, der heute verschwinden muss. Dann ist da nur noch Nacht. Ein Mann vor mir, weit entfernt der Schatten einer Frau. Ein Heer hinter mir. Und dieses Eisen in den Händen, es verschmilzt mit mir, wird meine Bewegung, wird meine Zeit, mein Sein. Weiter, weiter. 

Kurz nur wird es manchmal hell. Menschen sitzen in einer Hütte, Kerzen brennen, Feuer loht. In mir der Geschmack von gebratenem Käse und Weisswein, die Wärme von Zucker und Schnaps. Um mich Lachen, Sprüche, Sprachen. Dann sind wir wieder in der Nacht, und der Weg vor uns hört nicht auf, und hört nicht auf. Das Wummern der Treicheln, das Schrillen der Glocken verschmilzt zu einem Ozean aus Rhythmus und Lärm. Und aus dem geschmiedeten Puls dringen Klänge aus der Welt hinter den Schatten, infernalisches Kreischen, wie aus tausend Kehlen, und dahinter eine elende traurige Melodie. Ein Lichtlein vor uns, sein Schein begrenzt die Welt, meine Treichel bewegt sich nicht, ich drehe mich um sie. Dann wieder Menschen und Wärme, Wut und Wahnsinn, Kraft und Leben aus dem Tod. 





Dann ist es vorbei. Ich stehe alleine auf der Burg und merke, dass es zu schneien begonnen hat. Von Ferne höre ich Lachen und fröhliches Toben. Das Fest in vollem Gange. Feuchte Flausen treiben mir in den verklebten Bart. Kraft strömt langsam und bleiern aus den Gliedern, es wird plötzlich kühl. Ich will denken, dass alles gut wird, irgendwann, doch noch, ganz bestimmt – und merke, dass es gut ist. Schon die ganze, ganze Zeit. 



Aucun commentaire: