janvier 04, 2013

Sturz ins Licht



Wenn die elektrische Nacht nicht länger auszuhalten sind, wird es Zeit zu fliehen. Und so stehen wir an diesem Morgen unvermittelt zuoberst auf einem Berg, um uns nur Himmel und Gipfel und Weite, unter uns nur Schnee und Einsamkeit. Noch sind da die Alpendohlen, die den Touristen ihre Sandwichkrümel stehlen, ein paar verwehte Fetzen Zürcherdeutsch und Schwedisch. Eine schmale Eisentreppe hinunter, an einem Warnschild vorbei, und die Bergwildnis beginnt. Ein paar kräftige Schwünge, und vom Skigebiet ist kaum mehr zu sehen als ein Block aus Beton auf Gneiss. Man übersieht ihn leicht. Vor uns weisse Hänge, frischer, sicherer Schnee. Und am Ende der Abfahrt eine gemütliche, kleine Berghütte, ein paar Skibergsteiger, heisser Tee.



Ich liebe diese Gegend, im Herzen der Alpen, dort wo Rhein, Rhone, Inn und Tessin ihren Ursprung haben. Wo man keine Bäume und Häuser sieht, weit und breit. Nur Berge und Schnee, Schluchten und Felsen. Nirgendwo kommt die Schweiz dem so nahe, was ich sanften Herzen Spitzbergens, dem Nordenskjöldland, ein Jahr lang erleben durfte. Und wenn am frühen Nachmittag das Licht schon schwindet, zaubert der Himmel dieselben zarten Farbtöne auf die Mondlandschaft, die ich seit jenen Tagen vermisse.


Arktische Welt an Vermigel. Arktisch wird es auch nächsten Tag. Denn die Wintersonne ist hell, aber fern, und das Licht vermag nur kurz darüber hinwegzutäuschen, dass hier der Hochwinter herrscht. Schon auf den ersten Höhenmetern bläst uns der Wind erbarmungslos ins Gesicht, und je höher wir kommen, desto mehr gewinnt er an Kraft. Schneekristalle rasen und wirbeln über die verblasene Oberfläche, brennen in den Augen, stechen ins Gesicht. Doch dieses Licht in den Eisschauern. Diese Ruhe, die sich hinter dem Knattern der Kapuze verbringt.











Auf dem Gipfel, mit Blick hinunter in die Leventina, auf einer der grossen Wasserscheiden des Kontinents, die Überraschung: Hier, nur hier, ist es vollkommen Windstill. Da mag die Sonne sogar etwas zu wärmen. Wir sind allein mit einem Pärchen aus den Niederlanden. Sie fahren heute noch hinunter bis Airolo, von der Eiswüste in den Wald. Wir kehren zurück nach Norden.


Die Abfahrt wird schön, auf den vom Wind fast schneefrei gefegten Rücken manchmal etwas schwierig. Stunden später sind wir in Andermal, zurück in der Welt, befreit, dankbar für diese kleine Flucht ins grosse weisse nichts.


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