mars 28, 2013

Zu Besuch in Walserland



Der Weg vom Bedretto hinüber ins Pomatt ist beschwerlich heute. Ein rauher Wind streicht über den Passo di San Giacomo, der Nebel verschluckt alle Konturen, gibt dem Lärchenwald etwas Sibirisches. Trotzdem ist es irgendwie warm, feucht, man schwitzt, man friert, und wir kommen nur mühsam voran.  Und sind froh, als wir das Rifugio Maria Luisa vor uns haben. 

Die Nacht ist ein Fest. Diese italienischen Hütten! Ein paar Freerider, sie kommen vom Basodino, verbreiten Partystimmung in der gemütlichen Bar, im Speisesaal isst man von weiss gedeckten Tischen, das Fleisch ist gut, der Wein auch. Eine gemütliche Nacht und einen kurzen Morgen später stehen wir, die Ski noch an den Füssen, mitten in Riale. 



Oder Cherbächè, wie das Dorf richtig, auf Walserdeutsch heisst. Im frühen 13. Jahrhundert zogen germanische Bauern über den Griesspass hierher – es war der Beginn einer langen Wanderung, die die Walser bis weit in den Süden und Osten der Alpen bringen sollte. Hier, auf 1700 Meter über Meer, zwischen Felsflanken, Wildbach und Moor, hatten die Romanen aus dem Val d'Ossola bis dahin höchstens Jagdgebiete und Sommerweiden für ihr Vieh vorgefunden. Die alemannischen Siedler, die ihre aus dem kühlen Norden mitgebrachte Lebensweise in den Combes des Goms perfektioniert und an die Verhältnisse in den höchsten Lagen der Alpen angepasst hatten, sahen in dem kargen Hochtal eine Lebensgrundlage. 

Sie bauten – und überstanden in den Jahrhunderten danach die furchtbaren Winter der Kleinen Eiszeit ebenso wie die politischen Stürme, die über den Alpenkamm fegten. Noch 1951 schneite es hier soviel, dass das Kirchlein im Dorf beinahe bis zum Giebel in den Schneemassen versank. 



Auch heute spürt man noch etwas von der Abgeschiedenheit, die hier während der langen Schneemonate herrschte. Im Dorf stehen Snowscooter statt Autos, die Strassen sind nicht geräumt, Holzhäusser ducken sich düster unter dem Wetter. Das hier ist mehr Norwegen als Italien. Eine letzte Grenze der germanischen Bauernkultur, wie Island, wie die Lofoten, wie die Inseln des Wattenmeers. Südnorden. 


Immer noch beeindruckt von der Geschichte dieses seltsamen Tals, stehen wir plötzlich vor einer schweren Entscheidung. Wir wollten weiter hinein in die felsigen Schluchten, über den Gletscher, hinüber ins Binntal. Doch es gibt Probleme. Material, das nicht funktioniert. Beschwerden, die sich wieder melden. Wir sind zu spät und zu langsam. Und müssen zurück. 

Wie zum Hohn reisst es nun auf, Basodino und Chastelhooren gleissen ins der Sonne, der Schnee ist wie Zucker, es ist Weisswinter, Lichtfrühling!  Und wir ziehen über den flachen Pass zurück in die Schweiz. Das Bier in in All'Acqua tröstet für die Dauer eines ersten Sonnennachmittags. 

Es hat uns wieder ausgespuckt, das Urland der Walser. Und für uns hört der Winter mitten im Schnee, an der schönsten, prallen Sonne, plötzlich auf. 

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