septembre 15, 2013

Durch Lapplands Alpen


Wir haben es geschafft. Die schwierige Flanke entlang des namenlosen Sees im Goverdalen ist gemeistert. Wir haben eine Linie gefunden zwischen Absturz- und Steinschlaggelände und dem Wasser. Gerade noch scheint die Sonne über den Pass ins gletschergrüne Wasser. Eigentlich drängt die Zeit, die nächsten guten Lagerplätze sind weit unten im Tal. Doch an diesem See geht man nicht einfach so vorbei. 

Leicht fröstelnd, stehe ich nackt auf dem Felsen. Unter mir ist jeder Stein im klaren Wasser sichtbar. Ein endlos kurzer Moment in der Luft, es wird kalt, ich öffne die Augen und gleite über die Felsblöcke. Die Sonne scheint wie ein goldener Nebel ins Wasser. Dann endet die Lautlosigkeit, Luft stürzt in die Lungen, ich sehe den Gletscher vor mit im Wasser und darüber die schattige Wand. 

Ein paar kräftige Züge, und ich sitze zitternd auf einem warmen Stein. Ganz in Leben getaucht. Staunend, Jauchzend. Im Herz der Lyngenalpen. 



Unser Abenteuer hatte mit einer Busfahrt begonnen. Zwei Stunden von Tromsø nach Lyngseidet, über den Sørfjorden, an Moränen und Felsstürzen vorbei. Ein letzter Stopp im Rema 1000, dann im leichten Regen über einen ausgetretenen Pfad zur kleinen Skihütte oberhalb der Ortschaft. Unterwegs begegnen wir ein paar einheimischen in Gummistiefeln und grossen Plastikkesseln – es ist Heidelbeerenzeit. Wir heizen den Ofen ein bis die kleine Stube zur Sauna wird, brauen uns aus Whisky und Dime einen Trunk, der uns die ganze Tour begleiten wird.


Der nächste Tag wird gross. Das Wetter ist gut, die Landschaft weit, der Weg leicht zu finden. Es ist September im Norden, die Zeit der Ruska: Sträucher und Gräser leuchten rot, es riecht nach Herbst. Wir sind in Wanderstimmung. Auf einem Stein gibt es Rentierwurst mit frischen Heidelbeeren, dazu Roggenbrot. Wir lassen uns Zeit, ziehen gemächlich voran ins Kvalvikdalen. Langsam kehrt nach der Hektik der Reise die grosse Ruhe ein, die es nur an solchen Orten gibt, auf solchen Touren. 


Auf einer Terrasse über dem Dalvatnet stellen wir das Zelt zum ersten Mal auf. Ein Abstecher zum Rypedalsvatnan und der Gletscherzunge des Nuorttabealjiehkki liegt noch drin, denken wir. Doch daraus wird nichts: Im Rypdalen finden wir  kaum zehn Meter, auf denen man normal gehen kann. Steine, Steine, Steine. Nach zwei Stunden hüpfen und balancieren sind wir noch weit vom Gletscher entfernt. Es geht zurück, und ich überlege mir zum ersten Mal, wie die Pässe vor uns wohl zu gehen sind. 


Die Wüstenlandschaft im Rypdalen war nichts im Vergleich zu dem, was uns am morgen erwartet. Um etwas Zeit zu sparen, bin ich direkt auf eine Geländekuppe oberhalb unseres Zelts zugesteuert. Dort stehen grosse Blöcke, ich sehe eine Moräne, die wohl schnell zu überqueren sein sollte. 

Was uns erwartet, ist aber keine Moräne, sondern ein riesiges Blockmeer. Steintrümmer, gross wie Lastwagen, sind wild ineinander verkeilt. An ein normales Gehen ist nicht mehr zu denken. Es heisst klettern oder kriechen. Einmal geht es wie an einem Blockgrat im II. Grad in die Höhe, Minuten später kämpfen wir uns wie Höhlenforscher durch enge Hohlräume. Den Überblick oder die Richtung zu halten, ist kaum möglich. Wir sind ein einem Labyrinth, und zu allem Überdruss verwandelt der Regen die Landkartenflechten in schlüpfrige Stolperfallen. 

Wir brauchen den ganzen Vormittag. Als wir endlich wieder Boden unter den Füssen haben, sind wir kaum zwei Kilometer von unserem letzten Lager entfernt. Und das Wetter wird nicht besser. 



Durchnässt, von Gammeldaws Flæskesvær und Schokolade nur halbwegs gestärkt, geht es über Geröll und kleine Bäche dem Pass zwischen Bredalen und Lyngsdalen entgegen. Die Stimmung ist düster und neblig. Wasser, Steine, Gletscher. Und der ewige Wind. 



Der Blick auf diese nordische Hochgebirgswildnis ist ergreifend – und einschüchternd zugleich. Denn noch liegt die Schlüsselstelle unserer Tour vor uns. Der Abstieg ins Lyngsdalen Wir wissen nicht viel mehr, als dass der Weg rechts vom . Und der Abstieg auf der linken Seite schon erfahrenen Fjellgänger in schwierige Situationen brachte. Angeblich müsse man «til høyre for den store knausen på høyre side av elva» gehen. Tatsächlich ist ziemlich weit weg vom Bach ein runder Felsrücken zu sehen. Nun heisst es, den Weg zu finden. 

Das geht gar nicht schlecht. Zwar wird das Gelände immer steiler, doch zwischen den rundgeschliffenen Felsabstürzen finden sich immer wieder flaches Gelände. Wir tasten uns langsam vor, bis es nicht mehr weiter geht. Wir stehen zuvorderst auf einer Fluh. Also etwas zurück, über ein kleines Bächlein, wo es zwischen Birken auf einen noch tieferen Absatz geht. Doch auch hier stehen wir über der Felswand. Angestrengt versuche ich durch das Birkendickicht etwas von der umgebenden Landschaft zu sehen. Und tatsächlich: Nur wenige Meter entfernt liegen grosse, unbewachsene Blöcke. Das muss die alte Seitenmoräne des Vestbreen sein. 

Wenig später sind wir auf der Moräne und haben freien Blick ins Tal. Wir widerstehen der Versuchung, den steilen Rinnen im Moränenschutt zu folgen. Zu unberechenbar ist das Material. Wir folgen der Krete bis zu einem Felsriegel. Über einfache Felsstufen gelangen wir schnell und umschwierig ins Tal. Der Blick zurück macht euphorisch: Wir haben den einzigen richtigen Weg gefunden. Noch lebt es also, das Gemsjägerblut!





Nach einigen kräftigen Schlucken durchmessen wir den Sander und finden im Birkenwald einen gut begangenen Weg. Im weiten Talboden des Lyngsdalen stellen wir unser Zelt auf. Die Müdigkeit ist gross. Die Freude auch. 


Wie schön unser Lager liegt, merken wir erst am nächsten Morgen. Ein weiter Talboden, ringsherum Schneeberge, drei mächtige Gletscherzungen in den Seitentälern. Eine perfekte Arena – wäre sie in den Alpen, es gäbe hier ein Hotel, einen Parkplatz, einen Gletscherlehrpfad. Doch hier ist nichts und niemand. Nur Sonne und Wasser.  


Die breit gefächerten Arme der Lyngsdaleselva sind leicht zu durchqueren. Das Wasser ist kalt und reissend, doch der alte Norwegetrick, mit dicken Wollsocken zu waten, wirkt, und nach jeder Furt gibt es einen Halt in der warmen Sonne. Und frische Heidelbeeren. 


Dann endlich wieder Moor und Gras. Das gehen fällt leicht, die Schritte werden länger. Am Førstevatnet liegen wir stundenlang in der Sonne. Blegerren. Wir hätten hier bleiben sollen. Denn weiter oben im Tal wird es wieder steinig, und die Sonne verabschiedet sich rasch. Die Suche nach einem Zeltplatz gestaltet sich schwierig, und es wird nicht unsere beste Nacht. 






Als die Sonne wieder ins Tal lugt, sind wir längst unterwegs und zurück im nordischen Hochgebirge. Es gibt Steine, Bäche, Seen, und Steine. Keine Spur von einem Weg. Doch mittlerweile sind wir an das Gelände gewöhnt und tänzeln über Ggol u Ggufer, als kannten wir nichts anderes. 




Im Goverdalen stehen wir vor der letzten Herausforderung. Leicht kommt man am Passsee nicht vorbei. Die Geröllhalden auf der Nordseite sehen von weitem zwar umschwierig aus. Doch sie sind es nicht. Direkt am Ufer versperren Felsen den Weg. Ich versuche, hoch zu gehen. Doch das Geröll wird immer feiner, bis wir in hart verbackenem Till unterwegs sind. Mit den Schuhen Tritte zu schlagen ist nicht möglich, zu kompakt ist das Material. Und abzurutschen können wir hier nicht riskieren. 

Also folgen wir einem Bachlauf hinunter bis an das Ufer, kraxeln zwischen Felsblöcken und Wasser bis kurz zu den Felsvorsprüngen, steigen wieder auf. Wieder war unser Weg der richtige. Nach zwei angespannten Stunden kommen wir am westlichen Ende des Sees an. Es ist der Höhepunkt der Tour. 






Als wir wieder angezogen sind, liegen bereits lange Schatten über dem Rundvatnet. Wieder geht es über Steine und Geröll. Für einen Augenblick denken wir daran, doch noch zum Pass hinüber ins Ellendalen aufzusteigen. Doch ein Blick in die Scharte lässt uns weitergehen: Jetzt, im Spätherbst, ist der Schnee auf dem namenlosen und auf der Karte nicht eingezeichneten Gletscher verschwunden. Zwischen uns und dem Ellendalen liegt steiles Blankeis. Und wir haben keine Steigeisen. 


Also weiter, hinunter ins Andersdalen. Weit kann es nicht sein. Denken wir. Doch wieder führt der Weg über Blöcke. Wir klettern, keuchen, kommen kaum vorwärts. Auf rund 300 m stehen wir noch einmal vor einer Entscheidung. Links eine Blockmoräne, rechts glattgeschliffener Fels. Wo geht es hinunter? Geht es überhaupt irgendwo? Wieder heisst es das Gelände prüfen. Die Logik in der Landschaft finden. Sich den Gletscher vorstellen, der hier einst war, sich überlegen, wo er erodiert hat, wo Moränen zu erwarten sind. 




Wir haben die richtigen Schlüsse gezogen. Die Moräne hat sich als Felssturz entpuppt, darunter eine glatte Wand. Unser Weg rechts vom Tal war unschwierig. Es wird Abend, und die Sonne bescheint nur noch die Gipfel, als wir die Steinwüste verlassen und endlich wieder auf Gras und Zwergholz wandern. 

Es ist der Augenblick, in dem ich meinen Kopf abschalte. Die Anspannung fällt von mir ab. Ich trotte friedlich meinem Kameraden hinterher, über Bäche, durch Sumpf. An einem heiligen Stein vorbei, der wie ein Weltenberg in einem Moortümpel steht. Hinein in den Birkenwald, wo die matten Farben im letzten Licht unwirklich werden. Weisse Falter wirbeln wie Blüten durch die Luft. Ich habe keine Ahnung, wo wir sind, uns es ist mit vollkommen gleichgültig. Wir verlaufen uns, merken irgendwann, dass wir viel zu weit marschiert sind. Wir stellen unser Zelt an der Storelva auf. Danach traumloser Schlaf. 


Nun liegt das Hochgebirge hinter uns. Dies ist der Norden, wie man ihn sich vorstellt. Ein rauschendes Wildwasser, Wald, Moor. Elchgebiet. Gemütlich wandern wir gegen Mittag zum Tal hinaus, erst auf Waldpfaden, dann auf einem befestigen Weg, schliesslich der Strasse entlang. Farbige Häuser stehen am Fjord, selten kommt ein Auto. In Lakselvbukt warten wir den halben Tag auf einen Schulbus, der uns zurück bringen soll. Wir sitzen vor einem Kiosk in der Sonne, trinken Kaffee, halten Schwätzchen mit den Nordnorwegern. Es ist ein bisschen wie im Süden. 



Aucun commentaire: