mars 10, 2014

Entfesselt


Wir sind zu Besuch hier. Wenige Minuten ennet der Grenze. Wo die Tankstellen sind und die Autobahnen und die Bankomaten. Und der Rhein in einem strengen Korsett fliesst, weil er Grenze sein muss. Grenze zwischen was? In der Raetia Prima? Wo man ein Alemannisch spricht, das das alte Latein mit jedem «a» verrät? 

Wir sind zu Besuch hier, bei einem alten Freund, dem ich nie die Hand geben konnte. Aber, wenn einer stirbt, stirbt dann alles?

Die Antwort im Dorf ob dem Rheintal ist ein kräftiges Nein. «Was mahent iir då? Aso, dr Vatter isch a då gsii! Bischd en Roota in dem Fall? S' ischd offeriart! Kum in's Öschtricherhuus!» Es ist ein warmes Willkommen, und wir gehen als letzte. 

Wochenlang haben sie gearbeitet an ihrem Funka. 22 Meter hoch ist er geworden, und er hat 36 Minuten lang gebrannt. Eine Fackel im Ländle, ein Feuer, das immer auflodert, wenn der Mond dem Winter zeigt, dass es Zeit ist, zu gehen, 40 Tage bevor er nach der der Tagundnachtgleiche voll wird. Sie bauen diesen Turm, weil sie da sind. Sie bauen ihn für die Kinder und die Grossväter  und all jene, die dabei waren und zu früh gegangen sind. Oder auch nur für die Maatla und für sich selbst, und das ist alles das gleiche, weil sie im Funka alle sind.  In dem Augenblick, wenn der Turm in sich zusammenfällt und der Himmel rot wird und die Sprangen in den Himmel stieben.

Sie sind verkatert von der Funkenwache, als die Zuschauer schauen und staunen, wie hoch auf der Leiter eine Fackel ins Holz greift – und die Männer die Kraft der Sonne entfesseln, die im Bergholz war, die heim will, in den Himmel stürmt, in die Kälte und ins Nichts. Zu den anderen Funken. Den Sternen. 



Original Soundtrack vor Ort (weil es der grösste Tag des Jahres war):

Alterativer Soundtrack (weil es auch ein Totenfeuer war):

Fotos Æ.W.

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